Der_Spiegel_-_14_09_2019

(Jacob Rumans) #1
Kraftstoff-
verbrauch*
in Mrd. Litern

69,4 69,


Leergewicht
durchschnittlich,
in Kilogramm

1312

1516


111

153


PS-Zahl
durchschnittlich

Leistungssteigerung Neuzugelassene Pkw in Deutschland


2000 2018 2000 2018 2000 2017

Quellen: KBA, BMWI

*zugelassene Pkw und
Lkw insgesamt

ten verdrängt werden.« Und Fraktionsvize
Matthias Miersch fordert, man solle ȟber-
legen, ob wir übergroße Neuwagen beim
Kauf teurer machen, damit die Menschen
davon Abstand nehmen. Es sollte halt jeder
wissen, der Platz in der Stadt ist begrenzt.«
Dass die SPD lange Zeit nichts gegen die
SUV hatte, gehört auch zur Doppelmoral
der Klimadebatte.
Der VW-Konzern, der im Gegensatz zu
Konkurrenten wie BMW und Daimler viele
Kleinwagen im Angebot hat, ist einer höheren
Besteuerung von SUV nicht vollkommen ab-
geneigt. »Wenn es kaum steuerliche Regula-
rien gibt«, sagt VW-Chef Diess, »dann ten-
dieren die Leute zu größeren, schwereren und
höheren Autos.« Er sei aber gegen Verbote.
Die Rolle des Verbrauchers ist tatsächlich
entscheidend. Das Verhalten jedes Einzel-
nen ist für das Abwenden der Klimakata-
strophe wichtig. Doch aus reinem Idealis-
mus ist kaum jemand von uns bereit, das
eigene Handeln grundsätzlich infrage zu stel-
len. Diese Paradoxie der Gegenwart, man
könnte auch hier von Heuchelei sprechen,
ist statistisch bestens belegt. Laut einer Al-
lensbach-Studie fordern 71 Prozent der
Deutschen, den Umwelt- und Klimaschutz
voranzutreiben. Damit liegt das Thema weit
vor dem Wunsch, die Politik möge die Zu-
wanderung nach Deutschland begrenzen.
Zugleich aber bleibt der Fleischverbrauch
in Deutschland stabil, allen Berichten über


Klimazerstörung durch die Viehwirtschaft
zum Trotz. Die Zahl der Inlandsflüge und
Fernreisen in den Urlaub sinkt ebenfalls
nicht. Und immer mehr Bürger entscheiden
sich bei der Pkw-Wahl für ein SUV.
»Wir können nun nur noch Dinge tun,
die ein bisschen weniger sexy sind«, brach-
te der amerikanische Autor Jonathan Sa-
fran Foer das Dilemma der Gegenwart
jüngst in einem SPIEGEL-Gespräch auf
den Punkt (37/2019). Denn fast alles, was
der Einzelne gegen den Klimawandel tun
könne, gehe mit Verzicht einher. »Natür-
lich sind all diese Veränderungen, die von
uns verlangt werden, Mist. Darin liegt
schließlich der Kern der Klimakatastrophe:
im Ringen mit unserer eigenen Seele.«
Bislang siegte dabei die Bequemlichkeit.
Zwischen Umweltbewusstsein und umwelt-

bewusstem Handel klafft noch immer eine
große Lücke. Für Ortwin Renn, Direktor
des Instituts für transformative Nachhal-
tigkeitsforschung (IASS) in Potsdam, gibt
es eine Reihe von sozialpsychologischen
Erklärungen für dieses Phänomen.
Menschen schränken sich ungern ein,
wenn sie das Gefühl haben, dass andere es
nicht tun. »Wenn ich selber aufs Fahrrad stei-
ge und sehe, wie die anderen weiter mit dem
Auto fahren, dann empfinde ich das als un-
gerecht«, sagt Renn. Mit Blick auf den Rest
der Welt lautet das Argument gern: Was
bringt es, wenn wir auf Ökostrom setzen,
solange in China ständig neue Kohlekraft-
werke eröffnet werden? Forscher sprechen
hier vom »Allmende-Effekt«, abgeleitet
von einem Phänomen, das schon im


  1. Jahrhundert auf gemeinsamen Tierwei-


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Titel

DIRK ZENGEL / ACTION PRESS
Demonstranten auf Automobilausstellung IAA in Frankfurt: Welt der Widersprüche
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