Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

Mittwoch, 23. Oktober 2019 ∙Nr. 246∙240.Jg. AZ 8021Zürich∙Fr. 4.90 ∙€4.


Mario Draghi: Der abtreten de Präsident hat die Europäische Zentralbank stark verändertSeite 27


Sunrise kapituliert


im Streit um UPC


Die Mehrheit der Aktionäre ist gege n den Kauf


Die Übernahme des Kabel­
netzbetreibers UPC durch
Sunrise ist vomTisch.
Die entscheidende General­
versammlung wurde in letzter
Minute abgesagt.Das ist
eine schwere Niederlage für
Sunrise­PräsidentPeterKurer.

STEFAN HÄBERLI

Am Mittwoch hätten die Sunrise­Aktio­
näre im Zürcher Hallenstadion über die
Zukunft derTelekomfirma abstimmen
sollen.Das wichtigsteTr aktandum der
ausserordentlichen Generalversamm­
lung (GV): Soll Sunrise frisches Kapital
im Umfang von 2,8 MilliardenFranken
aufnehmen, um den Kabelnetzbetreiber
UPC zu kaufen? Ein offiziellesVerdikt
zu dieserFrage wird es nun nicht geben;
die Arena bleibt leer. Sunrise hat die GV
am Dienstag kurzerhand abgesagt.

Pirouettenbei den Gegnern


Das Unternehmen begründet dies damit,
dass sich dieFrage erübrigt habe. Rund
60 Prozent der Aktionäre, die ihre Aktien
zur Abstimmung an der GVregistriert
hätten, sprächen sichgegen die Kapital­
erhöhung aus.Ein Scheitern war damit
vorgezeichnet. Unter diesen Umständen
hat das Management laut dem Sunrise­
Chef OlafSwantee denVerwaltungsrat
gebeten, die GV nicht abzuhalten.
Die Kapitulation ist vor allem eine
Niederlage für den Sunrise­Verwal­
tungsratspräsidentenPeterKurer. Die­
ser beteuerte zwar vor wenigenTagen in
einem NZZ­Interview,dass er lediglich
die Mehrheitsmeinung desVerwaltungs­
rats nach aussen trage. Er dominiere das
Gremium nicht, sondern fungiereeher
als Moderator. Ob zuRecht oder nicht:
In der Öffentlichkeit wurdeKurer als
Geburtshelfer undTr eiber hinter der
UPC­Übernahme wahrgenommen.
Das machte ihn zur Zielscheibe von
Freenet,demgrössten Sunrise­Einzel­
aktionär. Die deutscheFirma hält nicht
nur knapp 25 Prozent am zweitgröss­
ten SchweizerTelekomunternehmen.
Sie war es auch, die den Aktionärsauf­
stand anführte. Ihr Chef, ChristophVi­
lanek, setzte sich im Streit um die UPC­
Übernahme alsRebellenführer in Szene.
ErbezeichneteKurer etwa als «Autokra­
ten». Dieserrevanchierte sich,indem er
Freenet ein «Mephisto­artigesVerfah­
ren» vorwarf. Dass der Streit derart eska­
li eren würde, war nicht vorgezeichnet.
Die beidenFreenet­Vertreter im acht­
köpfigen Sunrise­Verwaltungsrat sollen
zunächstglühende Befürworter der UPC­
Übernahme gewesen sein. Als sich die
monatelangenVerhandlungen zwischen
Sunrise und dem UPC­Besitzer Liberty
Globalin dieLänge zogen, sollFreenet
gar auf einen zügigenAbschluss gedrängt
haben. Als der Kaufvertrag imJanuar
schliesslich unterschriftsreif auf dem
Tisch lag, machten die Deutschen jedoch
einenRückzieher. Dasich dierestlichen
Verwaltungsräte für die Übernahme aus­
sprachen, befand sich der grösste Sunrise­
Aktionär in der Minderheit.

Zunächstkonzentriertesich die Kri­
tikvonFreenet auf die finanzielle Seite
derTr ansaktion: Der Kaufpreis von6,
MilliardenFranken für UPC sei über­
rissen. Die Kapitalerhöhung im Um­
fang von 4,3 MilliardenFranken, die
später auf 2,8 MilliardenFrankenredu­
ziert wurde, verwässeredie Anteile
der Aktionäre.Und weil Liberty Glo­
bal vollständig in bar – statt teilweise
mit Sunrise­Aktien – ausbezahlt werde,
könne der UPC­Verkäufer sämtliche
Risiken auf die Aktionäre überwälzen.
Bis MitteAugust zogFreenet den stra­
tegischen Sinn des Zusammenschlusses
nicht in Zweifel.Damals wie heute gilt:
Sunrise besitzt ein leistungsfähiges Mobil­
funknetz. UPC verfügt über ein Kabel­
netz, das rund 60 Prozent der Schwei­
zer Haushalte abdeckt. Sunrise betreibt
einebestens geölte Marketing­Maschi­
nerie.UPC leidet noch heute unter dem

Image,mit dem sich dieFirma–noch be­
kannt als Cablecom – einst wegen ihres
legendär schlechtenKundenservice be­
lastet hat. Sunrise und UPC ergänzen
sich also in weitenTeilen. «New Sunrise»
könnte mit seiner Infrastruktur denPlatz­
hirschSwisscom in den Bereichen Mobil­
funk,TVund Internet stärker in Bedräng­
nis bringen. Insofern ist es eine schlechte
Nachricht für dieKonsumenten, dass die
Übernahme Schiffbruch erlitten hat.

«KlareEntscheidung»


Nun ist dasWohl derKunden für eine
gewinnorientierte Aktiengesellschaft
nur Mittel zum Zweck. Letztlich geht
es darum, den Unternehmenswert im
Sinne der Aktionäre zu steigern. Offen­
sichtlich glaubte die Mehrheit der Sun­
rise­Eigentümer nicht, dass die Über­
nahme von UPC diesem Ziel gedient
hätte. Die Mehrheit mag sich irren. Und
gewiss verfolgten die widerspenstigen
Aktionäre ihre Interessen auch mit un­
schönen Mitteln.Dass Freenet imAugust
urplötzlichkeinen betriebswirtschaft­
lichen Sinn mehr im Zusammenschluss
erkennenwollte, warentweder ein gros­
ser Zufall – denngleichzeitig sprach sich
der Grossaktionär nach langemLavieren
offiziell gegen die Kapitalerhöhung aus.
Oder man nimmt es beiFreenet mit den
Zehn Geboten nicht immer so genau.
Wer recht hat oder sich galanter ver­
halten hat, ist unerheblich.Fakt ist, dass
ein strategisch überzeugendesVorha­
ben am legitimenWiderstand der Aktio­
näre gescheitert ist. Sunrise wird in den
kommendenWochen damit beschäftigt
sein, das Unternehmen zu stabilisieren.
Der Sunrise­ChefSwantee sagt, dass er
dasVotum der Aktionärerespektiere.
Nach der «klaren Entscheidung» gehe
es darum,imVerwaltungsrat wieder
konstruktiv zusammenzuarbeiten. Der
Frage, ob er CEO bleibe, wich er aus.

UPC-Übernahme
Kommentar:Der Scherbenhaufen
ist selbstverschuldet. Seite 11

Freenet:Der Sunrise­Grossaktionär
schlägt versöhnlicheTöne an. Seite 23

ODED BALILTY / AP

Israels Identität


ist stark


Israel ist eineder grössten Erfolgsgeschichten des 20.Jahrhundert, sagtTom Segev.
Er ist einerderwichtigsten israelischen Historiker und erklärt im Gespräch mit der
NZZ, weshalb die meisten Israeli politisch «irgendwo im Zentrumrechts» stehen,
warum es ihn froh macht, dass zuletzt so viele Araber zurWahl gingen und dass
Netanyahu eigentlich der «authentische Sprecher Israels»sei.Feuilleton,Seite 36,

Halber Sieg für den Brexit-Vertrag


im britischen Unterhaus


Boris Johnson scheitert mit ehrgeizigem Zeitplan


MARKUS M. HAEFLIGER, LONDON


Zum ersten Mal überhaupt hat das
Unterhaus eine Einigung mit Brüssel
über einen Brexit­Vertrag angenommen.
Es stimmteamDienstagüberraschend
deutlich für dieVorlage derRegierung,
die die letzteWoche mit der EU ausge­
handelte Übereinkunft in einheimisches
Recht überführt und somit mit einbe­
zieht.Anschliessend durchkreuzten die
Abgeordneten jedoch BorisJohnsons
Plan, den Brexit bis Ende Monat durch­
zuziehen.


Vieles bleibt unklar


Der Premierminister hatte die Abstim­
mung über dieVorlage, die sogenannte
BrexitWithdrawal Bill, amAbend mit
329 zu 299 Stimmen gewonnen. Den
engen Zeitplan für die Detailberatung
lehnten die Abgeordneten dagegen mit
322 gegen 308 Stimmen ab.
DieRegierung hatte die Detailbera­
tung derVorlage in nur dreiTagen bis
Donnerstagnacht abschliessen wollen.
Das Eilzugstempo verunmögliche eine
ernsthafte Prüfung, bemängelten zahl­
reiche Sprecher der Oppositionspar­
teien und vonTories,die letztenMonat
aus derRegierungspartei ausgeschlos­
sen worden waren. Die 110 Seiten um­
fassendeVorlage war denParlamen­
tariern erst amVorabend ausgehän­
digt worden. Sie umfasst 40 Artikel und
mehrereAnhänge, etwa über dieRolle
vonRegionalparlamenten, dieFortfüh­
rung und zukünftige Anpassung an den


Arbeitnehmerschutz in der EU oder die
Umsetzung der Nordirland­Regelungen.
DieRegierung stelltesich inder
Debatte auf den Standpunkt, dass die
Abgeordneten fast alle Streitpunkte
schon zigfach diskutiert hätten. Beide
Seiten spielten nicht mit offenen Kar­
ten.Johnson ging es darum, seinVer­
sprechen auf den Brexit Ende Okto­
ber einzuhalten und politisch zu punk­
ten.Laut dem Zeitplan sollte nach der
Volkskammer über dasWochenende
auch das Oberhaus dieVorlage beraten,
damit diese baldmöglichst derKönigin
zur Unterzeichnung vorgelegt würde.
Johnsons Kritiker hielten den Plan für
ein eitlesVorhaben und wollten ihn
durchkreuzen.
Johnson erklärte anschliessend, er
werde abwarten, wie Brüssel auf das
Ersuchen «des Unterhauses» um einen
Brexit­Aufschub – tatsächlich sein eige­
nes, widerwillig abgegebenes Bittgesuch


  • reagiere.DerVertrag sei der einzige,
    den es gebe, sagte er, kündigte aber auch
    die Ankurbelung derVorbereitungen
    für einen vertragslosen Zustand an. So­
    wohl in Grossbritannien als auch in der
    EU hielten Betroffene den Atem an.
    Die Zukunft derVorlage, wenn und
    falls die Detailberatung erfolgt, ist nicht
    klar. DieRegierung nahm den Gesetzes­
    textam Dienstagabend von derTr aktan­
    denliste. Stattdessen soll in den nächs­
    tenTagenJohnsonsRegierungserklä­
    rung von letzterWoche debattiert wer­
    den.Falls die Regierung denFaden
    wieder aufnimmt,stellen sich insbeson­
    dereFragen zur allfälligenVerlängerung


der Übergangsperiode nach dem Brexit,
die bereits Ende 2020 fällig wird. In der
ursprünglich auf 21 Monate bemessenen
Tr ansition bleibt alles beimAlten, wäh­
rend Brüssel und London über einen
neuen bilateralenVertrag verhandeln.
Laut der Brexit­Vorlage (Artikel 30)
hat das Unterhauskeine Handhabe, die
in der Übereinkunft mit Brüssel garan­
tierteVerlängerung derTr ansition zu
erwirken. Der ehemalige Schatzkanzler
Philip Hammond hatte seine Zustim­
mung davonabhängig gemacht, dass
dieRegierung diesbezüglich nachgebe.

Die EU reagiertverhalten


DieReaktion der EU fiel verhalten aus.
EineKommissionssprecherin liess mit­
teilen, derBall liege bei den Briten. Die
übrigen 27 EU­Mitglieder wollen in
den nächstenTagen über dasVorgehen
beraten. Sie sind wohl zu einemAuf­
schub der Brexit­Frist bereit, aber wenn
Johnson dabei bleibt, dass er sich nicht
anVerhandlungen darüber beteiligt,
müsste Brüssel mit Stellvertretern vor­
liebnehmen oder gar informelle Gesprä­
che mit Unterhausabgeordneten führen.
Beides wäre für Brüssel ein Affront.
In der Detailberatung derVorlage
sind ausserdemVorstösse für einen wei­
chen Brexit und ein zweitesReferen­
dum zur Bestätigung desVertrags zu er­
warten–Änderungen, die die Arithme­
tik im Unterhaus durcheinanderbringen
würden. Ein innenpolitischer Brexit­
Kompromiss war am Dienstag so nah,
aber eben auch so flüchtig wie noch nie.

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