Handelsblatt - 16.10.2019

(Nancy Kaufman) #1

Neil Woodford: Zu Bestzeiten verwaltete das
„Orakel von Oxford“ 15 Milliarden Pfund.


Bloomberg

Neil Woodford


Unrühmliches Ende


für Fondsmanager


LONDON Großbritan-


niens bekanntester


Fondsmanager muss


gehen. Neil Woodford


sei ab sofort nicht


mehr Manager seines


Income Equity Fund,


teilte der Fondsver-


walter Link Fund Solu-


tions am Dienstag in


einem Anlegerbrief


mit. Der Fonds werde


in den kommenden


Monaten abgewickelt,


die Anleger würden ab


Januar 2020 ausge-


zahlt. Hunderttausen-


de Kleinanleger dro-


hen auf herben Verlus-


ten sitzen zu bleiben.


Für Woodford, 59,


auch „Orakel von Ox-


ford“ genannt, ist es


ein schmachvolles En-


de. Zu Bestzeiten hatte


er 15 Milliarden Pfund


verwaltet. Seit zwei


Jahren erlebt sein
einst populärer In -
come Equity Fund je-
doch einen schlei-
chenden Niedergang.
Um die Abflüsse zu
stoppen, hatte Wood-
ford im Juni den
Fonds geschlossen.
Seitdem konnten die
Anleger nicht mehr an
ihr Geld, mussten aber
weiter Gebühren zah-
len. Woodford wollte
Zeit gewinnen, um
sein Portfolio in liqui-
dere Anlagen umzu-
schichten. Im Dezem-
ber wollte er den
Fonds wieder öffnen.
Als sich abzeichnete,
dass das nicht klappen
wird, entschied Link,
die Reißleine zu zie-
hen. Mit der Abwick-
lung wurde Blackrock
beauftragt. C. Volkery

Georg Weishaupt Düsseldorf


E


s hat etwas von Wohnzimmer -
atmosphäre: Auf einer Leinwand
knistert ein Kaminfeuer, in der
Ecke steht eine grüne Topfpflan-
ze. Zwei Menschen sitzen gemüt-
lich in gelben Sesseln. Doch die Veranstal-
tung dort in der Berliner Firmenzentrale von
Zalando am vergangenen Montag war streng
geschäftlich. Aufsichtsratschefin Cristina
Stenbeck und Co-Vorstandschef Rubin Ritter
verkündeten im Auditorium, dass das Online-
Modehaus eine Frauenquote für das Manage-
ment einführt. „Vielfalt auf allen Unterneh-
mensebenen führt zu besseren Entscheidun-
gen, fördert eine kreative Kultur und steigert
im besten Fall die Gesamtleistung“, so be-
gründete Stenbeck das neue Unternehmens-
ziel vor mehreren Hundert Mitarbeitern.
Der Schwedin mit amerikanischem Pass
liegt das Thema Frauen im Management sehr
am Herzen. So verfolgt sie auch beim schwe-
dischen Beteiligungskonzern Kinnevik ehrgei-
zig das Ziel, mehr Frauen in Führungspositio-
nen zu bringen. Bei dem vor mehr als 80 Jah-
ren von ihrem Großvater Hugo Stenbeck
gegründeten Unternehmen, das sich an On-
linefirmen beteiligt, kontrolliert sie mit weite-
ren Familienmitgliedern rund die Hälfte der
Stimmrechte. Kinnevik ist mit 26 Prozent der
größte Aktionär von Zalando.

Boykott-Aufrufe im Internet


Bei Deutschlands größtem Online-Modehaus
setzt die 42-Jährige ihre Mission fort, seit sie
im Mai dieses Jahres den Aufsichtsratsvorsitz
übernommen hat. Zusammen mit den fünf
Männern im Zalando-Vorstand fordert sie,
dass bis 2023 mindestens 40 Prozent der Po-
sitionen in den oberen sechs Management-
ebenen von Frauen besetzt werden – also auf
allen Hierarchieebenen vom Vorstand bis
runter zum Teamleiter. Damit die Männer
langfristig aber nicht zu kurz kommen, gilt
auch für sie diese Quote.
Die neue Strategie kommt beim Online-Mo-
dehaus einer Revolution gleich. Bislang hatte
sich Zalando geweigert, sich auf eine Quote
im Topmanagement festzulegen. So haben
bei dem Unternehmen, bei dem vor allem
weibliche Kunden Kleidung und Schuhe ein-
kaufen, derzeit nur in gut 28 Prozent der
Führungspositionen Frauen das Sagen.
Und noch im Februar 2019 sorgte der Kon-
zern in Sachen Frauenquote für Irritationen
in der Öffentlichkeit: Zalando erweiterte zwar
den Vorstand von drei auf fünf Personen, um
das weitere Wachstum zu stemmen, berief
aber keine einzige Frau in das Topmanage-
ment. Monika Schulz-Strelow, Präsidentin
der Organisation FidAR (Frauen in die Auf-
sichtsräte), lobt jetzt zwar die hohen Ziele
von Zalando. Sie kämen spät, doch nicht zu
spät. „Aber der Konzern beugt sich auch dem
Druck der sozialen Medien“, kritisiert sie.
„Da gab es in den letzten Monaten Aufrufe,
Zalando zu boykottieren.“
Immerhin sendete der Konzern in der ver-
gangenen Woche das erste Signal für eine Öff-
nung im Topmanagement: Zalando erweiter-
te sein Führungsteam um zwei Manager, da-

runter ist auch eine Frau. So ist Barbara
Daliri-Freyduni, 51 Jahre alt, seit 1. Oktober
neue Chefin für den Bereich Demand und da-
mit für das Marketing verantwortlich. Sie hat
umfangreiche Marketingerfahrung bei inter-
nationalen Konzernen von Google über Net-
flix bis hin zu Microsoft gesammelt.
Mit der Aufsichtsratschefin Stenbeck teilt
sie die Begeisterung für das Digitalgeschäft.
Stenbeck verschob bei Kinnevik den Schwer-
punkt von der Medienbranche hin zur Betei-
ligung an Onlineunternehmen. „Sie hat den
Laden ordentlich umgekrempelt“, wie es ein
Analyst ausdrückt. Das ist auch bei Zalando
dringend notwendig, wenn der Konzern sein
Geschäft bis zum Jahr 2023/24 von 6,6 auf 20
Milliarden verdreifachen will.
Die Chefkontrolleurin hat bereits bewie-
sen, dass sie sich durchsetzen kann. Denn als
ihr Vater 2002 an einem Herzinfarkt starb,
war Cristina Stenbeck erst 24 Jahre alt. Man-
cher traute ihr damals nicht zu, die Rolle des
charismatischen Seniors auszufüllen. Doch es
gelang ihr.
So ist sie heute auch ein Vorbild für viele
Frauen bei Zalando, die sich nun Hoffnungen
auf bessere Karrierechancen machen dürfen.

Cristina Stenbeck


Zalando entdeckt

die Frauen

Die Aufsichtsratschefin führt beim Online-Modehaus die Quote für


weibliche Führungskräfte ein - und erhält dafür auch Kritik.


Cristina Stenbeck:
Die Schwedin baute
das Geschäft von
Kinnevik kräftig um.

picture alliance / IBL Schweden

Der Konzern


beugt sich


dem Druck


der sozialen


Medien.


Monika Schulz-Strelow
FidAR-Präsidentin

Andreas Scheuer


Maut-Ärger


ohne Ende


BERLIN Die Einfüh-


rung der Pkw-Maut


sollte für die CSU ein


politischer Triumph


werden. Doch mittler-


weile ist das geschei-


terte Projekt für den


CSU-Verkehrsminister


Andreas Scheuer eine


schwere Hypothek. Er


sieht sich mit Rück-


trittsforderungen kon-


frontiert. Nun haben


die Oppositionsfrak-


tionen Grüne, FDP


und Linke am Diens-


tag einen Untersu-


chungsausschuss auf


den Weg gebracht. Der


sei eine Chance zur


Versachlichung und


Aufklärung, erklärte


Scheuer zweckopti-


mistisch. Er wies Vor-


würfe zurück, er habe
das Parlament nicht
ausreichend infor-
miert. Einen Rücktritt
lehnt er ab. „Ich
möchte mich für die
Bürger auf eine gute
Verkehrspolitik kon-
zentrieren.“ Scheuer
steht unter Druck,
weil er die Verträge
zur Erhebung und
Kontrolle der Maut mit
den Betreibern
Kapsch und CTS Even-
tim 2018 geschlossen
hatte, bevor endgülti-
ge Rechtssicherheit
bestand. Der Europäi-
sche Gerichtshof
(EuGH) hatte die Maut
Mitte Juni für rechts-
widrig erklärt. J. Hilde-
brand, F. Specht

Namen


des Tages


1


MITTWOCH, 16. OKTOBER 2019, NR. 199


46

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