Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

Mittwoch, 23. Oktober 2019 ZÜRICH UND REGION 17


Drei Nichtwähler er zählen, weshalb sie am Sonntag


der Urne ferngeblieben sind SEITE 18


Das Bezirksgericht Bülach verurteilt einen Juristen – er


hatte ohne Anwaltsp atent Beratungen durchgeführtSEITE 19


Die Nationalbank öffnet sich ein bisschen


DieSNBwill mit ihrem neuen Forum an der Fraumünsterstrasse näher beim Volk sein – die Transparenz-Initiative hat aber ihre Grenzen


DANIEL FRITZSCHE (TEXT) /
KARINHOFER (BILDER)


Kaum eine andere Institution imLand
umweht einen ähnlichen Nimbus wie
die Schweizerische Nationalbank (SNB).
Sie gilt als unabhängige Bewahrerin des
Frankens, als Hüterin des Leitzinses, als
Monument der Stabilität, aber auch der
Verschwiegenheit. Letzteres soll sich nun
ändern – zumindest ein klein wenig. Seit
Dienstag ist das «Forum SNB» geöffnet.
Nicht im prägnanten Zürcher Hauptsitz
am Bürkliplatz ist es einquartiert, son-
dern im Gebäudenebenan in Richtung
Limmat.Das Forum istTeil einerTr ans-
parenz-Initiative der SNB. DieBank will
sich öffnen, will näher zumVolk.In Bern
plant sie deshalb ein Besucherzentrum in
der Nähe des Bundesplatzes, das 2021 er-
öffnet werden soll.
Das neue «Forum SNB» in Zürich
rührt imVergleich dazu mit kleinerer
Kelle an. Es richtet sich eher an einFach-
publikum. Ökonomen,Forscherinnen
und Studenten sind angesprochen. Sie
erhalten hier einfacheralsfrüher Zugriff
auf das SNB-Archiv, das bis zur Grün-


dung der Nationalbank imJahr1906 zu-
rückreicht. Über dieJa hre haben sich
rund tausendLaufmeter an Akten an-
gesammelt. Nach 30Jahren sind grund-
sätzlich alle SNB-Dokumente öffentlich.

Ausstellung über Banknoten


An einem Schalter können Interes-
siertedie gewünschten Unterlagen be-
stellen und vor Ort sichten. Anders als
früher müssen sie nicht mehr zahlreiche
Sicherheitsauflagen erfüllen, bis sie ans
gewünschte Material gelangen. «Nieder-
schwellig»soll das Angebot sein.Das
wird an einer Medienführung anlässlich
der Eröffnung durch dieRäumlichkeiten
mehrfach betont.Dass wir uns an einem
speziellen Ort befinden, zeigt sich aber
nach wie vor: Sicherheitspersonal und
Kameras überwachen jeden Schritt der
Besucherinnen und Besucher. Das Inte-
rieur ist stilvoll, die Materialien hoch-
wertig. DieWände sind in helles Eichen-
holz eingekleidet. In einemKonferenz-
raum läuft ein Imagefilm. Eine sonore
Stimme ertöntwährend eines eindrück-
lichen Drohnenflugs über dieBahnhof-

st rasse: «Die Schweizerische National-
bank fördert eine Geldpolitik im Inter-
esse des ganzenLandes.»
Tr otz demFokus auf einFachpubli-
kum lohnt sich ein Abstecher ins «Forum
SNB» auch fürLaien.Das liegt vor allem
an zweiAusstellungsräumen. In einem ist
der Entstehungsprozess dergegenwär-
tigenBanknotenserie nachzuvollziehen.
Auf Klapptafeln erhält man Einblick
in die Arbeit der Gestalterin Manuela
Pf runder und ihresTeams. Zu sehen sind
etwa Abbildungen der Handmodelle, die
füralle sechs neuen Notentypen genutzt
wurden.Oder Aufnahmen aus dem Gott-
hard-Basistunnel, die alsVorlage für eine
Zeichnung auf der gelben Zehnernote
dienten.Auch die Silberstreifen, die in
jede Note eingeflochten werden, oder
andere Sicherheitsmerkmalekönnen
von ganz nahe begutachtet werden.
Der Höhepunkt befindet sich aber
im Zimmer nebenan. Hier steht ein 2,
auf 5 Meter grosser Bildschirm.Auf der
einen Seite kann man die sechsBank-
noten in Übergrösse bestaunen. Mit
einemFingertippen auf den Bildschirm
kippt dieFünfzigernote zur Seite und

macht einer virtuellen Berglandschaft
Platz. MitWischbewegungen der Hand
kann manAufwind für Gleitschirm-
flieger erzeugen. So soll das Motto der
Fünfzigernote –derWind – spielerisch
veranschaulicht werden.

Hodlers Hunderter von 1911


Die SNB spricht von einem «sinnlichen,
emotionalen Erlebnis»,das einem die
Noten näherbringen soll.Für jede Note
wurde eine eigene Animation erstellt.
Auf der anderen Seite der Medien-
wand werden weniger die Emotionen
angesprochen, sondern mehr die Hirn-
windungen.Rund 250 Inhalte sind auf
Fingerzeig abrufbar. Vor allemTexte,
aberauchVideos, Grafiken undFotos
aus derreichen Geschichte der SNB gibt
es zu sehen – zum Beispiel Archivauf-
nahmen einer Demonstration gegen die
Teuerung 1917 oderFerdinand Hodlers
Entwürfe für dieFünfziger- und Hun-
derternote aus demJa hr1911.
Die Einträge reichen bis in die
neuere Zeit. Der vorerst letzte behan-
delt dieAufhebung des Mindestkurses

desFrankens zum Euro und die Einfüh-
rung von Negativzinsen imJahr 2015.
Vollständig ist dieAuflistung nicht.Aus-
führungen zum Abgang des ehemaligen
SNB-Direktoriums-Präsidenten Philipp
Hildebrand 2012 fehlenzum Beispiel.
Die Informationen auf derWand sol-
len aberlaufend ausgebaut und ergänzt
werden, heisst es.
Die Anstrengungen für mehrTr anspa-
renz und Öffnung der SNB sindsicher löb-
lich. Sie folgen einemTr end an derBahn-
hofstrasse, der von anderenBanken initi-
iert wurde. Die ZKB hat vor einiger Zeit
ihr «Büro Züri» mitkostenlosen Arbeits-
plätzen für jedermann eröffnet, im Münz-
hof der UBS und im Lichthof der Cre-
dit Suisse kann man Kaffee trinken und
sich verpflegen. Nur etwas würde man
gerne noch wissen: wie viel der Umbau
und die Einrichtung des neuenForums
an derFraumünsterstrasse gekostet hat.
Das will die Nationalbank aber nicht ver-
raten. Manche Geheimnisse behältdie
SNB weiterhin lieber für sich.

Forum SNB, Frau münsterstra sse 8, Montag
bis Freitag , 9.30 bis 16.30 Uhr.

Einen Blickauf das «Forum SNB»lässtsichvon derFraumünsterstrasse her erhaschen. Die fünf Meter lange Medienwand ist die Attraktion des neuenForums.


Google wollte ein Treffen mit Gewerkschaften verhindern


AmZürcher Firmensitz des Unternehmens soll ten Angestel lte sich über ihre Rechte informieren –die Führungsetage grätschte aber dazwischen


FLORIAN SCHOOP


Google ist bekannt dafür,Wissen zu
vermitteln. Doch in einem aktuellen
Fall ist das Unternehmen eingeschrit-
ten, um eine Informationsveranstal-
tung zu verhindern.VergangeneWoche
wollten Google-Mitarbeiter amSitz in
Zürich einen Anlass über dieRechte
von Arbeitnehmenden in der Schweiz
durchführen. Eingeladen wurde dazu
die GewerkschaftSyndicom. Doch die
Führungsetage desTech-Giganten gou-
tierte dasVorgehen nicht. Im Gegenteil,
sie versuchte dasTr effen,das am vergan-
genen Mittwoch hätte über die Bühne
gehen sollen, zu stoppen. In einer E-Mail,
welcheder amerikanischen News-Platt-
formVox vorliegt, wurde dieVeranstal-
tung vom Management abgesagt. Die
Begründung: Google ziehe es vor,An-
lässe mit solchenThemen selbst zu orga-
nisieren. Man plane deshalb eine eigene
Veranstaltung zu Arbeitnehmerrechten.


Über dasVorgehen der Chefetage
ärgerten sich laut dem Artikelviele
Google-Angestellte. Sie sehen darin
denVersuch, Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeitern den Zugang zu ungefilterten
Informationen über gewerkschaftliche
Themen zu verwehren.Wohl auch des-
halb fand dasTr effen lautVox trotzdem
statt. Am Montag traf sich eine Gruppe
von Google-Angestellten am Sitz in
Zürich mitSyndicom.

Bericht über Streit


Laut Bloombergschwelt seit Monaten
schon ein Streit zwischen Google-Ange-
stellten und dem Management.Vordie-
sem Hintergrund hätten sich die Mit-
arbeiter mit dem Gewerkschaftstreffen
besser über ihreRechte informieren
wollen. Lena Allenspach von der Ge-
werkschaftSyndicom bestätigt dasTr ef-
fen.«Wir wurden von Google-Mitarbei-
tenden eingeladen, umFragen zurrecht-

lichen Situation in der Schweiz zu beant-
worten.» Der Anlass habe trotz interner
Absage stattgefunden.«Wir wollten den
Mitarbeitern ermöglichen, die Info-Ver-
anstaltung durchzuführen – und zwar
unter ihren eigenen Bedingungen.»Das
Tr effen habe auf dem Google-Gelände
stattgefunden, inklusive Live-Stream
im Netz. Doch warum hat sich derKon-
zern vorab so schwergetan mit derVer-
anstaltung? Allenspach vermutet, dass
für die US-Firma Strukturen der Mitbe-
stimmung, wie man sie in der Schweiz
kenne,eher unbekannt seien. «Aber
warum man deshalb gleich einenTalk
absagen muss, haben wir nicht verstan-
den.» Google wollte sich aufFragen der
NZZ nicht zumThema äussern.
Klar ist, dassdas US-Unternehmen
auf seineWeisereagiert hat. Es plant
nun selbst eine ähnlicheVeranstaltung.
Dazu wurden mehrere Gäste eingela-
den, um über Arbeitnehmerrechte zu
sp rechen.AuchSyndicom wurde ein-

geladen, wie Allenspach bestätigt.«Der
Talk findet gemäss Einladung nächsten
Dienstag statt.»

Irrationale Angst?


LautVox wird das Google-Management
das Gespräch führen. Einige Angestellte
sehen dies als Eingreifen der Chefetage.
Im Artikel wirdein Mitarbeiter zitiert,
der via interne Plattform Kritik an-
bringt. DieVerantwortlichenwürden
nun versuchen,das Ganze als Unterstüt-
zung für die Angestellten hinzustellen.
Das Unternehmen zeige damit jedoch
eher eine irrationale Angst vor allem,
was zu einer möglichen Änderung des
Systems Google führenkönnte.Ange-
stellte in Zürich seien ohnehin gefähr-
det, da die meisten von ihnen nicht über
einen SchweizerPass verfügten und des-
halb damitrechnen müssten,dasLand
verlassen zu müssen, wenn sie ihrenJob
verlören. Inzwischen haben Google-An-

gestellte ausserhalb von Zürich gemäss
Vox-Bericht bereits Memes gepostet,
um so ihre Solidarität mit ihren Zürcher
Kolleginnen undKollegen zu zeigen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Goo-
gle-Mitarbeiter Solidarität mit ihresglei-
chen bekunden.Vor einemJahr verlies-
sen weltweitTausende von Angestellten
an sogenanntenWalk-outs ihr Büro,um
gegenFehlverhalten in derFührungs-
etage zu protestieren. Hintergrund dafür
war vor allem der Umgang mit sexuel-
len Belästigungen innerhalb des Unter-
nehmens. Darüber hinaus kritisierten
die Demonstrierenden auch die Arbeits-
kultur sowie Intransparenz. Nun schei-
nen dieForderungen Strukturen anzu-
nehmen. Im September etwa haben freie
Mitarbeiter desKonzerns in Pittsburgh
beschlossen,dieerste Gewerkschaft für
Google-Angestellte zu gründen. Sie for-
dern so mehrRechte für Arbeitnehmer
sowie mehr Mitspracherecht bei Unter-
nehmensentscheiden.
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