Der_Spiegel_-_14_09_2019

(Jacob Rumans) #1

D


er Ampelmast, den der Porsche
entwurzelte, dient nun als Blu-
menständer. Rosen, Nelken, Veil-
chen und immer wieder Sonnen-
blumen bedecken den Gehsteig. Über den
Spuren des Horrors liegt ein Blütenmeer.
Vor einer Woche raste ein Porsche Ma-
can, eines dieser zum Geländewagen auf-
geplusterten Familienautos, im Zentrum
Berlins in eine Gruppe von Passanten. Vier
von ihnen starben. Jetzt kommen pausen-
los Menschen an die Unfallstelle, um ihr
Mitgefühl zu zeigen. Eine Lehrerin erklärt
ihren Schülern, was geschehen ist. Dann ste-
cken auch sie Blumen ins Meer. Eine ältere
Frau weint bitterlich, ihr Körper zittert.
Zwischen den Blumen stehen Gedenk-
karten, Bibelverse, Grablichter, Teddybä-
ren und Bilder, die Kinder gemalt haben.
»Unser Momme«, steht auf einem Schild.
Gemeint ist der dreijährige Junge, der an
dieser Stelle vor wenigen Tagen starb –
ebenso wie seine 64-jährige Großmutter,
ein Brite und ein Spanier.
»Autos sind Terror«, hat jemand auf ein
Stück brauner Pappe geschrieben. Und
oben, an den Straßenschildern der Kreu-
zung, kleben seit ein paar Tagen zwei
Aufkleber mit eindeutigen Botschaften.
»#Endcars« heißt es auf dem Straßenschild
»Ackerstraße«. Gleich daneben, unter dem
Schriftzug »Invalidenstraße«, steht »FCK
SUV«. FCK steht für »Fuck«, und als SUV
werden weichgespülte Geländewagen wie
der Porsche Macan bezeichnet. Das Land
hat ein neues Hassobjekt.
Manchmal sind es Zufälle, die aus ei-
nem lokalen Ereignis einen Fall gesell-
schaftlicher Tragweite werden lassen.
Meist macht der Zeitpunkt den Unter-
schied zwischen privater Tragödie und gro-
ßem Politikum aus, das Umfeld, in dem er
sich ereignet. So ist es auch mit dem Por-
sche-Unfall von Berlin. Dass auch ein klei-
neres Fahrzeug die Passanten
hätte töten können und der
Fahrer des Wagens, ein 42-jäh-
riger Unternehmer, womöglich
ein gesundheitliches Problem
hatte, vermochte daran nichts
zu ändern. Umwelt- und Ver-
kehrsaktivisten riefen zu einer
Mahnwache an der Unfallstelle
keine 24 Stunden später auf,
um die Tragödie für ihre poli-
tischen Zwecke zu missbrau-
chen.
In Sekundenschnelle schalteten sonst
Bedächtige in den Angriffsmodus. Stephan
von Dassel, grüner Bezirksbürgermeister
in Berlin-Mitte, twitterte: »Panzerähnliche
Autos gehören nicht in die Stadt. Es sind
Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich,
jeder Fahrfehler wird zur Lebensgefahr
für Unschuldige.«
Die Tragödie von Berlin berührt das
Land an gleich drei wunden Punkten. Be-


feuert von den »Fridays for Future«-De-
monstrationen und von zunehmend düs-
teren Prognosen der Wissenschaft, disku-
tiert die Republik erregter denn je über
den Klimawandel. Am kommenden Frei-
tag will die Große Koalition in Berlin
endlich einen Plan vorlegen, wie sie den
Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren
gedenkt. Der Verkehr ist einer der Haupt-
gründe, warum das Land seine selbst ge-
setzten Klimaziele für das
Jahr 2020 verfehlen wird.
Deshalb müssen nun 55 Mil-
lionen Tonnen CO 2 in diesem
Bereich eingespart werden,
und das schnell. Sonst reißt
Deutschland auch die Klima-
ziele für das Jahr 2030.
Dem »Sport Utility Vehi-
cle« (SUV) kommt dabei eine
Schlüsselrolle zu. Während
die Motoren deutscher Autos
in den vergangenen Jahren
immer effizienter wurden, wuchsen zu-
gleich Gewicht und PS-Zahl der Fahrzeuge
und machten alle Fortschritte beim Ver-
brauch zunichte. In der CO 2 -Bilanz
Deutschlands hinterlässt das dramatische
Spuren. Bei der Stromerzeugung mögen
die Emissionen dank Energiewende sin-
ken. Im Verkehrssektor hingegen sind sie
im Vergleich zu 1990 praktisch gleich ge-
blieben. Gerade die schweren SUV wirken

heute wie Dinosaurier. Sie sind der rollen-
de Beleg für einen ökologischen Irrweg.
In den Großstädten ist zudem ein Kampf
um die Straße entbrannt. Der Verkehrs-
raum wirkt zunehmend anachronistisch,
die wachsende Zahl von Rad- oder Roller-
fahrern fühlt sich von den alten Platzhir-
schen, den Autos, immer stärker bedrängt.
Auch hier sind es vor allem die dicken SUV,
die einst für die amerikanische Steppe ent-
wickelt wurden, die den Zorn anderer Ver-
kehrsteilnehmer auf sich ziehen.
Hinzu kommt, dass die BMW X7 und
Porsche Cayennes längst zum Sinnbild ei-
ner Gesellschaft geworden sind, in der der
Wohlstand sehr ungleich verteilt ist. In der
eine kleine Gruppe der Spitzenverdiener
überproportional vom Wachstum profi-
tiert, sich zunehmend vom Rest der Ge-
sellschaft abkoppelt und in eine Parallel-
welt verkrümelt, auch auf vier Rädern.
Das Privileg, gepanzerter und damit ver-
meintlich sicherer zu fahren, zieht auch
Neidgedanken nach sich, wo doch ein or-
dentlich ausgestattetes SUV der Topmar-
ken leicht über 100 000 Euro kosten kann.

Vor allem aber sind SUV ein Symbol für
eine chronische Doppelmoral, für die gro-
ße Heuchelei in der deutschen Klima -
debatte. Trotz all der Lippenbekenntnisse,
mit denen deutsche Autobosse seit Neues-
tem ein ökologisches Zeitalter ausrufen

16 DER SPIEGEL Nr. 38 / 14. 9. 2019

PAUL ZINKEN / DPA
Verunfalltes SUV an der Berliner Invalidenstraße: Tragödie und Politikum
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