Der_Spiegel_-_14_09_2019

(Jacob Rumans) #1
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Krankenhäuser

»Schließungen machen


Angst«


Der Hamburger Gesund-
heitsökonom Jonas Schrey-
ögg, 43, Mitglied des
Sachverständigenrats
Gesundheit, über die Fol-
gen der neuen Vorgaben zur Mindest -
anzahl von Pflegekräften auf Stationen

SPIEGEL:Die Deutsche Krankenhausge-
sellschaft schlägt Alarm: 37 Prozent aller
Kliniken mussten bereits Betten auf Inten-
sivstationen sperren, weil sie die seit Janu-
ar vorgeschriebene Zahl an Pflegekräften
nicht einhalten konnten. Was heißt das?
Schreyögg:Bettensperrungen hat es
schon immer gegeben. Sofern sie auf-
grund von Unterbesetzungen stattfinden,
sind sie aber ganz im Sinne der Patientin-
nen und Patienten. Die Untergrenzen für

Pflegekräfte sind so angesetzt, dass sie nur
einen Mindeststandard garantieren. Wenn
dieser Standard nicht eingehalten wird, ist
das alarmierend – und nicht die Sperrung.
SPIEGEL:Die Krankenhausgesellschaft
kritisiert die Untergrenzen: Es gebe ein-
fach nicht genug Pflegekräfte in Deutsch-
land, um diese einzuhalten.
Schreyögg: Deutschland hat im interna -
tionalen Vergleich der Pflegekräfte
pro Einwohner keine besondere Not.
Die Lösung kann nicht sein, dass wir die
Untergrenzen auf den Stationen absenken,
denn damit gefährden wir die Patienten.
SPIEGEL:Was empfehlen Sie?
Schreyögg:Die Bundesländer müssen
ihre Krankenhauspläne prüfen! Es gibt
Kliniken, die »bedarfsnotwendig« sind,
und solche, die »nicht bedarfsnotwendig«
sind. Nicht zwingend notwendige
Kliniken nehmen zwingend notwendigen
Kliniken Pflegekräfte weg.
SPIEGEL: Die Lösung wäre also, kleine
Krankenhäuser zu schließen?

Schreyögg:Schließungen machen den
Menschen Angst und sind auch oft gar
nicht nötig, es geht um Umwandlungen.
Die Standorte brauchen wir. Ehemalige
Krankenhäuser können etwa dringend
benötigte Kurzzeitpflegeplätze oder
ambulante OP-Zentren in ländlichen
Regionen beherbergen. Wir müssen in
anderen Versorgungsstrukturen denken.
SPIEGEL: Trotzdem: Wenn Krankenhäu-
ser schließen, gefährdet das nicht am
Ende auch die Patientensicherheit durch
zu weite Wege?
Schreyögg:Nein, es gibt gute Studien,
die zeigen, dass Krankenhäuser in größe-
rer Distanz sogar die Patientensicherheit
erhöhen können. Dann nämlich, wenn
diese Krankenhäuser besser ausgestattet
sind – mit Pflegekräften, Ärzten, medizi-
nischen Geräten. Deutschlands Kranken-
hausnetz ist im Übrigen so engmaschig,
dass sich vielerorts die Wege zur nächs-
ten Klinik gar nicht erhöhen, wenn eine
schließt oder umgewandelt wird. AB

DER SPIEGEL Nr. 38 / 14. 9. 2019

M. POPOW / IMAGO IMAGES


M. ASSANIMOGHADDAM / DER SPIEGEL

Elsflether Werft

Bundeswehr

Teure und unnütze


Flüchtlingsausbildung


 Der Bundesrechnungshof wirft dem
Verteidigungsressort Misswirtschaft bei
einem Herzensprojekt der früheren
Ministerin Ursula von der Leyen (CDU)
vor. In einem vertraulichen Bericht von
Anfang August schreiben die Prüfer, das
von der Ministerin angestoßene Ausbil-
dungsprogramm für syrische Flüchtlinge
sei »sowohl unwirtschaftlich als auch
unwirksam« gewesen. Demnach nahmen
217 Flüchtlinge 2016 und 2017 an vierwö-

chigen Schnupperkursen zu Themen wie
Technik, Handwerk, Sanitätswesen teil,
Kosten: fünf Millionen Euro. Für jeden
Flüchtling gab die Bundeswehr also etwa
23 000 Euro aus, ähnliche Programme
der Bundesagentur für Arbeit kosten laut
Bericht rund 1800 Euro pro Teilnehmer.
Die Verschwendung sei auf Planungsfeh-
ler zurückzuführen: Da das Deutsch der
Syrer schlechter war als angenommen,
wurden für fast 900 000 Euro Dolmet-
scher angeheuert. Die beteiligten Solda-
ten verursachten 2,4 Millionen Euro Per-
sonalkosten, 2016 gab es eine »Mehr-als-
1-zu-1-Betreuung«. In Oldenburg wurde
für über eine halbe Million Euro neues
Werkzeug angeschafft,
das die Flüchtlinge
dann »aus Sicherheits-
gründen« gar nicht
benutzen durften. Am
Standort Meppen wur-
den die Azubis täglich
per Leibesvisitation
und von Sprengstoff-
spürhunden kontrol-
liert. Obwohl eine bun-
deswehrinterne Unter-
suchung dem Projekt
schon Ende 2016 eine
»ungesunde Kosten/
Nutzen-Relation« attes-
tierte und den Abbruch
forderte, ordnete das
Ministerium die Fort-
führung an. Die mage-
re Bilanz: Nur 2 der 217
Flüchtlinge fanden laut
Bericht einen festen
Job. MGB

ANDREAS GORA / ACTION PRESS
Schnupperkurs-Teilnehmerinnen in Berlin 2016

»Gorch Fock«

Pleitewerft vor Verkauf


 Das Bieterverfahren für die insolven-
te Elsflether Werft steht kurz vor dem
Abschluss. Noch im September will der
Werftvorstand bekannt geben, wer den
Zuschlag für das Unternehmen an der
Unterweser erhält und damit den Auf-
trag für das Schulschiff »Gorch Fock«
übernimmt. Die Lürssen-Werft aus Bre-
men, bekannt für ihre Kreuzfahrtschiffe,
hat das bisher höchste Angebot abge -
geben. In Vertragsverhandlungen sind
die Elsflether zudem mit der niedersäch-
sischen Fassmer Werft. Beide Bieter sol-
len auch Arbeitsplätze garantieren und
die Sanierung des Marinedreimasters
sicherstellen. Die Reparaturkosten der
»Gorch Fock« waren von anfangs 9 auf
135 Millionen Euro gestiegen. Der Preis
für die Elsflether Werft soll im niedrigen
einstelligen Millionenbereich liegen,
was etwa dem Grundstücks- und Immo-
bilienwert entspricht. Gegen die ehema-
ligen Vorstände Marcus R. und Klaus W.
ermittelt die Staatsanwaltschaft Osna-
brück wegen des Verdachts der Korrup-
tion und des Betruges. Die Beschuldig-
ten bestreiten die Vorwürfe. GUD
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