Die Welt - 05.03.2020

(Joyce) #1

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05.03.20 Donnerstag,5.März2020DWBE-HP


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DIE WELT DONNERSTAG,5.MÄRZ2020 POLITIK 5


sondern aus dem gesamten Mittelmeer-
raum in Deutschland vorsieht. Die Re-
gierung soll dafür sorgen, dass Grie-
chenland wieder Asylanträge annimmt.
Sie soll „Schutzsuchende aus humanitä-
ren Notlagen im Mittelmeerraum zu-
sätzlich aufnehmen“ und deutschland-
weit verteilen. Schließlich solle
Deutschland „im Rahmen eines bundes-
weiten Relocation-Programms ein Kon-
tingent von 5000 besonders schutzbe-
dürftigen Menschen“ – beispielsweise
unbegleitete Kinder, Schwangere, allein
reisende Frauen, Alleinerziehende und
schwer Traumatisierte – „aus den Hot-
spots der griechischen Ägäis-Inseln
durch Selbsteintritt gemäß Artikel 17
der Dublin-III-Verordnung 604/2013“
aufnehmen und deren Asylverfahren in
Deutschland durchführen.
Die Grünen verlangen also eine Light-
version dessen, was Angela Merkel
(CDU) im Sommer 2015 praktiziert hat-
te, als die Bundeskanzlerin Migranten
willkommen hieß, die in Ungarn ge-
strandet waren. Merkel hatte ihre Ent-
scheidung damals mit einer drohenden
humanitären Katastrophe begründet

F


ür die Grünen sind Handlungs-
kette und politische Schlussfol-
gerung klar. Der von Russland
unterstützte syrische Präsident Baschar
al-Assad habe mit einer blutigen Offen-
sive in Nordsyrien erneut Tausende
Menschen in die Flucht getrieben, heißt
es in einem Antrag der Bundestagsfrak-
tion. Die türkische Regierung nutze die-
se Schutzsuchenden als politischen
Spielball, habe einseitig den EU-Türkei-
Deal aufgekündigt und hindere die
Menschen nicht mehr länger an der
Ausreise nach Griechenland. Und die
griechischen Behörden begegneten die-
sen Menschen wiederum „völkerrechts-
widrig mit Tränengas und Abschot-
tungsversuchen“.

VON THORSTEN JUNGHOLT

So weit die Lagebeschreibung. Als Re-
aktion verlangen die Fraktionschefs
Katrin Göring-Eckardt und Anton Hof-
reiter vom Parlament nun einen Be-
schluss, der die Aufnahme von „beson-
ders Schutzbedürftigen“ nicht nur aus
der türkisch-griechischen Grenzregion,

und später mit dem Selbsteintrittsrecht
gerechtfertigt. Die Grünen argumentie-
ren nun, dass die Lage an der griechisch-
türkischen Grenze heute genau das sei:
eine humanitäre Notlage. Deshalb zeigt
sich die Partei wiederum zu einem na-
tionalen Alleingang bereit, falls nötig.
Nun können die Grünen vieles for-
dern, doch stellen sie nur die kleinste
Oppositionsfraktion im Bundestag. Aller-
dings meldeten sich auch aus der Regie-
rungspartei SPD Stimmen zu Wort, die
sich als Unterstützung interpretieren lie-
ßen. So bot Niedersachsens Ministerprä-
sident Stephan Weil die Aufnahme eines
Kontingents von Kindern aus grie-
chischen Flüchtlingslagern an. Und Fa-
milienministerin Franziska Giffey teilte
mit, die Bilder der Menschen an der grie-
chisch-türkischen Grenze seien nur
schwer zu ertragen. Besonders den Kin-
dern müsse Deutschland helfen: „Die La-
ge vor Ort ist ein humanitärer Auftrag,
auch an uns. Es geht darum, in einer sol-
chen Situation nicht wegzuschauen.
Menschenrechte und die Rechte von Kin-
dern im Besonderen müssen hier zentra-
le Richtschnur unserer Politik sein.“

Als dann noch bekannt wurde, dass
Fraktionschef Rolf Mützenich für den
Mittwochmittag eine Sondersitzung
der SPD-Fraktion anberaumt hatte, um
über die Lage an der griechisch-türki-
schen Grenze zu beraten, machte unter
manchen Abgeordneten das Gerücht
von einem Koalitionsbruch die Runde:
Würden die Sozialdemokraten beschlie-
ßen, den Grünen-Antrag zu unterstüt-
zen? Das hätte das Ende der Koalition
mit der Union bedeutet. Denn für CDU
und CSU hatte Fraktionsgeschäftsfüh-
rer Michael Grosse-Brömer (CDU)
frühzeitig via Twitter klargestellt:
„Wenn wir 5000 aufnehmen, machen
sich 50.000 zusätzlich auf den Weg. Kei-
ne falschen Hoffnungen wecken!“
Auch Innenminister Horst Seehofer
(CSU) hatte deutlich gemacht, dass sich
eine Situation wie in der Flüchtlingskri-
se 2015 auf keinen Fall wiederholen dür-
fe: „Die EU-Grenzen sind nicht offen –
und die deutschen sind es auch nicht.“
Sein Ministerium verbreitete diese Bot-
schaft viersprachig in den sozialen
Netzwerken. Seehofer kündigte statt-
dessen an, die „Griechen mit aller Kraft

zu unterstützen“ und „den Menschen in
der Türkei selbst zu helfen“.
Allerdings deutete der Minister auch
an, dass Deutschland bereit sei, bei der
Aufnahme von syrischen Kindern aus
Griechenland zu helfen – ausdrücklich
aber nicht im nationalen Alleingang. Er
wolle am Mittwochabend bei einem
Treffen mit seinen EU-Kollegen in
Brüssel für eine „Koalition der Willi-
gen“ werben, insbesondere mit Frank-
reich, Italien und Spanien. Es müsse
aber eine klare Reihenfolge gelten: Erst
müsse Ordnung an der Grenze geschaf-
fen werden, dann könne man über die
Aufnahme der Kinder sprechen.
Das war eine für die SPD begehbare
Brücke. Nach Beratungen der Frakti-
onsspitzen von Sozialdemokraten und
Union teilte Mützenich noch vor der
Sondersitzung seiner Fraktion mit: „Ich
freue mich sehr, dass nun auch Innen-
minister Seehofer sich öffentlich für ei-
ne europäische Verabredung stark-
macht, damit Kinder und Jugendliche
auch in Deutschland nach einem gere-
gelten Verfahren Schutz finden kön-
nen.“ Die SPD werde ihn dabei unter-

stützen. SPD-Fraktionsgeschäftsführer
Carsten Schneider ergänzte, seiner
Fraktion gehe es insbesondere um eine
Aufnahme von „unter 14-Jährigen“ aus
den griechischen Flüchtlingscamps.
Auch er betonte, nötig sei eine Lösung,
an der sich zumindest einige weitere eu-
ropäische Staaten beteiligen. Dies sei
auch „eine Frage der europäischen Soli-
darität“. Das klang dann schon deutlich
anders als die Formulierungen im An-
trag der Grünen.
Nach der Sondersitzung der SPD-
Fraktion warf Mützenich den Grünen
sogar vor, mit ihrem Bundestagsantrag
zur Aufnahme von Flüchtlingen auf
„taktische Erwägungen“ zu setzen. Es
habe Bemühungen gegeben, zu einer ge-
meinsamen Auffassung zu kommen:
„Ich bedaure sehr, dass die Grünen dazu
nicht bereit gewesen sind.“ Und eine
Regierungssprecherin verkündete offi-
ziell: „Wir suchen nach einer europäi-
schen Lösung, Deutschland kann das
nicht alleine.“
Der Bundestag sollte am Mittwoch-
abend über den Grünen-Antrag ab-
stimmen.

Bundesregierung lehnt Alleingang in neuer Flüchtlingskrise ab


Die Grünen verlangen, Schutzsuchende in Deutschland aufzunehmen. Die Regierung scheint kurz uneins, teilt dann aber mit: „Deutschland kann das nicht alleine“


EuGH-Urteil kam. Hat sich Merkel, in-
dem sie die von den Verkehrsministern
Alexander Dobrindt und Andreas
Scheuer (beide CSU) durchgezogene
Maut hinnahm, über Einwände aus ih-
rem eigenen Haus hinweggesetzt?
Einwände gab es schon 2014, als der
damalige Fachminister Dobrindt intern
seinen Plan vorstellte, eine Maut („In-
frastrukturabgabe“) zwar sowohl von
Ausländern wie Inländern zu erheben,
aber deutschen Autofahrern durch ent-
sprechende Senkungen der Kfz-Steuer
jede Zusatzbelastung zu ersparen. Zu
diesem Plan des Verkehrsministeriums
(BMVI) gab der Leiter des im Kanzler-
amt für Verkehrspolitik zuständigen Re-
ferats am 27. Juni 2014 dieses Votum ab:
„Keine Zustimmung zur kurzfristigen
Veröffentlichung des von BMVI vorge-
legten Konzepts.“
Zur Begründung heißt es in dem an
den damaligen Kanzleramtschef Peter
Altmaier (CDU) gerichteten Schreiben:
„Nicht zulässig dürfte es sein, dass die
von Inländern gezahlte Infrastruktur-
abgabe auf die Steuer angerechnet wird,
da auf diese Weise die Pkw-Maut bei In-

D


asVorhaben berge die
„erhebliche Gefahr“ ei-
nes Verstoßes gegen das
Europarecht. Die Hoff-
nung des Verkehrsminis-
teriums, mit der Pkw-Maut beim Euro-
päischen Gerichtshof (EuGH) durch-
zukommen, müsse „skeptisch beurteilt
werden“. Solche Einwände wurden ge-
gen das CSU-Projekt oft vorgetragen.
AAAber die hier zitierten Vorbehalteber die hier zitierten Vorbehalte
stammen nicht von der Opposition.
AAAuch nicht aus Gutachten oder Me-uch nicht aus Gutachten oder Me-
dienberichten. Sondern aus dem Bun-
deskanzleramt.

VON MATTHIAS KAMANN UND PHILIPP VETTER

An der Spitze der Bundesregierung
wurden jahrelang Bedenken gegen die
CSU-Pläne zur Einführung einer nur
Ausländer belastenden Pkw-Maut vor-
getragen. Dies zeigen Unterlagen, die
WELT vorliegen. Damit stellt sich die
Frage nach der Verantwortung von Bun-
deskanzlerin Angela Merkel (CDU) für
das Mautdebakel, zu dem es im Juni vo-
rigen Jahres nach dem abschlägigen

ländern über die Steuer erstattet wird.“
Es bestehe „eine erhebliche Gefahr“,
dass die EU-Kommission „und im Fall
einer sehr wahrscheinlichen Klage auch
der EuGH die Regelung als einen Ver-
stoß gegen das Verbot der Diskriminie-
rung von EU-Ausländern interpretiert“.
Der Referatsleiter aus dem Kanzler-
amt stand mit seinen Bedenken nicht
alleine da. Als zwei Monate später das
Bundesverkehrsministerium an dem
Konzept festhielt und es zur Ressort-
abstimmung an die anderen Ministe-
rien verschickt hatte, verwies er am 28.
August 2014 in einem direkt an „Frau
Bundeskanzlerin“ gerichteten Schrei-
ben darauf, dass auch das Finanzminis-
terium europarechtliche Einwände ha-
be. „Eine eindeutige Verrechnung der
Infrastrukturabgabe mit der Kfz-Steu-
er nur für Inländer, die zu einer Diskri-
minierung von EU-Ausländern führe,
dürfe nicht erfolgen“, habe es in einer
Stellungnahme des Finanzministeri-
ums geheißen.
In der Folge überarbeitete das Ver-
kehrsministerium sein Konzept und
versuchte, durch geschmeidigere For-

mulierungen sowie geänderte Kfz-Steu-
ersätze zu suggerieren, es solle für In-
länder keine Eins-zu-eins-Kompensati-
on für die Maut geben. Doch der Effekt
blieb derselbe: Nach wie vor sorgten die
Kfz-Steuersenkungen dafür, dass kein
inländischer Fahrzeughalter durch die
Maut zusätzlich belastet worden wäre.
Mithin hätte die Maut weiterhin nur
Ausländer real getroffen. Entsprechend
kommentierte das Kanzleramtsreferat
die neuen Pläne am 28. Oktober 2014 so:
„Es besteht nach wie vor die Möglich-
keit, dass die Kommission (und im Fall
einer Klage auch der EuGH) die vorge-
sehene Regelung als einen Verstoß ge-
gen das Verbot der Diskriminierung von
EU-Ausländern interpretiert.“
Als der Plan im Dezember 2014 den-
noch vom Kabinett beschlossen werden
sollte, hieß es in einem Vermerk des Re-
ferats: „Trotzdem dürfte die Vereinbar-
keit mit dem Europarecht eine wesent-
liche Hürde für das Gesetzesvorhaben
werden.“ Tatsächlich kam es dann zu
Konflikten mit der EU-Kommission, die
die Mautpläne als europarechtswidrig
einschätzte. Dass Deutschland in die-
sem Streit obsiegen würde, hielt man in
dem Kanzleramtsreferat für unwahr-
scheinlich: „Die Hoffnungen von BMVI,
vor dem EuGH reüssieren zu können,
müssen skeptisch beurteilt werden“,
heißt es in einem Schreiben vom 22.
April 2016.
Zwar gelang danach eine Einigung mit
der EU-Kommission. Aber juristisch war
die Gefahr keineswegs gebannt. Denn
im Oktober 2017 reichte Österreich Kla-
ge gegen die deutsche Maut beim EuGH
ein. Und als das Gericht im Juni 2019 der
Klage stattgab und die deutsche Pkw-
Maut für europarechtswidrig erklärte,
schrieb der Leiter jenes Referats am 18.
Juni 2019 direkt an Kanzlerin Merkel:
„Ein negatives EuGH-Urteil stand im-
mer zu befürchten.“
Brisant ist die Feststellung besonders
deshalb, weil zum Zeitpunkt des EuGH-
Urteils bereits Verträge zur Mauterhe-
bung mit privaten Betreibern geschlos-
sen worden waren. Der amtierende Ver-
kehrsminister Scheuer hatte die Verträ-
ge im Spätherbst 2018 unter Dach und
Fach gebracht. Aus den Schreiben des
Kanzleramtsreferats ergibt sich nun die
Frage, warum Scheuer dies trotz erheb-
licher Bedenken an der Regierungsspit-
ze tat – und auch, warum man ihn dies
machen ließ. Die Folgen können für die
Steuerzahler gravierend sein. Da Scheu-
er die Verträge direkt im Anschluss an
das Urteil kündigte, verlangen die Be-
treiber nun vom Bund Schadenersatz in
Höhe von 560 Millionen Euro.
Dass es dazu kommen konnte, liegt
nach Ansicht von Grünen-Fraktionsvize
Oliver Krischer an einer „Augen zu und
durch“-Mentalität. Krischer sagte
WELT: „Es gab in den verschiedenen
Ministerien und im Kanzleramt deutli-
che Warnungen“, aber diese seien „im
Verkehrsministerium und von den
CSU-Ministern komplett ignoriert“
worden. Krischers Fraktionskollege Ste-
phan Kühn, Mitglied im Parlamentari-
schen Untersuchungsausschuss zur
Pkw-Maut, nimmt aber auch die Kanzle-
rin in den Blick. Die Bewertungen von
Merkels Fachleuten seien „eindeutig“,
sagte Kühn WELT. „Dem Kanzleramt
und damit Angela Merkel“ sei früh klar
gewesen, dass „das Lieblingsprojekt der
CSU voraussichtlich vor dem EuGH
keinen Bestand haben“ würde. Aber „se-
henden Auges“, so Kühn, „ließ die Kanz-
lerin ihre Verkehrsminister Dobrindt
und Scheuer vor die Wand fahren“.

Kanzleramt warnte früh


vor der Pkw-Maut


Das zuständige Fachreferat in Merkels Haus wies immer wieder auf die


europarechtlichen Risiken des CSU-Projekts hin. Aber die Verkehrsminister


Dobrindt und Scheuer konnten ihre Pläne durchziehen – bis zum Debakel


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im Bundestag


PICTURE ALLIANCE/ AA

/ ABDULHAMID HOSBAS

U


m diese Fragen geht es jetzt:
Wann kamen Ermittler Anis
Amri auf die Schliche? Nahmen
sie tatsächlich erst rund 20 Stunden
nach dem Lkw-Anschlag in Berlin – also
am Nachmittag des 20. Dezembers 2016


  • den Tunesier ins Visier? Oder gab es
    doch schon früher konkrete Spuren
    zum Attentäter und zu seinem Umfeld?


VON MANUEL BEWARDER UND IBRAHIM NABER

Um Antworten auf diese Fragen zu
erhalten, sind die Aufnahmen von zwei
Überwachungskameras wichtig, die in
einer Polizeiwache im Stadtteil Moabit
aufgestellt waren – sie filmten die bei-
den Eingänge zu Amris Moschee. Im
Untersuchungsausschuss des Bundes-
tags werden an diesem Donnerstag zwei
Beamte des Landeskriminalamts (LKA)
Berlin befragt. Die beiden Männer wa-
ren in der Nacht vor der Moschee.
Dass zweimal wenige Stunden nach
der Tat offensichtlich Polizisten an der
Moschee auftauchten, hatte WELT vor
ein paar Monaten berichtet. Aufnahmen
der Kameras legen das nah. Unklar ist
nur, warum sie im offiziellen Protokoll
zu den Maßnahmen nach dem Anschlag
an keiner Stelle erwähnt werden. Dies
ist relevant, weil die Fussilet für Amri
ein sozialer Rückzugsort war. In der Mo-
schee betete er, lernte radikale Glau-
bensbrüder kennen – hier kehrte er so-
gar kurz vor dem Anschlag noch mal ein.
Was sich in den Stunden vor und
nach dem Anschlag an und in der Fussi-
let abgespielt hat, könnte helfen, die
Schlüsselfrage nach möglichen Mitwis-
sern und Mittätern zu klären. Gleich-
zeitig ist noch immer fragwürdig, wa-
rum die Behörden erst so spät den Lkw
durchsucht haben wollen – und dann
erst auf Amris Identität gestoßen sind?

Wer war zuletzt bei Amri?
Knapp eineinhalb Stunden bevor er mit
dem Lkw in die Menschenmenge auf
dem Breitscheidplatz raste, betrat Amri
noch einmal die Fussilet, um 18.38 Uhr.
Um 19.07 Uhr verließ er die Moschee
wieder. Aus den Video-Aufnahmen geht
hervor, dass mindestens ein weiterer
Mann mit Amri in der Moschee gewesen
sein muss. Diese Person verließ das Ge-
bäude knapp zehn Minuten, nachdem
Amri eingetroffen war. Wer ist dieser
zweite Mann? Nach Ermittlungen und
einem Bildabgleich des LKA Berlin ka-
men zwei Islamisten infrage, die Ähn-
lichkeiten aufwiesen. Einer von ihnen
war der Deutsch-Iraker Walid S., ein
Kumpel Amris.
Ein LKA-Sprecher sagte im August,
dass man aufgrund eigener Erkenntnis-
se nicht davon ausgehe, dass es sich um
Walid S. handelte. Nach WELT-Infor-
mationen sollen neue Spuren zu einem
anderen jungen Islamisten führen. Der
Mann pflegte ebenfalls ein enges Ver-
hältnis zu Amri, taucht im Zusammen-
hang mit anderen Anschlagsplänen auf.
Ob er von Amris Vorhaben wusste, ist
bislang nicht bekannt.

Routineeinsatz ausgerechnet nach
dem Anschlag?
In den ersten Stunden nach dem An-
schlag herrschte in Berlin Ausnahmezu-

stand. Der Täter war auf der Flucht.
Drei Stunden nach dem Anschlag veran-
lasste das LKA die sogenannte Maßnah-
me 300: „Verbleibskontrollen bei allen
Gefährdern und Relevanten Personen“.
Parallel sollten Beamte „Aufklärungs-
maßnahmen“ mit „Schwerpunkt auf
Moscheen und Anlaufpunkte der isla-
mistischen Szene“ durchführen, wie es
im Abschlussbericht der Berliner Poli-
zei zum Anschlag heißt. Amri galt in
Berlin als einer der Top-Gefährder.
Erst am Nachmittag des 20. Dezem-
bers 2016 wollen die Behörden einen
Hinweis auf Amri gehabt haben. Aber
stimmt das? Zwei Einsätze an der Fussi-
let in der Nacht nach dem Attentat wer-
fen Fragen auf: Um kurz nach ein Uhr
betreten zwei Männer die Fussilet, auf
der Weste des einen steht „Polizei“. Sie
kommen nach wenigen Minuten wieder
heraus. Stunden später, um 5.44 Uhr,
tauchen noch einmal Beamte vor der
Moschee auf. Um 5.53 Uhr treten sie ins
Gebäude. Um 7:31 Uhr halten weitere
Polizisten, auch sie gehen in die Mo-
schee. Es soll sich um Elitepolizisten
des Mobilen Einsatzkommandos (MEK)
gehandelt haben.
Die zentrale Frage lautet: Warum
sind diese Einsätze – direkt an Amris
Moschee, Stunden nach dem Anschlag –
nicht im offiziellen Einsatzprotokoll-
system „EPS-Web“ aufgeführt? Nach
WELT-Informationen soll es explizit
um Vorfälle gegangen sein, die nichts
mit der „Maßnahme 300“ zu tun haben.
Vielmehr soll es sich um Standardkon-
trollen gehandelt haben, „phänomen-
spezifische Standardmaßnahmen“. Auf
Anfrage von WELT wollte sich die Berli-
ner Polizei am Mittwoch nicht äußern
und verwies an den Generalbundesan-
walt. Der wiederum verwies an die Ber-
liner Polizei.

Rätsel bei Lkw-Durchsuchung
Angeblich wurden Amris Identitätspapie-
re erst bei der Durchsuchung des Lkw am
Nachmittag des 20. Dezembers gefunden.
Der Generalbundesanwalt hatte im De-
zember mitgeteilt: „Im Rahmen der hiesi-
gen Ermittlungen sind der Bundesanwalt-
schaft keine Unregelmäßigkeiten bei der
Durchführung der Spurensicherung oder
in deren Vorfeld bekannt geworden.“ Un-
ter anderem die schriftlichen Aufzeich-
nungen eines Kriminalhauptkommissars
aaaus Nordrhein-Westfalen stellen dies in-us Nordrhein-Westfalen stellen dies in-
fffrage. Demnach soll das Führerhaus desrage. Demnach soll das Führerhaus des
Lkw schon früher durchsucht worden
sein – aber inoffiziell. Berliner Kollegen
sollen Ungereimtheiten bestätigt haben.
Konkret ist in der Handakte von einem
Gerücht die Rede, wonach ein Direktions-
leiter aus Berlin das Führerhaus durch-
wwwühlt haben soll.ühlt haben soll.
Nach WELT-Informationen gab es
tatsächlich einen Direktionsleiter, der
knapp eine Stunde nach dem Anschlag
am Tatort war. In den weiteren Akten
taucht der Name des Mannes offenbar
nicht mehr auf. Was er dort tat, gilt es
zu klären. Dass Amri zumindest in Poli-
zeikreisen früh als Attentäter in Be-
tracht gezogen wurde, legen Zeugen-
aussagen von Ermittlern aus NRW na-
he. „Lass es nicht Amri sein“, soll man
sich dort schon am Abend des An-
schlags zugerufen haben.

Nächtlicher Eliteeinsatz


aaabseits des Amri-Protokollsbseits des Amri-Protokolls


Polizei kontrollierte angeblich routinemäßig Moschee


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