Handelsblatt - 16.10.2019

(Nancy Kaufman) #1

mission empfiehlt, ab 2023 die Übertragungsnetz-


entgelte um zwei Milliarden Euro zu bezuschussen,


damit die Netzentgelte für private und gewerbliche


Stromverbraucher entsprechend gesenkt werden


können.


„Der Anstieg bei der EEG-Umlage setzt den fal-


schen Trend. Die Strompreise müssen runter statt


rauf “, forderte der Verband der Chemischen In-


dustrie (VCI). Klimaschutz und die Energiewende


seien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für die


sich der Staat finanziell stärker einbringen müsse.


Der VCI fordert seit geraumer Zeit, nur noch beste-


hende Anlagen über die EEG-Umlage zu finanzie-


ren. Neue Erneuerbaren-Anlagen sollten jedoch


aus dem Bundeshaushalt finanziert werden, wo-


durch die Umlage mittelfristig auslaufen würde.


„Auf die Unternehmen rollt eine Kostenlawine


durch die Erhöhung der EEG-Umlage zu. Diese


übersteigt bereits im kommenden Jahr die im Kli-


mapaket angekündigte Absenkung der Umlage“,


kritisierte Holger Lösch, stellvertretender BDI-


Hauptgeschäftsführer. Es seien wirksame Instru-


mente zur Senkung der Strompreise erforderlich.


Auch der Wirtschaftsrat der CDU sieht die Ent-


wicklung kritisch. Der staatliche Anteil am Strom-


preis müsse sinken. Leider werde im Klimapaket


einzig ein Abschmelzen der EEG-Umlage um 0,


Cent je Kilowattstunde ab 2021 in Aussicht gestellt.


„Das ist nicht mehr als ein symbolischer Tropfen


auf dem heißen Stein“, kritisierte der Wirtschafts-


rat. Der Wirtschaftsrat fordert eine Roadmap für


das Auslaufen des EEGs.


Selbst die minimale Entlastung um 0,25 Cent ab


2021 steht noch unter Vorbehalten. „Die Senkung


der EEG-Umlage mit Steuermitteln ist beihilferecht-


lich problematisch“, warnte Stefan Kapferer,


Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der


Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Auch Kap-


ferer propagiert, die Stromsteuer zu senken.


Für den Anstieg der Umlage im kommenden


Jahr gibt es verschiedene Ursachen. Als Haupt-


grund führen die Übertragungsnetzbetreiber die


geplante deutliche Erhöhung der Liquiditätsreser-


ve an. Sie dient der Absicherung von Risiken, die


sich aus jahreszeitlich schwankender Stromerzeu-


gung ergeben. Die Übertragungsnetzbetreiber tei-


len Altmaiers Einschätzung, dass mit weiteren An-


stiegen der EEG-Umlage nicht zu rechnen ist. „Der


Gipfel sollte erreicht sein“, sagte Amprion-Ge-


schäftsführer Hans-Jürgen Brick.


Nach Überzeugung des Bundesverbands Erneu-


erbare Energie (BEE) muss der Anstieg der Umlage


nicht zwangsläufig zu höheren Strompreisen füh-


ren. Der Verband empfiehlt Stromverbrauchern,


Preise zu vergleichen und gegebenenfalls den An-


bieter zu wechseln.



Kommentar Seite 17



Strompreis für Haushaltskunden


EEG-Umlage für Haushaltsstrom
in Cent je kWh

6,756 Cent


HANDELSBLATT


2003 2020


Quellen: BDEW, Netztransparenz.de, Arepo Consult

8

6

4

2

0

Zusammensetzung des Strom-
preises 2019 in Cent je kWh*


30,


7,39 Netzentgelt


0,01 Abschaltbare Lasten


0,28 Kraft-Wärme-Kopplung


0,31 Individuelle Netzentgelte


0,2 Offshore-Netz


1,66 Konzessionsabgabe
Umlagen für:

2,0 Stromsteuer


4,86Mehrwertsteuer


6,4 Erneuerbare Energien
(EEG)

7,06 Beschaffung


*Bei einem Jahresverbrauch von 3 500 kWh


Mobilitätswende


Chemie-Jobs in Gefahr


D


urch die Mobilitätswende stehen nicht
nur in der Automobilbranche selbst Ar-
beitsplätze auf dem Spiel. Auch in der
chemischen und der gummi- und kunststoffver-
arbeitenden Industrie sind Jobs in Gefahr. Diese
Branchen beschäftigten zuletzt 726 000 Mitarbei-
ter. Davon arbeiteten 2014 gut 127 000 in den
Wertschöpfungsketten der Autoindustrie und
stellten beispielsweise Lacke, Reifen, Dichtungen
oder Leichtbaukomponenten her.
Dies zeigt eine noch unveröffentlichte Studie
der Fraunhofer-Gesellschaft und der Stiftung Ar-
beit und Umwelt der Gewerkschaft IG BCE, die
dem Handelsblatt vorab vorliegt. Demnach hängt
in der chemischen Industrie etwa jeder zehnte
Job am Auto, in der Kunststoffbranche ist es jeder
fünfte. Die stärkste Abhängigkeit mit rund einem
Drittel der Arbeitsplätze zeigt die Gummiverar-
beitung. Die Studienautoren gehen davon aus,
dass nicht nur die Umstellung auf den Elektroan-
trieb die Automobilbranche grundlegend umwäl-
zen wird, sondern auch Trends wie Shared Mobi-
lity die Kfz-Nachfrage beeinflussen. Vor diesem
Hintergrund haben sie die Verflechtungen der ge-
nannten Branchen mit der Autoindustrie unter-
sucht. Da sie dabei auf sogenannte Input-Output-
Tabellen zurückgreifen, die erst mit mehrjähriger
Verzögerung vorliegen, stammen die jüngsten
Daten aus dem Jahr 2014.

Chance auf neue Märkte
Die Autoindustrie ist damit nicht nur ein Jobmo-
tor bei den Zulieferern. 2014 entfielen fast elf Mil-
liarden Euro der Wertschöpfung der Chemie-,
Kunststoff- und Gummi-Industrie auf die Ferti-
gung von Vorprodukten für den Automobilbau.
Allerdings zeigt die Studie auch die zunehmende
internationale Verflechtung. Von den Chemiebe-
schäftigten, die Vorprodukte für Autobauer fer-
tigten, arbeitete im Jahr 2000 noch gut jeder
zweite für in Deutschland produzierte Fahrzeu-
ge. 2014 war es nicht einmal mehr jeder dritte. In
den Gummi- und Kunststoffsektoren hängen acht
von zehn der Zulieferjobs von der Autoprodukti-
on in anderen europäischen Ländern ab. Da aber
etwa die Klimaziele europaweit gelten, wird mit
ähnlichen Trends wie in Deutschland auch in an-
deren Ländern gerechnet.
Natürlich bringe der Umbruch auch Chancen
mit sich, heißt es in der Studie weiter. So eröffne-
ten der Leichtbau, die Batterie- oder Brennstoff-
zellenentwicklung oder innovative Komposit-
werkstoffe auch neue Märkte und Potenziale.
Diese ließen sich aber nur heben, wenn Anreize
für verstärkte Forschungs- und Entwicklungsakti-
vitäten gesetzt und Mitarbeiter für neue Aufga-

ben qualifiziert würden. So liegt der Anteil von
Hilfskräften in der kunststoffverarbeitenden In-
dustrie bei 22,4 Prozent, nur knapp sieben Pro-
zent der Beschäftigten sind hochqualifizierte Ex-
perten.
Der Umbruch in der Autoindustrie beschäftigt
nicht nur die IG BCE. Die IG Metall hatte vergan-
gene Woche auf ihrem Gewerkschaftstag in Nürn-
berg ihr Bekenntnis zu den europäischen Klima-
schutzzielen bekräftigt und ein Aktionspro-
gramm zur Mobilitäts- und Energiewende
beschlossen. Die Gewerkschaft fordert unter an-
derem einen Ausbau der Ladeinfrastruktur für
E-Autos, berufliche Perspektiven für Beschäftig-
te, deren Jobs bedroht sind, und die Entwicklung
neuer Mobilitätskonzepte. Klimaschutz im Ver-
kehr dürfe aber nicht mit erzwungenem Verzicht
auf Mobilität oder sozialen Schieflagen erkauft
werden.
Auch die Bundesländer mit Automobilstandor-
ten bereiten sich auf die Transformation vor, die
jetzt auch noch von einem konjunkturellen Ab-
schwung begleitet wird. In Thüringen geht am
kommenden Montag bei der Landesentwick-
lungsgesellschaft (LEG) eine „Koordinationsstelle
Automobilwirtschaft“ an den Start. Sie soll An-
laufstelle für betroffene Unternehmen sein und
Lösungsvorschläge erarbeiten. Unterstützt wird
sie durch eine „Taskforce Automobilwirtschaft“,
der Vertreter von Ministerien, Gewerkschaften,
Wirtschaftsverbänden und der Arbeitsagentur
angehören.
Nach einer Studie des Chemnitz Automotive
Institute (CATI) arbeiten in Thüringen in der An-
triebs- und Fahrwerksproduktion rund 19 000
Beschäftigte, zehn bis 15 Prozent dieser Jobs
könnten aufgrund des Strukturwandels bis 2030
wegfallen. Die Insolvenz von Firmen wie Mitec
und JD Norman oder angekündigte Standort-
schließungen von Autotest oder Plastic Omnium
in der Region Eisenach seien Alarmzeichen, sagt
Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefen-
see (SPD). Die Sicherung von Arbeitsplätzen müs-
se jetzt oberste Priorität haben.
In einem Positionspapier fordert Tiefensee un-
ter anderem ein Steuer- und Abgabenmoratori-
um, eine bessere Absicherung nach dem Jobver-
lust und eine Flexibilisierung des Beihilferechts,
um die Transformation der Autoindustrie mit Li-
quiditätsbeihilfen oder Bürgschaften begleiten zu
können. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil
(SPD) will noch in diesem Monat den Entwurf für
sein „Arbeit von morgen“-Gesetz vorlegen. Es
sieht unter anderem höhere staatliche Zuschüsse
bei Qualifizierungen und neue Regeln für Trans-
fergesellschaften vor. Frank Specht

Auto von Car2Go: Die Mobilitätswende betrifft auch die Beschäftigten in der Kunststoffindustrie.


dpa

Mit einem


Zuschuss aus


dem Bundes-


haushalt zu


den Netz-


entgelten und


einer grund-


legenden


Reform der


EEG-Umlage


könnte die


Regierung


beweisen, dass


ihr an der


heimischen


Industrie


gelegen ist und


sie es nicht nur


bei der


Ankündigung


von Ent-


lastungen für


den Mittelstand


belässt.


Ingeborg Neumann
Präsidentin
Gesamtverband Textil
und Mode

Wirtschaft & Politik


MITTWOCH, 16. OKTOBER 2019, NR. 199


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