Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

10 MEINUNG & DEBATTE Mittwoch, 23. Oktober 2019


ROMAIN LAURENDEAU

FOTO-TABLEAU

Diki – das heimliche


Leben 2/


Wenn ihn ein Projekt beschäftigt, dann gibt sich
RomainLaurendeau der Sache mit Leib und Seele
hin. Nach Algerien etwakehrt der französische
Fotograf immer wieder zurück: «Ich liebe das
langfristige Arbeiten, die Immersion, das heisst, dass
ich buchstäblich mit meinemThema lebe.» Ohne ein
solches über lange Zeit aufgebautesVertrauensver-
hältnis wäre dieseAufnahme wohl nicht möglich
gewesen – ein Flirt zwischen zwei jungenFrauen in
einemLand, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen
verpönt sind. Die Mädchen sind eigentlich nicht
lesbisch, aber Neugier und Not treiben sie zum
Experimentieren:Algeriens veraltete, religiös
geprägte Gesellschaftsnormen verstellen jungen
Menschen denWeg zur unbefangenen Begegnung mit
dem anderen Geschlecht – aber siekönnen nicht
zugleich das erwachendeVerlangen ausKöpfen und
Körpern tilgen. DieFreundinnen haben wenigstens
einenRückzugsraum, wo sie sich unbeobachtet
treffenkönnen; beiJugendlichen aus armen
Verhältnissen ist das kaum je derFall. Sie müssen sich
solche «Diki» genannten Begegnungsorte in toten
Winkeln des öffentlichenRaums, in verlassenen
Häusern und heruntergekommenen Quartieren
suchen. Liebe ist in Algerien auch Standessache: Die
Bessergestellten treffen sich unbefangen inBars und
Hotels – oder gleich in der eigenenWohnung.

Islamische Prediger in der Schweiz


Guter Boden


für schlechte Pr edigten


Gastkommentar
von ANDREAS TUNGER-ZANETTI

«Imame überwachen», «Predigten nur auf
Deutsch», «Moscheen schliessen». SolcheFor-
derungenkommen im Zusammenhang mit um-
strittenen islamischen Predigern immer wieder
auf. Die Folgen wären absehbar: Gefühle des Zu-
rückgewiesenseins auch bei Muslimen,die bessere
oder garkeine Predigten hören;religionspoliti-
scher Flurschaden,Verbitterung. Ganz abgesehen
von der wohl unlösbaren Aufgabe, pauschale
Massnahmen juristisch so auszugestalten, dass
sie keine Grundrechte verletzen und nicht diskri-
min ieren. Dennoch hat die Gesellschaft ein be-
rechtigtes Interesse daran,dass in allenReligions-
gemeinschaftengute Predigten zu hören sind.Gut
ist für mich eine Predigt, wenn sie den Gläubi-
gen im Horizont ihrerReligion eine Orientierung
bietet,die gegenüber der Gesellschaft grundsätz-
lich offen ist, selbstverständlich imRahmen der
Schweizer Rechtsordnung. Welche Wege führen
also dorthin?
Ausser denLandeskirchen und wenigen jüdi-
schen Gemeinden sind alleReligionsgemeinschaf-
ten privatrechtlich organisiert, meist alsVereine.
Der Vorstand beaufsichtigt den Betrieb, beauf-
tragt denreligiösen Spezialisten,koordiniert die
Freiwilligen. Rechenschaft ist er formal gesehen
nur den Mitgliedern schuldig. Dabei haben Got-
tesdienst, Predigt undSpezialistentum in denReli-
gionen einen höchst unterschiedlichen Stellen-
wert. Ein Imam ist nicht einfach ein muslimischer
Pfarrer. Imam im Sinne desVorbeters kann jeder
Muslim sein, der die Ritenkennt und von der
Gruppe hier und jetzt nach vorne gebeten wird.
In den Herkunftsländern von Schweizer Mus-
liminnen und Muslimen ist das Pflichtenheft eines
Imams schmaler als hierzulande. Die Öffentlich-
keit und viele Moscheemitglieder erwarten hier
trotz allem einen «muslimischen Pfarrer». Dem
Wunschbild entspricht er, wenn er nicht nur
die Gebete leitetund gut predigt,sondern auch
gründlich islamischeTheologie studiert hat, die
SchweizerVerhältnissekennt, Kinder unterrich-
tet, Jugendliche anspricht, als Seelsorger und
Mediator fürFamilien,Schulen und Behörden be-
reitsteht, Kranke besucht, an rundenTischen teil-
nimmt undfür die Medien stetserreichbar ist;dies
alles bitte in gut verständlichem Deutsch.
Diesen Superman gibt es unter Imamen so
wenigwie unter Pfarrern. Glücklich schätzen sich
Gemeinden, deren Imam wenigstens einemTeil
der Erwartungengenügt.Zudem muss ihn sich die
Gemeinschaft überhaupt leistenkönnen.Immer

noch wenden viele Moscheevereine monatlich
drei- bis fünftausendFranken für dieRaummiete
auf, oft im Gewerbegebiet. Die Mitglieder bezah-
len meist 30Franken pro Monat. Bei kleinen Ge-
meinschaften mit hundert oder zweihundert Mit-
gliedern liegt dakein Vollzeit-Imam mehr drin,
bestenfalls ein 30-Prozent-Pensum für die wich-
tigsten kultischenAufgaben. Einzig unter den
knapp vierzigVereinen, denen die türkischeReli-
gionsbehörde einenVollzeit-Imam schickt und be-
zahlt, sind auch kleine.
Bei dieserAusgangslagekommt alles auf den
Vereinsvorstand an. Er setzt Prioritäten, ver-
teilt Ressourcen und organisiert die freiwilligen
Dienste, ohne die der Betrieb zusammenbräche.
Doch dieVorstandsmitgliederhaben zu wenig
Zeit, da sie im Berufsleben stehen, oft in schlecht
bezahlten Berufen. Erst in den letztenJahren
rückt die zweite Generation nach und geht mit
hier erworbenenKenntnissen von der Buchhal-
tung bis zur Medienarbeit vieles professioneller
an als ihreVäter. Der Imam-Beruf selber ist für
sie unattraktiv, wenn andereTüren offen stehen:
magerer Lohn, überzogene Erwartungen,Abhän-
gigkeit von einem wackligenVorstand.Insge samt
ist der Boden also heute nicht so, dass die guten
Predigten von allein spriessen.
Wie würde er besser? Zunächst müssen die
Vorstände, aber auch Behörden, Zivilgesellschaft
und Medien das strukturelle Problem als ein sol-
ches anerkennen. ErstregelmässigerAustausch
mit demVorstand und dem Imam erlaubt zu se-
hen, wo imkonkretenFall der Schuh drückt, und
öffnet dasTor zur Zusammenarbeit:Wie könnte
die Gemeinschaft zu günstigerenRäumenkom-
men?Welche Angebote unterstützen dieWeiter-
bildungdes Imams, der Vorstandsmitglieder oder
der Freiwilligen?Auf welchenForen der politi-
schen Gemeinde kann sich einVerein vorstellen?
Wasspricht dagegen, dass Gemeinderat und Mo-
scheevorstand sich zu besonderen Anlässen ein-
lad en und die Einladungen auch wahrnehmen?
Für die Imame lohnt sichWeiterbildung und Zu-
sammenarbeit, wenn es ihreAussichten auf dem
Arbeitsmarkt verbessert, etwa in der Erwachse-
nenbildung oder als Seelsorger im Spital.
Ein solcher umfassenderAnsatz lässt auf allen
Seiten dasVerständnis füreinander wachsen und
scha fft den Boden, auf dem gute Predigten ge-
deihen.

Andreas Tunger-ZanettikoordiniertdasZentrumfür
Religionsforschung ander Universität Luzernund forscht
zumIslaminder Schweiz und zur Religionsvielfalt.

Steuerpläne der OECD


Erosion des Wettbewerbs


Gastkommentar
von GEROLD BÜHRER


Im Nachgang zum deutschenWirtschaftswunder
war das Credo desWettbewerbs salonfähig.Auch
die Konkurrenz zwischen den einzelnenVolks-
wirtschaften gehörte zum unbestrittenen wirt-
schaftspolitischenRepertoire.Die historischen
Daten sprechen eine klare Sprache:Wie auf der
Ebene der Unternehmen ist auch auf der staat-
lichen Ebene derWettbewerb zentralerTreiber
für Wachstum undWohlfahrt.
DieAnfang Oktober publik gewordenen Pläne
der OECD für eine Nivellierung der Unterneh-
mensbesteuerung und dieVerankerung von mini-
malen Steuersätzen sind ein erneuterVersuch,
das Wettbewerbsprinzip zu unterlaufen. Mit der
ideologisch gefärbten Diktion, dass der Steuer-
wettbewerb sogenannt faire Bedingungen ritze
und vorab den grossen multinationalen Unter-
nehmen nicht gerechtfertigteVorteile verschaffe,
greifen die Experten der OECD nun zum steuer-
politischen Zweihänder. EinTeil der Besteuerung
grenzüberschreitenderKonzerne müsste demnach
weg vom Standort derWertschöpfung in jene
Länder verlagert werden, in welche die Güter
und Dienstleistungen exportiert werden. Damit
würde unter Zugrundelegung willkürlicherPara-
meter (Umsatzgrösse oder überdurchschnittliche
Rendite) ein bewährtes Steuersystem auf den
Kopf gestellt.Länder mit grossen Absatzmärkten
und einer hohen Besteuerung würden profitie-
ren.Länder mit attraktiven und stabilenRahmen-
bedingungen, denen es gelungen ist, internatio-
nal tätigeFirmen anzuziehen,würden dagegen die
Zeche für ihre erfolgreiche Standortpolitik bezah-
len. Ganz zu schweigen von dem bürokratischen
Monster, das hier aufgezogen werden müsste.
Zwar sind angesichts erheblicher Bedenken da
und dort bereitsRückzieher gemacht worden.Bei
derAufteilung der Steuerlast hin zu den Absatz-
märkten wird eine zurückhaltende Handhabung
in Aussicht gestellt. Die Schweiz wäre aber auf-
grund der hohenAnzahl international tätiger
Flaggschiffe, insbesondere aus der Pharma-, Nah-
rungsmittel- und Investitionsgüterindustrie, mas-
siv betroffen. Mit den Plänen der OECD sind
nämlich vor allemFirmen mit bedeutenden Mar-
kenrechten und hohenPatenterträgen imVisier.
Gerade da wäre die Schweiz verwundbar. Sind es
doch bekannte multinationale Unternehmen, die
hier deutlich weniger als fünf Prozent des Um-
satzes erzielen, dafür das Gros der Steuern ablie-
fern.Schätzungen seitens desFinanzdepartements
haben denn auch Steuerausfälle von bis zu fünf
MilliardenFranken ergeben.
Selbstverständlich wird im Finanzdeparte-
ment darauf hingewiesen, dass man zusammen
mit anderen, ähnlich gelagerten Staaten versu-


chen werde, das Schlimmste zu verhüten. Zwi-
schen den Zeilen einiger politischerKommentare
liest man aber auch,dass,gebrandmarkt durch den
Steuerstreit mit der EU, diesmalkein hinhaltender
Kampf geführt werden solle. Realpolitisch ist zwar
nachvollziehbar, dass die Schweiz allein trotz dem
Einstimmigkeitsprinzip nicht gegen dieWand an-
rennen kann. Dennoch, diesmal ist dieAusgangs-
lage in zweierlei Hinsicht anders und eine nach-
giebige Haltung gemessen an dem, was für unser
Land auf dem Spiel steht, nicht akzeptabel.
Ers tens sind neben einigen steuerattraktiven
europäischen Staaten und Singapur auch die USA
vor allem wegen derTech-Giganten alles andere
als begeistert. In einerWelt, in derentgegen bis-
her geltenden Prinzipien vonRechtsstaatlich-
keit und Souveränität vermehrt die Macht zum
Zugekommt,könnte dieRolle der USA auch
unseren nationalen Interessen entgegenkommen.
Von daher sind der Bundesrat und das Staats-
sekretariat für internationaleFinanzfragen gefor-
dert, das Netz der skeptischenLänder zu pflegen.
Nur sokönnte es gelingen, den Bruch mit steuer-
lichen Grundprinzipien in die Schranken zu wei-
sen. Zweitens mussüber dieeigenen Interessen
hinaus offensiv darauf hingewiesen werden, dass
eine derartigePolitik wider denWettbewerb auf
lange Sicht niemandem nützen wird. Die Milch-
mädchenrechnung, wonach es durch die Umver-
teilung der Steuern den weniger attraktivenLän-
dern besser gehen wird, wird nicht aufgehen.
Es wird höchstens dazu führen, dass die Hoch-
steuerländer, die oft auch in anderen standortrele-
vanten Bereichen die Reformen nicht gemacht
haben,dies e weiter hinauszögern. Zusammen mit
der durch die Negativzinsen geförderten Schul-
denlawine wird bestenfalls Zeit gewonnen. Der
Wettbewerbsfähigkeit und der gesamtwirtschaft-
lichenProd uktivität alsFundament fürWohlstand
und Lebensqualitätist d amit aber kaum gehol-
fen. Nur wenn die einzelnenVolkswirtschaften
ihre komparativenVorteile zur Geltung bringen
können, werden schliesslich positive Effekte auf
die ganzeRegion überspringen.
Die Schweiz tut gut daran, über die legitimen
eigenen Interessen hinausmit starken gesamtwirt-
schaftlichen und steuersystematischen Argumen-
ten gegen eine weitere Erosion desWettbewerbs
anzugehen. Denn eines ist klar, vor allemWest-
europa würde sich damit höchstens ein Eigen-
goal einhandeln.Das kann der Schweiz mit Blick
auf die wirtschaftlichenWechselwirkungen nicht
gleichgültigsein. Deshalb ist in diesem zentralen
Dossier taktische Zurückhaltung fehl am Platz.

Gerold Bührerwar inFührungspositionenbei Georg
Fischer;er war SchaffhauserNationalrat, FDP-Präsident
und Präsident von Economiesuisse.
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