Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

12 MEINUNG & DEBATTE Mittwoch, 23. Oktober 2019


Die Abhängigkeit der Industrienationenvon Öl undGas aus der Golfregionnimmtallmählichab. Gasförderanlage in Saudiarabien. SIMON DAWSON/ BLOOMBERG


Der Erdölpreis


will einfach nicht steigen


Mitte September sc hürten Drohnenangriffe auf Erdölanlagen in Saudiarabien die Angst vor


nachhaltig steigenden Erdölpreisen. Das stellte sich al s unbegründet heraus. Die Episode gibt


einen Vorgeschmack auf neue geopol itische Verhältnisse am Ener giemarkt.Von Gerald Hosp


Sandstürmekönnen sich unvermittelt zusammen-
brauen, mit hoher Geschwindigkeit über einen
Landstrich fegen und denTag zur Nacht machen.
Nach einiger Zeit legt sich der Staub, und der
Himmel erscheint womöglich klarer als zuvor. Es
scheint, dass ein solcher Sandsturm auch über den
Erdölmarkt gezogen ist: Nachdem Mitte Septem-
ber eine Drohnenattacke auf eine der wichtigs-
ten Erdöl-Aufbereitungsanlagen derWelt mehr als
die Hälfte der Produktion von Saudiarabien, dem
grössten Exporteur vonRohöl, lahmgelegt hatte,
schnellte der Preis für die Ölsorte Brent um rund
20 Prozent in die Höhe.


Doch kein Pearl Harbor


Es war der grösste kurzfristige Mengenausfall in
der Erdöl-Geschichte, knapp 6 Prozent desWelt-
angebots fielen aus. Kommentatoren meinten,
dies sei der «Pearl-Harbor-Moment» am Ener-
giemarkt. Damit wurde auf denAngriff derJapa-
ner auf die amerikanischePazifikflotte in Hawaii
während des ZweitenWeltkriegs angespielt, der
den Kriegseintritt der USA nach sich zog. Mit der
Attacke auf die saudischen Erdölanlagen wurde
eine weitere Eskalation amPersischen Golf zwi-
schen den Erzrivalen Iran und Saudiarabien wahr-
scheinlicher.Vieles deutete auf eine dauerhafte
Preiserhöhung hin.
Und jetzt, mehr als ein Monat danach, was ist
passiert? Ein Blick auf den Brent-Preis zeigt:prak-
tisch nichts. Die Notiz für die Erdölsorte Brent ist
dorthin zurückgekehrt, wo sie vor den Attacken
stand. DieWelt hat den Blick auf andere Krisen
gerichtet. Die Diskussion über einen möglichen
Erdölpreisschock, wie er die globaleWirtschaftin
den1970erJa hren heimgesucht hatte,ist versandet,
ehe sie begonnen hat.Einerseits hängt dies mit den
aktuellen Marktverhältnissen zusammen. Ander-
seits zeigt die fast schon gespenstischeRuhe eine
Nachlässigkeit gegenüber den enormenVerände-
rungen am Energiemarkt, die sich auch im Über-
gang von einer Geopolitik der fossilen Brennstoffe


zu einer Geopolitik der Energietransformation und
der erneuerbaren Energien äussert.
Zunächst hat Saudiarabien alles unternommen,
um die Ängste,man werde den Lieferverpflichtun-
gen nicht nachkommenkönnen, zu zerstreuen: Riad
zapfteVorräte an,reparierte, was das Zeug hielt, und
fuhr den eigenenVerbrauch zurück. Es zeigte sich,
dass innerhalb des Erdölsystems kurzfristigeAus-
fälle überwunden werdenkönnen.Dafür wurden
Lager aufgebaut. DieWelt hat aus früheren Schocks
gelernt. Eskommt dem Erdölmarkt zugute, dass
vieleAnbieter vorhanden sind und dass die Infra-
strukturrelativ dezentral ist. Zudem hat die nach-
la ssendeWirtschaftsdynamik die Nachfrage nach
Erdöl sinken lassen, was vieles übertüncht.
Tr otz allem ist dieRuhe nach dem Sturm trüge-
risch: Saudiarabien verfügt über die einzigen gros-
sen freienFörderkapazitäten.Das bedeutet, dass
vor allem dasKönigreich in derLage ist, auf Men-
genveränderungen am Markt zureagieren.Auf-
grund der Attacken wurde dasSystemausgereizt.
Ein weitererMengenausfallbrächte denErdöl-
markt in die Bredouille.

Das Ende der Ölpreisschocks


Die träge Diskussion über den Erdölpreis hängt
auch damit zusammen, dass der frühere Gottseibei-
uns derWeltwirtschaft einenTeil seines Schreckens
verloren hat: Steigende Ölpreise belasten dieWirt-
schaft vor allem über eine höhere Inflation. Noten-
banken versuchen dann, mit Zinserhöhungen die
TeuerungsrateimZaum zu halten, was dasWachs-
tum bremst. Diese Mechanik spielt aber immer
weniger, auch weil dieWährungshüter vermehrt auf
dieKerninflation achten, bei der die Energiepreise
weniger berücksichtigt werden. Manche Ökonomen
verweisen gar darauf, dass nach den1980erJahren
Ölpreisschocks in derWeltkonjunkturkeine grosse
Rolle mehr gespielt hätten. Zudem sind hohe Preise
nicht gleichbedeutend mit hohenrealen Preisen. Die
gegenwärtigen Notizen schrumpfen imWert, wenn
sie um die Inflation bereinigt werden.

DieWelt ist ausserdem besser als früher auf
einen starkenAnstieg des Ölpreises vorbereitet:
Die Energieintensität – die Menge an Energie, die
für eine Einheit des Bruttoinlandprodukts benötigt
wird– geht weiterhin zurück. Seit den1970erJah-
ren findet ein schleichenderRückgang desrelati-
ven Erdölkonsums statt.
Steigende Erdölpreise haben aber immer noch
soziale Sprengkraft, wie jüngst die Gelbwesten-Pro-
teste inFrankreich oder die Demonstrationen in
Ecuador gezeigt haben. Im vergangenenJahr haben
Regierungen auf der ganzenWelt denTr eibstoff-
konsum mit 427 Milliarden Dollar subventioniert.
Versuche, diese Zuschüsse zureduzieren, führen in
Schwellenländernregelmässig zuAufständen. In
reicheren Staaten ist ein Anstieg desRohölpreises
an der Zapfsäule jedoch weniger spürbar, weil Steu-
ern den Grossteil des Benzinpreises ausmachen.
Die öffentliche Diskussion ist aber möglicher-
weise der gesellschaftliche Bereich, in dem die Ent-
karbonisierung am weitesten vorangeschritten ist:
«Erdöl» wurde zu einem dreckigen Begriff, das
Wort wird ausFirmennamen getilgt, und die Erdöl-
und Erdgasfirmen verlieren schrittweise die Gunst
bestimmter Investoren. Die Energietransforma-
tion hin zu einer vermehrten Elektrifizierung mit
erneuerbaren Energien wirft ihre Schatten voraus.
Während vor wenigenJahren noch über zu wenig
Erdölangebot diskutiert wurde, überschlagen sich
derzeit die Prognosen zum Zeitpunkt,ab wann die
Nachfrage nach Erdöl weltweit abnimmt.
Rohöl ist aber immer noch führend unter den
Primärenergieträgern. Die zusätzliche Nachfrage
kommt derzeit vor allem aus Schwellenländern.
Selbst inEnergieszenariender Internationalen
Energieagentur, die mit den Zielen desPariser
Klimaabkommens vereinbar sind, geht zwar die
Nachfrage nach Öl zurück, die absolutenKonsum-
zahlen wären aber immer nochrelativ hoch. Das
Erdölzeitalter zieht nur schleichend ab.

Unabhängig von Scheichs


SeitdemWinston Churchill imVorfeld des Ersten
Weltkriegs als britischer Marineminister die Kriegs-
schiffe von der heimischenKohle auf persisches
Erdöl alsTr eibstoff umstellte, sind Öl und seineVer-
sorgungswege zu einem geopolitischenFaktor ge-
worden.Seit längerem erhoffen sich viele, mithilfe
der Sonne, die unabhängig von arabischenPoten-
taten scheint, und desWindes, der unabhängig von
russischen Zaren weht, dieAusgaben für Öl und Gas
zu senken und die Querelen um Energie zuredu-
zieren. Dies ist zwar tendenziell richtig, aber zu ein-
fach, weil die Angebotsseite zu wenig beachtet wird.
Am Erdölmarkt hat eine Umwälzung stattgefun-
den, die sich neben der Erweiterung des Angebots
durch US-Schieferöl auch aus der Energietransfor-
mation ergibt: Das Zeitalter der Knappheit wird von
einem solchen des Überflussesabgelöst.FürPetro-
Staaten ist damit die Gewissheit vorbei, dass in Zu-
kunft der Ölpreis steigen wird.Lange Zeit mussten
sich Ölscheichs überlegen, ob sie denRohstoff im
Bodenlassen oder ob sie lieberdasGeld auf dem
Konto haben wollten.Jeerfolgreicher die Energie-
wende voranschreitet, desto mehr Öl werden die
Produzenten fördern, um die Einnahmen stabil zu
halten – was wiederum zu niedrigeren Preisen führt.
Das Gebot der Stunde für dieFörderländer
wäre, die Abhängigkeit vom Öl zu vermindern und
die eigeneVolkswirtschaft breiter aufzustellen – am
besten mit Ölgeld. Genau dies hat Saudiarabien
vor, wenn Riad versucht, den Staatskonzern Saudi
Aramco an der Börse zuversilbern, umWirtschafts-
visionen zu finanzieren.
Die Geopolitik der Energiewende istkeine
runde Sache: DiePetro-Staaten sehen sich einem
globalen Bedeutungsverlust und internen Protes-
ten gegenüber, die mitReformen aufgefangen wer-
denkönnten – oder zu politischer Instabilität füh-
ren. Ölstaaten dürften sich deshalb noch stärker ins
Zeug legen, um den Preis hoch zu halten, damitdie
Bevölkerung ruhiggestellt werden kann.
Und auch was die Geopolitik der erneuerbaren
Energienangeht, herrscht nicht nur eitel Sonnen-
schein. Statt Ölkönnten seltene Erden oderIndus-
triemetalle wieKobalt zum Zankapfel oder zum
aussenpolitischen Hebel werden, auch wenn deren
Bedeutung nicht mit derjenigen des Erdöls ver-
gleichbar ist.Was bedeutender werden dürfte, ist
die Bereitschaft, mit heimischen Subventionen auch
ausländische Industrien (wie bereits die chinesische
Solarbranche) zu fördern, was wie im Erdölzeitalter
internationaleVerteilungsfolgen hat, sowie dieKon-
trolle über die Stromnetze, gerade wenn sie grenz-
überschreitend sind.Cyberattackenoder Drohnen-
angriffe sind auch für die Strominfrastruktur eine
Bedrohung. Das beste Mittel gegen solche Gefah-
rensind dezentraleSysteme. Es muss sich noch zei-
gen, ob die Energietransformation in dieser Hin-
sicht tatsächlich zu weniger Abhängigkeiten führt.
Paradoxerweise spielen grüne Empörungs-
wellen in den Industrieländern gegen westliche
Energiekonzerne den Erdölländern in die Hände.
Wenn Shell, BP, Exxon Mobil, Chevron oderTo -
tal weniger in dieFörderung investieren, wird die
Abhängigkeit derWelt von staatlichen Energiekon-
zernen undPetro-Staaten zumindest während des
Übergangs sogar grösser.Auch hier gilt das Gesetz
der unbeabsichtigten Nebenfolgen.

Die Energietransformation


hin zu einer vermehrten


Elektrifizierung mit


erneuerbaren Energien


wirft ihre Schatten voraus.

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