Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

Mittwoch, 23. Oktober 2019 SCHWEIZ


Ein Schweizer bringt Eritrea Trauben


Adriano Kaufmann war im Tessin ein bekannter Winzer –nun setzt er sein Know-how am Horn von Afrika ein


TOBIASGAFAFER, SESSA


Die Anfahrt nach Sessa in der hinters-
ten Ecke des Bezirks Lugano ist kur-
venreich. Anfang der achtzigerJahrebe-
gannAdriano Kaufmann, im Nachbar-
dorf Beride einWeingut aufzubauen –
und Merlot sowie Sauvignon blanc zu
produzieren. Mit anderen Deutsch-
schweizern wie Christian Zündel und
Werner Stucky gehörte er zu den Pio-
nieren, die im Südkanton früh auf Qua-
litätsweine setzten. Die ersten Jahre
waren hart, bis sich der Erfolg einstellte.
Inzwischen hat Kaufmann dasWeingut
verpachtet. DerRentner, der in Sessa
und inBasel lebt, empfängt uns im Gar-
ten seinesTessiner Hauses.
Kurvenreich war auch derWeg zu
seinem jüngsten Engagement.Nach der
Pensionierung wollte Kaufmann noch-
mals etwas Neues ausprobieren. Und
initiierte in Eritrea ein Projekt für den
versuchsweisen Anbau vonTafeltrau-
ben. Mit der landwirtschaftlichenFor-
schungsanstalt im zentraleritreischen
Ort Halhal untersucht er, welche Sor-
ten dafür infragekommen würden.Was
nach einer abenteuerlichenIdee klingt,
ist für Eritreakeine Premiere. DieKolo-
nialmacht Italien brachte denRebbau
im letztenJahrhundert in dieRegion.
Winzer Kaufmann prüfte bereits ein-
mal, ob in Eritrea dieWeinproduktion
wiederbelebt werdenkönnte. ImAuf-
trag eines Investors aus Zürichreiste er
1998 zum ersten Mal in dasLand – und
war von diesem positiv überrascht. Der
Plan war, auf einemWeingut Qualitäts-
wein herzustellen. «Klimatisch wäre im
HochlandEritreas einigesmöglich», sagt
der Ingenieur-Agronom, der sich im Stu-
dium an derETH ebenfalls mit tropi-
schenKulturen befasste. Italiener hät-
ten bereitsKunstwein hergestellt, eine
braune Brühe, dieWein geähnelt habe
und unter anderem nach Saudiarabien
geschmuggelt worden sei.Doch der
Grenzkrieg mit Äthiopien, der im Mai
1998 ausbrach, durchkreuzte die Pläne
der Schweizer.
Heute ist das abgeschottete Eritrea in
der Schweiz als wichtigster Herkunfts-
staat von Asylsuchenden bekannt. Zum
Massenexodus führten mangelndePer-
spektiven und der Nationaldienst, zu dem
dasRegime viele Bürger über längere
Zeit zwingt.Auch Kaufmann las in den
letztenJahren etliche schlechte Nachrich-
ten über Eritrea – so schlechte, dass er
dasLand, das er1998 bereist hatte, in den
Schilderungen kaum wiedererkannte.
2016 beschloss er, zurückzukehren, um
sich ein eigenes Bild zu machen.


SchwereSchäden durch Hagel


Er nahm mitToni Locher, dem Honorar-
konsul Eritreas in der Schweiz,Kontakt
auf. Und brachte denVorschlag ins Spiel,
Tafeltrauben anzubauen, um Klein-
bauern neue Einkommensmöglichkei-
ten zu verschaffen.Auf lokalen Märkten
hatte erTr auben gesehen, die aus Süd-
afrika importiert worden waren.«Die
Nachfrage wäre also vorhanden.» Die


Produktion vonWein schloss er dieses
Mal von vornherein aus, weil dafür die
nötige Infrastruktur fehlt.
Locher vermittelte ihm einTr effen
mit dem eritreischenLandwirtschafts-
minister,der von der Idee angetan
war. Kaufmann begann mit denVo r-
bereitungsarbeiten. Er suchteresistente
Tr aubensorten aus, die wenig gespritzt
werden müssen. Die Pflanzen nahm er
imFlugzeug mit,während dasMate-
rial für dieVersuchsanlage in Contai-
nernans Horn von Afrika gelangte.
Sein ursprünglicher Plan, dieses lokal
zu kaufen, hatte sichzerschlagen. Dort
gebe es mangels einer funktionieren-
den Privatwirtschaft fast nichts–oder
nur zu horrenden Preisen auf demRe-
cyclingmarkt.
Es sollte nicht die einzige Schwierig-
keit bleiben. Kaufmann arbeitet eng mit
dem eritreischenLandwirtschaftsminis-
terium und dessenForschungsanstalt zu-
sammen. Die lokalenVerantwortlichen

hielten sich beim Pflanzenschutzzuerst
nicht an seineRatschläge.«In Afrika
lernt man oft erst, wenn die Probleme da
sind», sagt er. Zudem waren die meteo-
rologischen Bedingungen schwieriger
als erwartet. Hagel richtete an derVer-
suchspflanzung in zweiJahren grosse
Schäden an. 20 18 floh auch noch Kauf-
manns beste lokale Mitarbeiterin über
die offene Grenze nach Äthiopien.

Gut ausgebildete Mitarbeiter


Doch inzwischen sieht er das Anbau-
projekt aufKurs. «DieFortschritte sind
gross, und wirkonnten den Pflanzen-
schutz mehr oder weniger sicherstel-
len.» Die beteiligten Mitarbeiter hät-
ten eine sehr guteBasisausbildung an
der lokalen technischen Agrarschule
erhalten,die Infrastruktur und die Be-
wässerungsmöglichkeiten seien vorhan-
den.Im Dezember und imFebruarreist
Kaufmann erneut nach Eritrea.In der

Zwischenzeit gibt er überWhatsapp und
Facebook Anweisungen. Anfang 2020
sollen die Reben geschnitten werden
und zum ersten Mal Ertrag abwerfen.
Mit einem Umfang von rund 50 000
Franken handelt es sich um ein klei-
nes Projekt, das primär über private
Spenden finanziert ist. Die Schweizer
Vertretung im Sudan, die auch Eri-
trea betreut, steuert 15000 Franken
bei. Die Botschaften verfügen in der
Regel über ein Budget, um Kleinpro-
jekte und Initiativen zu unterstützen.
Martin Strub, der damalige Missions-
chef in Khartum, besichtigte dieVer-
suchsanlage 2017. Das Aussendeparte-
ment (EDA) geht davon aus, dass die
Initiative längerfristig zusätzlicheVe r-
dienstmöglichkeiten schafft.
Kaufmann arbeitet mit dem Schwei-
zerischen Unterstützungskomitee für
Eritrea (Suke) vonToni Locher zusam-
men. Dieses fungierte mit seinenKon-
takten zurRegierung alsTüröffner und
kümmert sich unter anderem um die
Buchhaltung. Die Schweizer Botschaft
in Khartum machte ihren Beitrag da-
von abhängig, dass dasProjekt über ein
Hilfswerk läuft. Der pensionierteWin-
zer wollte jedoch möglichst vom Suke
unabhängig bleiben. Im Gegensatz zu
diesem sympathisiert er nicht mit der
Führungsriege in Asmara, wenngleich
er die Arbeit des eritreischenLandwirt-
schaftsministeriums lobt.

Wegen der Menschen


DieLage in Eritrea beurteilt Kaufmann,
dessenPartnerin inBasel Flüchtlinge be-
treut,kritisch.«Seit meinem Besuch in
den neunzigerJahren war die Entwick-
lung desLandeskatastrophal.»Trotz
demFriedensabkommen mit Äthiopien
habe sich für die Bevölkerung nichtsver-
ändert. Als der eritreische Informations-
minister vor kurzem in der NZZ sagte,
der umstrittene Nationaldienst solle auf
18 Monate beschränkt werden, musste
erdenKopf schütteln.Dies habe Präsi-
dentenberaterYemane Gebreab bereits
imFebruar 20 16 gegenüber Schweizer
Politikern angekündigt, ohne dass seit-
her viel passiert wäre.
Was motiviert ihn, sich dennoch in
Eritrea zu engagieren?«Wenn ich in
diesem krankenLand weitermache, ist
es wegen der Menschen.» Er bewundere
alle, die Eritrea nicht verlassen hätten,
und hoffe, ihnen einePerspektive geben
zukönnen.Was aus dem Projekt länger-
fristig wird, ist allerdings offen.Das Ziel
des Agrarministeriums ist es, den Anbau
vonTafeltrauben in die Kleinlandwirt-
schaft zu integrieren.
Kaufmann sieht dafür gewisse Chan-
cen, zumal rund 80 Prozent der Bevöl-
kerung in diesem Sektor arbeiteten.
Den Leuten an Ort und Stelle dasFach-
wissen zu vermitteln, sei jedoch Eritreas
Aufgabe. Er habe das Material besorgt,
bringe sein Know-how ein und stehe als
Berater zurVerfügung. Die Entwick-
lung einesLandes müsse aber von innen
kommen, sagt er in Anlehnung an den
Nobelpreisträger Angus Deaton.

Adriano Kaufmann möchte Menschen in Eritrea einePerspektive geben.ANNICK RAMP /NZZ

APROPOS


Der Wahlchef,


der die Schweiz


warten liess


AntonioFumagalli, Lausanne· Sonntag-
abend, 22.30 Uhr. ImWahlzentrum von
Lausanne ist die Nervosität mit Hän-
den greifbar. François Pointet, Prä-
sident der Waadtländer Grünlibera-
len, hält eine Flasche Champagner in
den Händen, getraut sich aber nicht,
diese zu öffnen – schliesslich weiss er
noch immer nicht, ob er in den Natio-
nalrat gewählt ist oder ob die CVP
ihren Sitz dochretten kann. Seit rund
einer Stunde zeigt das offiziellePor-
tal des Kantons an, dass dieAuszäh-
lung im Kanton zu 99 Prozent beendet
sei. Aber eben nicht zu 100 Prozent.
Die Abstände sind so knapp,dass die-
ses eine Prozent über Glück oder Un-
glückentscheidenkönnte.
Die Stimmung lockert sich erst,
als StaatskanzlerVincent Grandjean
höchstpersönlich im Zentrum vorbei-
kommt. Er informiert das GLP-Grüpp-
chen – und die ebenso angespannten
Journalisten, denen derRedaktions-
schluss im Nacken sitzt –, dass die Er-
gebnisse zwar noch immer nicht defi-
nitiv seien. Erkönne aber garantieren,
dass sich an der Sitzverteilung nichts
mehr ändern werde. Jetzt knallen auch
bei der GLP die Champagnerkorken.
Dass dieUrsachederVerzögerung in
Arzier-Le Muids liegt, einer Gemeinde
mit gerade einmal 2600 Einwohnern,
weiss man bereits am Sonntagabend.
«24 heures» hat nun aber auch noch
den «Schuldigen» ausfindig gemacht:
Es istJean-PierreVuille, der Präsident
des Gemeindeparlaments (das zahlrei-
che, auch kleineWestschweizer Ge-
meindenkennen). «Ich habe Mist ge-
baut», gibt er derWaadtländer Zeitung
freimütig zu Protokoll.
Auf Nachfrage erklärtVuille, wie das
Malheur entstanden ist. Bereits um 17
Uhr habe man die 725Wahlzettelaus-
gezählt gehabt, aber dann habe er die
Daten falsch insSystem eingegeben.
Plötzlich habe gar nichts mehr funk-
tioniert. «Ich interpretierte die Instruk-
tionen falsch,das ist meinFehler», sagt
er. Einen entsprechendenKurshabe er
imVorfeld nicht besucht.
Während die Mitarbeiter nochmals
alleWahlzettel zählen, steigt der Puls
auch im knapp 15 Kilometerentfern-
te n Bezirkshauptort Nyon. Nach einem
erstenTelefonkontakt istParlaments-
präsidentVuille für den Bezirkspräsi-
dentenplötzlich nicht mehr erreich-
bar. «Ich hätte ihm nicht mehr sagen
können, als dass wir am Zählensind,
also nahm ich dasTelefon nichtab»,
sagtVuille. Doch der Bezirkspräsident
macht sich Sorgen, steigt insAuto und
fährt persönlich in die Gemeinde am
Fuss derJurahügel.
Als sich dann auch noch die Mit-
arbeiter der kantonalenWahlbehörde
perTelefon einschalten,kann das Pro-
blemgelöst werden. Um22.51 Uhr
treffen dieErgebnisse schliesslich in
Lausanne ein, womit auch dieWaadt
endlich ihr Schlussresultat vermelden
kann – als letzter Kanton der Schweiz
und über zweieinhalb Stunden nach
dem fast doppelt so grossen Zürich.
Sogar die traditionell «späten» Ber-
ner waren fast zwei Stunden schneller,
was sie aufTwitter unter dem Schlag-
wort«Kaum zuglauben»genüsslich
ausschlachten.
ParlamentspräsidentVuille hat ge-
mischte Gefühle,wenn er an den tur-
bulenten Sonntag denkt. Die ganze
Mannschaft sei nervös gewesen, und
es tue ihm leid,dass die betroffenen
Kandidaten seinetwegen hätten aus-
harren müssen. Letztlich sei ja aber
nichts Schlimmes passiert. «Es gab
keineToten», sagt er lakonisch. Und
wenn der Rummel nun dazu führe,
dass man seine Gemeinde besser
kenne,könne er gut damit leben. Es
gebe im Dorf einen hübschen Gasthof,
der sicher nochein paar Gäste brau-
chenkönne. Dennochverspricht er, bei
nächster Gelegenheit dieDatenkor-
rekt – und vor allem schneller – ins
System einzugeben. DieAusgangslage
sei einfach, sagt er. «Ich kann es nur
besser machen.»

Wermuth nimmt sich aus dem Ständeratsrennen


Der Rückzug des SP -Nationalrats hat auch Auswirkungen auf den Aargauer Regierungsratswahlkampf


MICHAEL SURBER


Der Aargauer Nationalrat CédricWer-
muth tritt nicht zum zweiten Stände-
ratswahlgang an. DerSP-Politiker be-
gründete seinen Entscheid an einer am
Dienstag einberufenen Pressekonfe-
renz damit, dass mit seiner Demission
dasFeld fürRot-Grün für den zweiten
Wahlgang ideal vorbereitet werde. Es
gehe schliesslich nicht um seine poli-
tische Karriere,sondern darum, «eine
soziale,ökologische Schweiz» voran-
zutreiben, sagteWermuth weiter. Statt
Wermuth soll die grüne Ständerats-
kandidatinRuth Müri in den zweiten
Wahlgang starten.


Die jüngsteRochade bei den Linken
ist im Lichte der parallel zur Ständerats-
wahl stattfindenden AargauerRegie-
rungsratswahl zu sehen. Dort gilt es den
Sitz der zurückgetretenenFranziska
Roth (ehemalsSVP) neu zu besetzen.
Im erstenWahlgang lagJean-Pierre
Gallati von derSVP deutlich vor seiner
grössten Herausforderin, der SP-Natio-
nalrätin YvonneFeri.
Bei der SP-internenAusmarchung
der Ständeratskandidaturen wurde
die 53-jährigeFeri vonWermuth aus-
gebootet, was dem 33-Jährigeneiniges
an öffentlicher Kritik einbrachte. Man
warf ihm vor, mit seiner Kandidatur
zöge er sein politischesFortkommen

den Anliegen um ein ausgeglicheneres
Parlament vor.
Die derzeitige Situation im Aargau
erlaubt esWermuth nun, sich indirekt
doch noch als Streiter für mehr Ge-
schlechterparität in öffentlichen Ämtern
zu profilieren. Denn mit seinemRückzug
erhöht er zum einen dieWahlchancen
der Ständeratskandidatin der Grünen
Ruth Müri, die im erstenWahlgang hin-
terWermuth auf dem vierten Platz lan-
dete.Aber auch die Chancen seinerPar-
teikolleginFeri, die im zweitenWahlgang
im Gegenzug wohl auf die Stimmen der
Grünen zählen kann, dürften sich durch
dasrot-grünePäckli erhöhen. Die Grü-
nen haben am Dienstagabend an ihrer

Mitgliederversammlung empfohlen, die
SozialdemokratinFeri imRegierungs-
ratswahlkampf zu unterstützen.
Sollten es Müri wie auchFeri nicht
schaffen,gewählt zu werden, wird der
Kanton politisch in Männerhand fallen.
Im Ständeratsrennen liegen derFrei-
sinnigeThierry Burkart (82 515 Stim-
men) sowie derSVP-Mann Hansjörg
Knecht (72 574 Stimmen) klar vor Müri,
die lediglich auf 40 560 Stimmen kam.
Sollte auch Gallati den zweitenWahl-
gang um denRegierungsratssitz für sich
entscheiden, hätte der Kanton Aargau
nebst der männlichen Doppelvertretung
im Ständerat auch einenRegierungsrat
ohne weibliches Mitglied.
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