Handelsblatt - 16.10.2019

(Nancy Kaufman) #1
Bert Fröndhoff, Felix Holtermann,
Roman Tyborski Düsseldorf, Frankfurt

D


as Versprechen klingt hoffnungsfroh:
„Sie müssen kein IT-Experte sein,
um die Welt der Autos zu digitalisie-
ren.“ So wirbt der Autohersteller
Volkswagen bei seinen Mitarbeitern
um ein ambitioniertes Weiterbildungskonzept. „Fa-
kultät 73“ heißt das zweijährige Programm, das
Mechaniker, Elektronik-Fachkräfte oder Produkt-
designer zu Softwareentwicklern machen soll.
Seit April sitzen die ersten 100 Teilnehmer vor
den Rechnern im Mobile Life Campus von VW in
Wolfsburg. Sie büffeln Programmiersprachen wie
Java, üben sich in Echtzeit-Datenverarbeitung und
Datenbank-Aufbau sowie in der Erstellung von
Apps. Im kommenden Jahr soll die nächste Runde
mit weiteren 100 Kräften starten, mehr als 1 500 In-
teressenten an dem Programm gibt es laut VW.
2021 sollen die ersten IT-Absolventen einen festen
Arbeitsvertrag bekommen.
„Fakultät 73“ ist eine von Volkswagens Antwor-
ten auf eine Herausforderung, die fast alle Unter-
nehmen trifft. Sie sind mitten im technologischen
Wandel, bauen die Geschäftsmodelle um und brau-
chen neue qualifizierte Mitarbeiter. Bei VW sind
künftig Softwareentwickler, Datenexperten und
E-Mobilitätsexperten gefragt und weniger die altge-
dienten Motor-Mechaniker.
Wie stark der Umbruch ist, zeigt sich in Zahlen:
Bis zu 27 000 Arbeitsplätze in alten Bereichen und
in der Verwaltung werden zwischen 2017 und 2023
bei VW allein in Deutschland der Neuordnung zum
Opfer fallen. Zugleich planen die Wolfsburger kräf-
tig Neueinstellungen: Über 11 000 Jobs in Zukunfts-
bereichen wie der Softwareentwicklung sollen ent-
stehen. Und das in einer Zeit, in der die Autobran-
che auch noch in konjunkturelle Bedrängnis gerät.

Mitarbeiter für den Wandel rüsten
Bei den Banken zeigt sich ein dramatisches Bild.
Nach Berechnungen des Informationsdiensts
Bloomberg summieren sich die 2019 geplanten
Stellenstreichungen europäischer Finanzinstitute
auf rund 70 000. Allein bei der Deutschen Bank fal-
len 18 000 Jobs weg, die Commerzbank will über
4 000 Arbeitsplätze streichen. Zugleich brauchen
Banken IT-Experten für digitale Geschäftsmodelle.
Die Situation erscheint paradox, doch allerorten
ist dieses Spannungsverhältnis zwischen Kosten-
druck, Jobabbau, Fachkräftemangel und Transfor-
mation der Belegschaft ins Digitalzeitalter zu beob-
achten. Arbeitsexperten wie Alain Dehaze, globaler
CEO des Personaldienstleisters Adecco, sehen eine
riesige Herausforderung für die nächsten Jahre.
„Den meisten Firmen ist längst klar, dass sie sich im
Zuge der Digitalisierung völlig neu orientieren müs-
sen“, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt.
Die überall geforderten IT- und Softwareexper-
ten sind aber rar gesät. Unternehmen müssen ihre
bestehende Belegschaft viel intensiver auf die neu-
en Aufgaben vorbereiten als bisher, fordert De haze.
„Man kann einen großen Teil der heutigen Mitar-
beiter für den Wandel rüsten, wenn man es mit
Weiterbildung, dem Reskilling, wirklich ernst
meint“, sagt er. Das rechne sich auch in den meis-
ten Fällen, weil das schwierige Rekrutieren von au-
ßen dreimal teurer sei.
Tatsächlich entwickeln viele Unternehmen neue
Konzepte für die Weiterbildung oder Umschulung
ihrer Mitarbeiter. Das zeigt nicht nur VW. Der Auto-
zulieferer Continental streicht in den nächsten
zehn Jahren 7 000 Stellen in Deutschland, will aber
absolut gesehen die Mitarbeiterzahl konstant hal-
ten, weil neue Jobs etwa in der E-Mobilität entste-
hen. Dort aber seien Entwickler von Software und
Leistungselektronik nötig, erläutert Contis Perso-
nalvorständin Ariane Reinhart. Die sollen vor allem
aus den eigenen Reihen kommen. Über das „Conti-
nental Institut für Technologie und Transformati-
on“ (CITT), einen internen Bildungsträger, sollen
über 1 000 Mitarbeiter pro Jahr höher qualifiziert
werden. „In diesem Jahr haben wir bereits 120 vor
allem ungelernte Mitarbeiter weiterqualifiziert,
zum Beispiel zu Mechatronikern oder Kautschuk-

verfahrensmechanikern“, sagt Reinhart dem Han-
delsblatt. „Wir sind jetzt in der Hochlaufphase für
das CITT, um ab 2020 die Qualifizierungsbedarfe
zu decken.“ Das Unternehmen weist Mitarbeiter
auf die Weiterbildungsmöglichkeiten hin. Im Fokus
stehen dabei un- und angelernte Mitarbeiter. Wei-
tergebildet werden diese von den eigenen Ausbil-
dern und Meistern, die im Rahmen des CITT auf
die Stelle eines Trainers gewechselt sind.
Anfang 2018 hatte der Konzern ein Eckpunktepa-
pier erstellt, bei dem es darum ging, die perspekti-
vische Qualifizierung sicherzustellen, den internen
Arbeitsmarkt zu nutzen und lebenslanges Lernen
zu ermöglichen. „Das Eckpunktepapier war sozu-
sagen der Ausgangspunkt für die Gründung des
CITT“, sagt sie. Darüber hinaus bilden sich über
die im Dezember eröffnete Software Academy mitt-
lerweile 5 000 Conti-Mitarbeiter weiter. „Dieselin-
genieure“ wiederum will das Hannoveraner Unter-
nehmen gezielt zu Elektro-Spezialisten umschulen.

Der Konzern lässt sich die Weiterbildungsmaß-
nahmen einiges kosten. Auf der diesjährigen IAA
erklärte Conti-Chef Elmar Degenhart, dass der
Konzern eine Milliarden Euro ausgeben muss,
wenn lediglich 20 Prozent der Belegschaft in
Deutschland fit für die Digitalisierung gemacht wer-
den sollen. Personalchefin Reinhart erklärte in ei-
nem Schreiben zum Strukturprogramm des Zulie-
ferers, das Ende September veröffentlicht wurde,
dass Continental ab sofort jedes Jahr einen „zwei-
stelligen Millionenbetrag“ in die ganzheitliche
Form der Qualifizierung investieren wird.
Diese Neuausrichtung will auch der Bosch-Kon-
zern bei seinen Technikern erreichen. Klassische
Maschinenbau-Ingenieure werden binnen drei
Monaten für Jobs im Softwareumfeld geschult, für
die nicht unbedingt ein Informatikstudium
notwendig ist. Bei dem Unternehmen hat mittler-
weile jede zweite offene Stelle Bezug zu Software
oder IT.

Der digitalisierte


Arbeiter


Tausende Jobs werden gestrichen, Tausende IT-Experten


werden gebraucht: Wie Unternehmen ihre Belegschaften fit für


den Digitalwandel machen wollen.


VR-Brille im
Einsatz bei Bosch:
Jede zweite offene
Stelle hat mittler-
weile Bezug zu
Software oder IT.

shutterstock editorial

Ariane Reinhart:
Die Conti-Personal-
chefin will ungelernte
Mitarbeiter zu
Mechatronikern
weiterbilden.

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MITTWOCH, 16. OKTOBER 2019, NR. 199


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