Der_Spiegel_-_14_09_2019

(Jacob Rumans) #1

SUV die anderen Fahrzeuge um bis zu einen
halben Meter.
Kaum ist der Motor gestartet, verriegelt
sich das Fahrzeug. Weil die Klimaanlage
auch automatisch anspringt, bleiben die
Fenster geschlossen. Sind sie dunkel ge-
tönt, was in dieser Fahrzeugklasse häufig
der Fall ist, gibt es auch keinen Blick -
kontakt mehr zwischen drinnen und drau-
ßen. Das Navi weist den Weg und macht
auf Hindernisse aufmerksam, die die
Fahrt verlangsamen könnten. Der Fahrer
muss mit niemandem mehr kommunizie-
ren – höchstens per Freisprechanlage des
Smartphones. Im Innern ist es behaglich
leise, egal ob die LED-Tachonadel 50 oder
150 Stundenkilometer anzeigt. Die Welt
ist akustisch ausgesperrt. Die Realität da
draußen wirkt wie ein Videospiel, virtuell.
Wenn man so will, funktioniert das SUV
beim Fahren wie die Gated Community
beim Wohnen: als Instrument der Abschot-
tung. Auch deshalb wurde es zum Status-
symbol und Sinnbild einer reichen Kaste,
die nur noch wenig mit dem Rest der Ge-
sellschaft teilt. Eine gewisse Rücksichtslo-
sigkeit gehört jedenfalls zur Grundausstat-
tung eines jeden SUV: Wer es fährt, re -
duziert das eigene Verletzungsrisiko und
erhöht das der anderen Verkehrsteilneh-
mer. Das Risiko, bei einem Unfall mit ei-
nem SUV schwer oder tödlich verletzt zu
werden, sei für die Fahrer kleinerer Autos


viermal so hoch wie für die Fahrer von
SUV oder Geländewagen, schreiben die
Autoren einer Greenpeace-Studie (»Ein
dickes Problem«). Fest steht: Ein SUV
wiegt doppelt so viel wie viele Kleinwagen.
Trotz wachsender Kritik ist der Hype
um die Stadtpanzer bis heute ungebro-
chen. Man dürfe die Kunden nicht verteu-
feln, sagt VW-Chef Diess: Gerade am
Volkswagen-Standort Niedersachsen gebe
es viele SUV-Fahrer, »die ziehen Pferde
und Boote am Wochenende«. Auch Daim-
ler-Chef Ola Källenius verweist auf die
Wünsche der Kunden, gerade bei Frauen
seien SUV beliebt.

Die katastrophale Umweltbilanzvieler
Autos können die Manager indes nicht leug-
nen. Tatsächlich seien Fahrten in SUV we-
nig energieeffizient, gesteht mancher hinter
vorgehaltener Hand. Das gilt auch für Ge-
ländewagen mit Elektroantrieb. Wegen ih-
res größeren Gewichts verbrauchen sie
mehr Strom, benötigen größere Batterien
und wiegen dadurch noch mehr. So etwas
nennt man einen Teufelskreis.
Aus eigenem Antrieb aber werden die
Autohersteller nicht daraus ausbrechen, sie
folgen schlichtem ökonomischen Kalkül.
Sie wägen ab, welche Strafen ihnen drohen,
sollten sie die von der EU gesetzten CO 2 -
Ziele verfehlen; was der Aufbau der Elek-
troflotte kostet, die noch auf Jahre hinaus

Verluste bescheren wird; und wie viel Ge-
winn sie mit den SUV einspielen können –
mit oder ohne Batterie.
Umsteuern werden die Autohersteller,
wenn ihre Kunden eine andere Rechnung
aufmachen müssen, weil der hohe Ver-
brauch der SUV spürbar teurer wird –
etwa durch eine CO 2 -Steuer. Mit einem
leicht steigenden Steuersatz würde der
Umerziehungseffekt sogar noch verstärkt.
Spätestens seit dem schrecklichen Un-
fall in Berlin haben nicht nur die Grünen,
sondern auch viele Sozialdemokraten den
SUV den Kampf angesagt und wollen ihre
Anzahl in deutschen Innenstädten redu-
zieren. »Ich bin für eine kräftige Besteue-
rung solcher PS-Ungetüme, die eher in die
unbefestigten Pisten des Wilden Westens
passen als in unsere Städte«, sagte der stell-
vertretende SPD-Chef Ralf Stegner. »Das
ist ökologisch geboten, trifft finanziell die
Richtigen und ist auch im Sinne der Ver-
kehrssicherheit für Fußgänger – gerade für
Kinder. Diese merkwürdige Vorliebe für
weit überdimensionierte Straßenpanzer
ist das, was für manche US-Amerikaner
ihre Schusswaffe ist.«
Karl Lauterbach, der sich wie Stegner
um den SPD-Vorsitz bewirbt, fordert: »Wir
brauchen eine unbürokratische CO 2 -Steuer
mit Sonderaufschlägen für SUV. Diese Sym-
bole für einen zunehmenden Egoismus in
der Gesellschaft müssen aus den Innenstäd-

DER SPIEGEL Nr. 38 / 14. 9. 2019 19


DAVID KLAMMER / LAIF
Aktivisten bei Besetzung eines Braunkohletagebaus im Rheinland: Erregter denn je debattiert die Republik den Klimawandel
Free download pdf