Der_Spiegel_-_14_09_2019

(Jacob Rumans) #1

8 DER SPIEGEL Nr. 38 / 14. 9. 2019


Meinung


Viele Menschen in Deutsch-
land scheitern an der
Mülltrennung. Das berich-
ten die Firmen, die für
die gelben Säcke mit Ver-
packungsabfall zuständig
sind. In einigen Städten mach-
ten Fehlwürfe mehr als die Hälfte der
Müllmenge aus. Kaum zu glauben, was
alles im gelben Sack lande. Sogar
Katzenkadaver habe man aus der Sor-
tieranlage gezogen, klagt die Branchen-
vereinigung Duale Systeme.
Ich kann das Scheitern gut nachvoll-
ziehen. Ein Vertreter der Berliner
Stadtreinigung hat vor einiger Zeit ver-
sucht, mir die Regeln des deutschen
Müllmemorys zu erklären. Dass eine
blaue Flasche ins grüne Altglas gehört:
aha. Dass man die Reste von Reini-
gungschemikalien selbst dann nicht ins
WC kippen darf, wenn es sich um
WC-Reiniger handelt: meinetwegen.
Doch wer hätte gedacht, dass
die Plastikfolie einer DVD in die gelbe
Tonne gehört, die Plastikhülle der
DVD jedoch in die Restmülltonne?
Oder dass es beim kaputten Kleider-
bügel darauf ankommt, in welchem
Kontext man ihn dereinst gekauft hat?
War es in Verbindung mit einem Klei-
dungsstück? Dann handelt es sich beim

Kleiderbügel um Verpackungsmüll,
also: gelbe Tonne. War es ohne
Kleidungsstück? Dann gilt der Kleider-
bügel als Restmüll und gehört in die
graue oder schwarze Tonne.
Für nächstes Jahr planen Abfall -
firmen eine Aufklärungskampagne mit
Plakaten und Radiospots. Der Ruf
der Deutschen als Mülltrenner soll wie-
derhergestellt werden. Ein Pilot -
versuch im Frühjahr in Euskirchen
sei ermutigend verlaufen.
Leider ist das System nicht einfacher
geworden. Es gibt einen Flyer, der auf-
listet, was in den gelben Sack gehört und
was nicht. Styropor aus Ver packungen:
ja. Styropor von Dämmplatten: nein.
Menüschalen: ja. Faltschachteln: nein.
Steingutflaschen, Zahnpastatuben,
Blechdeckel: ja. Glasflaschen, Zahn-
bürsten, Blechteller: nein.
Die Liste ist lang. Ich würde empfeh-
len, sie gleich neben die verschiedenen
Mülleimer an die Wand zu pinnen.
Was anschließend mit dem sortier-
ten Müll passiert? Der Vertreter
der Berliner Stadtreinigung hat es mir
erklärt: Ein Teil geht nach China.
Der Rest wird verbrannt.

An dieser Stelle schreibenAlexander Neubacher
und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

Alexander NeubacherDie Gegendarstellung

Deutschland spielt Müllmemory


So gesehen

Das Ende ist nahe


Was die Deutschen fürchten

Das ist Ihnen wahrscheinlich
schon aufgefallen: Es geht bergab.
Sie sind nicht allein. Eine neue
Allensbach-Studie für die Deutsche
Versicherungswirtschaft dokumen-
tiert die schlimmen Befürchtungen
der »Generation Mitte«. Diese Men-
schen im Alter von 30 bis 59 Jahren
stellen 70 Prozent der deutschen
Erwerbstätigen, sie erwirtschaften
mehr als 80 Prozent der steuerpflich-
tigen Einkünfte.
Eigentlich geht es den Leistungs-
trägern recht gut. 44 Prozent der
Befragten geben an, mit ihrer mate-
riellen Lage heute zufriedener zu
sein als vor fünf Jahren – das ist ein

neuer Höchststand. Dennoch gebe
es eine »merkwürdige Diskrepanz«,
sagt Allensbach-Chefin Renate
Köcher. Denn die Mittelalten blicken
mit Sorge auf die Gegenwart und
in eine düstere Zukunft: Drei Viertel
sind unsicher oder gehen sogar da -
von aus, dass die deutsche Wirtschaft
zurückfallen wird. Die Hälfte be -
klagt, dass unser Land schlechter ge -
worden sei, dass es mehr Aggres -
sivität gebe (81 Prozent), mehr Zeit-
druck (77 Prozent), mehr Egoismus
(73 Prozent), dass Regeln zunehmend
missachtet würden (70 Prozent) und
es an Respekt mangele (68 Prozent).
Die Demoskopen sind da einer
großen Sache auf der Spur. Womög-
lich sind auch Sie betroffen. Hatten
Sie einen schönen Urlaub? Eine nette
Gehaltserhöhung? Haben aber trotz-
dem kein gutes Gefühl? Hat Ihr Chef
keine Ahnung und fährt die Firma
bald an die Wand? Wird Ihnen alles
zu hektisch? Sind auf der Straße nur
noch Rüpel unterwegs, ist nirgends
mehr gutes Personal aufzutreiben?
Dann müssen Sie jetzt stark
sein. Denn Allensbach hat heraus -
gefunden: Sie werden langsam alt.
Stefan Kuzmany
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