Der Stern - 02.10.2019

(Nancy Kaufman) #1

E


s ist bezeichnend für den Zustand
der SPD, dass er das glaubt sagen zu
müssen. „Ich bin der Meinung, dass
ich ein echter truly Sozialdemokrat
bin“, verkündet Olaf Scholz zum
Auftakt der Bewerbungstour für
den Parteivorsitz. 1975, noch als Gymna-
siast, war er in die SPD eingetreten, diente
ihr dann – nur eine schmale Auswahl der
Funktionen – als Hamburger Bürgermeis-
ter, Generalsekretär, Arbeitsminister, Fi-
nanzminister, Vizekanzler. Echt und truly,
also, was doppelt gemoppelt ist, echt und
wirklich, muss er sich nun nennen, in der
nach links taumelnden Partei.
Und er tut seither nichts anderes als
unter Beweis zu stellen, dass er das ist, echt
und truly. Ein Sozi. Stellt sich gegen das
Facebook-Geld Libra, mit dem der Gigant
die Finanzwelt aus den Angeln heben
möchte, als Erster ohne Wenn und Aber.
Liest den Banken wegen der Überlegungen
zu Negativzinsen die Leviten. Schockt die
Konzerne mit dem Plan, ihre Steuerdaten
Land für Land offenlegen zu müssen. Kün-
digt eine Finanztransaktionssteuer an, na-
tional. Strampelt sich in die erste Reihe der
Klimaschützer, GroKo-Format, aber auch
als Beschützer der kleinen Leute. Im Bun-
destag liefert er eine Haushaltsrede ab
ohne Zahlenhuberei, politisch, pointiert.

Ewig hängt dem Unentdeckten der
„Scholzomat“ an, eine Schmähung so zäh
wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Da-
bei sollte man ihn mal lachen hören. Er tut
das nicht nur scholzhaft verschmitzt, son-
dern gelegentlich auch lauthals. Das klingt
so einzigartig keckernd hochtönend, dass
er damit ein Vermögen hätte machen kön-
nen, als mit Klingeltönen fürs Handy noch
Geld zu verdienen war.
Verschmähte ihn seine Partei bei dieser
Auswahl von Kandidaten, dann wäre sie
von allen guten Geistern verlassen. Sektie-
rerisch. Drittklassig. Aber wer kann das
ausschließen? Wenn er auf der Bühne sitzt,
schmal lächelnd und meist schweigend
unter den anderen, dann zielt alles, was die
sagen, irgendwie auf ihn. Aber wie nötig
ihn die SPD hat, hart am Abgrund, das
merkt man gerade da.
Norbert Walter-Borjans, Pensionär und
als Finanzminister von Nordrhein-West-
falen als Ankäufer von CDs mit den Daten
von Steuerbetrügern zu flüchtigem Ruhm
gekommen, ist plötzlich so etwas wie der
Liebling der Partei. Gerhard Schröders
Agenda 2010 radiert er mit einem einzigen
Satz aus dem Geschichtsbuch: „Wir sind
mit dem SPD-Bus falsch abgebogen und in
der neoliberalen Pampa gelandet.“ Jubel. So
einfach macht es sich die SPD heute mit
dem Programm, das die Zahl der Arbeits-
losen mehr als halbiert hat. 5,2 Millionen
hatten keinen Job, im Februar 2005.
Deshalb, wegen solcher Sätze voller Un-
verstand, ist Scholz unverzichtbar. Er ist
der Letzte und Einzige unter den Kandida-
ten, der noch eine lebendige Verbindung
hat zu Wirtschaft, Arbeit und Produktion.
Alle anderen verteilen nur, mit vollen
Händen: mehr Lohn, mehr Rente, mehr
Steuern, mehr Schulden. Keiner spricht
von Rezession und Jobs. Harald Christ, der
Mittelstandsbeauftragte der Partei, hat
deshalb nun hingeschmissen.
Will die SPD jemals wieder Anspruch auf
politische Macht erheben, dann wird das
nur gelingen mit Wirtschaftskompetenz.
Mit einem wie Scholz. Das war immer so,
wenn sie regierte. Willy Brandt hatte Karl
Schiller, den Ökonomen. Helmut Schmidt
und Gerhard Schröder hatten sich selbst.
Man muss kein Anhänger der GroKo sein,
um Scholz zu empfehlen. Die dritte GroKo
seit 2005 ist eine zu viel. Ich war von An-
fang an dagegen. Aber wenn Scholz, der das
Bündnis bis 2021 fortführen möchte, nur
so zu haben ist, dann sei es eben so. Genos-
sen, lasst die Tassen im Schrank, hat Karl
Schiller gesagt. Scholz, wer sonst? Truly. 2

Als er noch Bürgermeister war in Ham-
burg, da baute er in sechs Jahren mehr als
65 000 Wohnungen. Die linke SPD in der
Hauptstadt Berlin schlief da tief. Truly.
Aber Scholz ist nun mal kein Menschen-
fischer, keiner mit Aura wie Willy Brandt,
bei dem den Anhängern die Tränen kamen,
wenn er eine Halle auch nur betrat. Olaf
Scholz hält seine Emotionen im Drahtkä-
fig, und wenn er sich mal in eine Talkshow
wagt, schluckt er die eigene Zunge runter.

SCHOLZ – WER SONST?


Die SPD braucht einen Kopf mit Verstand


für die Wirtschaft. Wenn die CDU-Spitze da schon


blank ist. Ein Plädoyer für Olaf Scholz


18 2.10.

KOLUMNE


JÖRGES


Hans-Ulrich Jörges
Der stern-Kolumnist schreibt
jede Woche an dieser Stelle

ZWISCHENRUF AUS BERLIN


ILLUSTRATION: JAN STÖWE/STERN
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