Neue Zürcher Zeitung - 23.10.2019

(Jacob Rumans) #1

Mittwoch, 23. Oktober 2019 INTERNATIONAL


Ein Mann mit Routine im Relativieren


Hans Modrowregierte als letzter SED-Politiker die DDR – 30 Jahre späterist er mit sichimReinen: Viele Ostdeutsche seien ihm dankbar


HANSJÖRG MÜLLER, BERLIN


Hans Modrow gehört zu denVerlierern
der Geschichte. Nicht, dass man ihm das
ansähe: Modrow, der letzteRegierungs-
chef der DDR aus denReihen der SED,
ist kein gebeugter alterMann; auch
dreissigJahre nach demFall der Mauer
haftet dem 91-Jährigen nichtsResigna-
tives an. Dreimal proWochekommt er
noch immer in sein Büro, ein kleines Ka-
buffimfünften Stock der BerlinerZen-
trale der Linkspartei, deren Ältesten-
rater bis heute angehört.Auf demTisch
steht einTelefon mit Spiralkabel, im
Regal diegesammeltenWerke von Karl
Mar x undFriedrich Engels. Einen Com-
pu ter verwendet Modrow nicht.


Kritik von Otto Graf Lambsdorff


Schaut er aus demFenster,sieht Mod-
row einen Hinterhof und graue Platten-
bauten.Seine Dreizimmerwohnung be-
findet sich in der Karl-Marx-Allee, der
früheren Prachtstrasse des deutschen
Arbeiter- undBauernstaates. Um in
sein Büro amRosa-Luxemburg-Platz zu
kommen,nimmt er dieU-Bahn.Alles an
Modrow ist unauffällig, seine Kleidung,
seineFrisur, seinAuftreten, doch in der
Bahn, so berichtet er,werde er noch
immer von vielen angesprochen. Nega-
tive Reaktionen erlebe er nicht mehr:
«Im Januar1990, als die Berliner Stasi-
Zentrale gestürmt wurde, da war ich
die Kommunistensau.Jetzt sagen mir
viele: ‹Danke, dass wir unser Haus noch
haben, Herr Modrow.›»
Damit sind wir mitten in Mod-
rows kurzerRegierungszeit, die vom



  1. November1989 bis zum 12.April
    1990 andauerte. Kurz bevor es mit der
    SED-Herrschaft zu Ende ging, war der
    damalige DresdnerParteichef noch an
    die Spitze der OstberlinerRegierung
    vorgestossen. Manchen galt Modrow
    damals alsReformer, der dasRegime
    in eine neue Zeit führenkönnte. Im
    März1990 beschloss seineRegierung
    ein Gesetz, das es DDR-Bürgern er-
    laubte, die Grundstücke, auf denen ihre
    Häuser standen, für Beträge weitunter
    Marktpreis zu erwerben.Auf das soge-
    nannte «Modrow-Gesetz» bezieht sich
    die Dankbarkeit, die ältere Ostdeut-


sche dem letzten SED-Regierungschef
bis heute entgegenbringen.Bald schon
sei der Boden teurer gewesen als die
Häuser, die darauf gestanden hätten,
sagt Modrow.
Nach derWende, als Bundestagsabge-
ordn eter der PDS im anderen Deutsch-
land, wurde er für seinen Entscheid an-
gegriffen:Otto GrafLambsdorff, der frü-
here deutscheWirtschaftsminister aus
den Reihen der FDP, nannte Modrow
den schlimmsten Ministerpräsidenten
der deutschen Geschichte. «HerrLambs-
dorf f, ich verstehe Sie gut», habe er dar-
aufhin erwidert, erinnert sich Modrow.
«Sie lebten im Schloss, Ihre Eltern hat-
ten grosseGüter, Ihr Leben ist damit ver-
bund en.Meine Eltern lebten in der Kate,
und mein Leben ist eben mit der Kate
verbunden.Das trennt uns.»
Eine gewisse Unversöhnlichkeit ist
aus seinenWorten herauszuhören. Mod-
row mag in der DDR als vergleichsweise
volkstümlicher Funktionär gegolten
haben, doch alles Leutselige geht ihm
ab, zumindest im Umgang mit dem poli-
tischen Gegner. HelmutKohl, der mit
Michail Gorbatschow oder BorisJel-
zin schnell eine persönliche Gesprächs-
basis fand, lief bei Modrow auf. «Als
wir in Dresden insAuto stiegen und er
mir erzählte, was er alles über dieFami-
lie Modrow wusste, was meinVater ge-
macht hatte, wie wir auf dem Dorf gelebt
hatten, da dachte ich im Stillen, warum
ist das so wichtig?» Ein solcher Stil, das
sei doch Betrug, findet Modrow: «In der
Politik geht es um Interessen.»

«Wasist denn hierlos?»


Nach dreiJahrzehnten imRechtfer-
tig ungsmodus hat Modrow eine ge-
wisse Routine im Relativieren ent-
wickelt: Nicht, dass er die Mängel der
DDR abstreiten würde, doch imWes-
ten, so seineVerteidigungslinie,laufe
doch auch vieles falsch. Kürzlich, da sei
Peter-Michael Diestel, der letzte Innen-
minister der DDR, in einerTalkshow
des MitteldeutschenRundfunks aufge-
treten und habe den Klingelton seines
Handys vorgespielt – ein paarTakte aus
der Hymne der DDR. In der Direkt-
übertragung sei das zu hörengewesen, in
der Wiederholung nicht mehr. Für Mod-

row ein Beweis, dass es auch imvereinig-
ten Deutschland nicht gut um die Mei-
nungsfreiheit steht:«Wenn ich das er-
lebe, dann frage ich mich doch:Was ist
denn hier los?»
Auf dieFrage, ob er die Bewunde-
rung, die er als junger Mann für Stalin
gehabt habe, zu seinen grösstenFeh-
lern zähle, antwortet er:«Der Stalin-
Kult war ein ganz grosserFehler,der
gemacht wurde.»Das klingt merkwür-
dig unpersönlich.Auch sonst scheint
Modrow gern in der Menge verschwin-
den zu wollen, wenn es umFehler geht.
Im Oktober1989,als Erster Sekretär der
SED-Bezirksleitung in Dresden, liess er
über tausend Bürger festnehmen, die
bei derDurchfahrt dreier Flüchtlings-
züge demonstrierten,die ausreisewillige
DDR-Bürger aus derTschechoslowakei

nachWestdeutschland brachten.«Was
wäredenn geschehen, wenn diese zehn-
tausend Leute, die da auf demBahn-
hof waren undFensterscheiben einwar-
fen,auf demBahnsteig stehengeblieben
wären?», fragt Modrow.
«Über dieWahlprozesse will ich
nichtreden», erklärt er, ohne dass er da-
nach gefragt worden wäre, und redet
dann doch darüber. 1993 wurde Mod-
rowzueinerBewährungsstrafe verur-
teilt, weil er im Mai1989 an derFäl-
schung derKommunalwahlen beteiligt
gewesen sein soll. «Da sind einige be-
straft worden, darunter ich als einziger
Erster Sekretär einer SED-Bezirkslei-
tung. Das war ganz offensichtlich ein
politischerVorgang,denn dieWahlen
liefen in allen Bezirken gleich ab. Erst
Hoffnungsträger und dann sozusagen
Krimineller:Das ist auch deutsche Ge-
schichte», kommentiert Modrow, als

handle es sich um Schicksalsschläge, die
über ihn hereingebrochen wären, ohne
dass er viel Einfluss gehabt hätte.

Immer wieder dieSystemfrage


Auf Modrows Schreibtisch liegt unter
anderem auch das Programm der Grü-
nen für die vergangene EU-Wahl. «Man
muss ja ein bisschen informiert sein. Die
Grünen waren klug, sie haben die Stim-
mungen, die sichin der Gesellschaft auf-
gebaut haben, am ehesten und am um-
fassendsten erfasst», meint er. Seiner
eigenenPartei geht es weniger gut.«Wir
haben uns immer mehr zum Establish-
ment entwickelt und dadurch anVer-
trauen verloren»,soerklärt sich Modrow
die Schwäche der Linkspartei.Doch auch
hier sieht er äussere Einflüsse amWerk:
Die Medien hätten sich auf die Linke
eingeschossen und spielten deren inner-
parteilicheKonflikte hoch.
Wer mit Modrow diskutiert, landet
früher oder später immer bei derSys-
temfrage:Dass Parteien ihre Meinungs-
verschiedenheiten nicht immer hinter
verschlossenenTüren austragen, hält er
für einenFehler, der darauf zurückzufüh-
ren sei, dass in einer kapitalistischen Ge-
sellschaft zu viel Geld im Spiel sei. Als
Abgeordneter in derVolkskammer der
DDR habe er 500 Mark Diäten bekom-
men. Heute erhalte ein Bundestagsabge-
ordneter 10000 Euro Diäten, 5000 Euro
Aufwandsentschädigung und über 20 000
Euro, um Mitarbeiter beschäftigen zu
können. «Jeder Abgeordnete ist ein
Kleinunternehmer, der um seinen Platz
kämpft», sagt Modrow. «Das überträgt
sich auf dieParteien: Behältst du deinen
Sitz, gehs t du in dieTalkshow oder ein
anderer? So entsteht Neid.»
Die deutsche Einheit ist für Modrow
keine Erfolgsgeschichte.Wer als Ost-
deutscher1989 zwanzig gewesen sei,
habe nie eine Chance gehabt. «Zwei
Drittel der Minister im Osten sindWest-
deutsche. Das wirkt wie eine Besatzung,
ich kann es gar nicht anders sagen.»
Auch dieWahlerfolge der AfD führt
Modrow darauf zurück:Wenn dieRech-
ten plakatierten,die Wende sei noch
nicht vollendet, fühlten sich viele ver-
standen.Dass dieAfD als Ostpartei gilt,
ärgert Modrow. Die gesamteParteielite

stamme doch ausWestdeutschland.«Da
muss man doch zunächst einmal fragen,
wie es möglich ist, dass nach derVer-
einigung so vielrechtes Gedankengut
in den Osten schwappenkonnte.»Das
Bösekommt für Modrow noch immer
aus demWesten, ein Denken wie zu
den Zeiten, als die Mauer in der DDR
als «antifaschistischer Schutzwall» be-
zeichnet wurde. Heute würden die bei-
den deutschen Diktaturen fast auf eine
Höhe gestellt; die Aktenberge der Stasi
drohten die Leichenberge desFaschis-
mus zu verdecken.

Von der Literaturpolitisiert


Hans Modrow wuchs in einem pommer-
schen Dorf auf,das heutezuPolen ge-
hört. DerVater, ein Seemann, wurde im
ErstenWeltkrieg verletzt,konnte seinen
Beruf nicht mehr ausüben und wurde
Bäcker. In derWirtschaftskrise musste
er seineBäckere i verkaufen. Im Glau-
ben daran,den Betrieb nacheinemAuf-
schwung wieder erwerben zukönnen,
trat er der NSDAP bei.Doch seine Hoff-
nungen zerschlugen sich,er blieb Bote in
einem Zementwerk.«Er drängte meinen
Bruder oder mich nie dazu,uns bei den
Nazis zu engagieren», erzählt Modrow.
«Aber ichwar Mitglied der Hitlerjugend.
Mit siebzehn kam ich in denVolkssturm,
wurde gefangen genommen und in die
Sowjetunion gebracht.» ModrowsPoli-
tisierungerfolgte über die Literatur:In
der Gefangenschaft lieh er sichRomane
linker Schriftsteller wie Anna Seghers
oder ErichWeinert aus.
Als Modrow1949 nach Deutsch-
land zurückkehrte, lebten seine Eltern
bei Hamburg. Auch seine Geschwister
wurden1949 Bürger der neu gegründe-
ten Bundesrepublik. SeinenVater, der
1957 starb, sollte er nie mehr wiederse-
hen; seine Mutter, die eine Schwester in
Königs Wusterhausen bei Berlin hatte,
kam bis in die1960er Jahreregelmässig
in die DDR zuBesuch. Dann starb
ModrowsTante,und seine Mutter kam
nicht mehr. Sie lebte bis zu ihremTod
1991 imWesten. Seinen BruderFranz,
einen Seemann, sah Modrowerst nach
der Wende wieder. «Franz stand zu mir,
auch als ich in der BRD vor Gericht
stand», sagt Hans Modrow. Sein Bruder
starb Mitte der1990er Jahre.
Die Insignien der Macht bedeuteten
Modrow nie viel. Bis heute ister stolz
auf das bescheidene Leben, das er als
Funktionär in der DDR führte.Anstatt
in ein Haus zu ziehen,wohnte er in Dres-
den in einer Plattenbauwohnung.Von so
viel ostentativer Bescheidenheit fühlten
sich manche in derFührung von Staat
und Partei düpiert. Aberkeiner sagte
etwas.«Mankonnte mir ja schwervor-
halten, dass ich dieVilla nicht nehme»,
sagt Modrow. Heute lebter von unge-
fähr 1500 Euro Rente. Für einen frü-
herenRegierungschefist das nichtviel.
Eine Strafe, wie er findet, die ihm aus
politischen Gründen auferlegt worden
sei. Bis vors Bundesverfassungsgericht
zog Modrow deswegen – und unterlag.

Der Mensch brauchtVisionen


Für manche bedeutete das Scheitern des
real existierenden Sozialismus das Ende
aller Utopien. Modrow gehört bis heute
zu den Gläubigen. «OhneVisionen wer-
den die Menschen nicht überleben», das
sei immer so gewesen: «NichtGottkam
auf die Erde und schrieb die Bibel, die
Kirche hat doch den Gott erfunden.»
Nimmt er Marx’Werke noch immer zur
Hand? «Ich lese darin nicht mehr so
häufig, das sage ich mit aller Offenheit»,
antwortet Modrow. Mittlerweile stehe
man vorFragen, die Marx nicht mehr
beantworte. Zumindest dessen methodi-
schesWerk bleibeaber aktuell: «Damit
kann man auch das aktuelle Geschehen
eines hochentwickelten kapitalistisch-
imperialistischenSystems analysieren.»
Interessenten findet Modrows Ana-
lyse offenbar noch immer: LetztesJahr
sei er in Nordkorea gewesen, nächs-
tes Jahr fliege er zu Gesprächen nach
Peking. In Europa, so klagter, werde der
Rat der Alten weniger geschätzt.

An Hans Modrow ist alles unauffällig: seine Kleidung, seineFrisur ,sein Auftreten.Doch in der U-Bahn, so sagt er,werde er nochimmer von vielen angesprochen. WOLF LUX/BILD


«Der Stalin-Kult war ein
ganz grosser Fehler,
der gemacht wurde.»
Das klingt merkwürdig
unpersönlich.
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