Handelsblatt - 27.11.2019

(Barré) #1

Erderwärmung


Deutschland heizt sich auf


Am Montag beginnt die


Weltklimakonferenz. Wie eilig


gehandelt werden muss, zeigt


ein Bericht über den


Klimawandel in Deutschland.


Silke Kersting Berlin


D


ie Beobachtungen sind ein-
deutig: Es wird rasant wär-
mer, Hitze bedroht die Ge-

sundheit vieler Menschen, und jeder


muss mit Schäden durch heftigeren


Starkregen rechnen. „Der Klimawan-


del hat Deutschland im Griff “, bilan-


zierte der Deutsche Wetterdienst am


Dienstag bei der Vorstellung des neu-


en Monitoringberichts zu Klimawan-


delfolgen in Deutschland.


Das globale Ziel, die Erderwär-


mung im Vergleich zum vorindus-


triellen Niveau auf 1,5 Grad Celsius zu


bremsen, wurde in Deutschland


schon verfehlt. Zwischen 1881 und


2018 stieg die Durchschnittstempera-


tur hierzulande bereits um 1,5 Grad –


das sind 0,5 Grad mehr als im globa-


len Durchschnitt. 2015 lag die Erhö-


hung noch bei 1,2 Grad. Bundesum-


weltministerin Svenja Schulze (SPD)


sprach von einem alarmierenden An-


stieg. „Dem können wir nur mit vor-


sorgendem Klimaschutz und konse-


quenter Anpassung an den Klima-


wandel begegnen.“ Es bedeute


beispielsweise, sich bei allen Bau-


und Infrastrukturprojekten besser


für Beeinträchtigungen durch Hitze,


Starkregen oder Hochwasser zu


wappnen.


Die Botschaft des 272 Seiten um-


fangreichen Berichts: Deutschland


steckt mittendrin im Klimawandel,


der zudem rasch fortzuschreiten


scheint. Mit weitreichenden Folgen


nicht nur für die Umwelt. Auch Wirt-


schaft und Gesellschaft sind massiv


betroffen. Die Unternehmen sind


nicht nur abhängig von einer funktio-


nierenden Infrastruktur, sie sind


auch abhängig von den Mitarbeitern.


Deren Krankheitsanfälligkeit steigt je-


doch. Zudem führt eine abnehmen-


de Konzentration zu erhöhter Fehler-


und Unfallanfälligkeit sowie zu Pro-


duktivitätseinbußen.


Zunahme „heißer Tage“


Besonders belastet sind die Men-


schen an „heißen Tagen“. Das sind


Tage, an denen die Temperaturen


über 30 Grad steigen. In Deutschland


haben sie seit 1951 von etwa drei auf


zehn Tage jährlich zugenommen.


Auch enthält der Bericht erstmals


bundesweite Aussagen zu hitzebe-


dingten Todesfällen: Demnach sind


2003 7 500 Menschen mehr gestor-


ben, als ohne Hitzeperiode zu erwar-


ten gewesen wäre. 2006 und 2015,


ebenfalls extrem warme Jahre, gab es


jeweils 6 000 zusätzliche Todesfälle.


Für den Hitzesommer 2018 ermittel-


te das Robert-Koch-Institut allein für


Berlin und Hessen 1 200 hitzebeding-


te Sterbefälle.


Auch Land- und Forstwirtschaft


sind betroffen. 2018 verursachten


Hitze und Trockenheit in der Land-


wirtschaft Schäden in Höhe von 700


Millionen Euro. Bund und Länder


stellten Dürrehilfen von 340 Millio-


nen Euro bereit. Jahres- und Vegetati-


onszeiten verschieben sich, trockene


Böden sind vor allem in Ostdeutsch-


land ein Problem für die Bauern.


Wie dringlich es ist, gegen die Erd -


erwärmung vorzugehen, darauf wies


am Dienstag auch das Umweltpro-
gramm der Vereinten Nationen in
Genf hin. So ist der weltweite Aus-
stoß von Treibhausgasen trotz aller
Warnungen vor unumkehrbaren Fol-
gen für das Klima so hoch wie nie zu-
vor. Ohne zusätzliche Maßnahmen
droht die Temperatur global um
mehr als drei Grad zu steigen, so die
Warnung aus Genf.

Die Grünen forderten einen klima-
politischen Neuanfang in Deutsch-
land. „Das bedeutet Milliardeninves -
titionen in die sozial-ökologische
Modernisierung, ein Umsteuern in
allen Sektoren unserer Wirtschaft“,
sagte Fraktionschef Anton Hofrei-
ter. Das Klimapaket der Großen Ko-
alition bezeichnete er als „Klimapäck-
chen“.

Alle Staaten müssen 2020 überar-
beitete Klimapläne vorlegen – so sieht
es das 2015 vereinbarte Pariser Klima-
schutzabkommen vor. Zudem sind sie
verpflichtet, erstmals Langfriststrate-
gien bis 2050 einzureichen. In dem
Jahr soll die Welt treibhausgasneutral
sein. Höhere Ambitionen – das ist ei-
nes der Topthemen der am Montag
startenden Klimakonferenz in Madrid.

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Wirtschaft & Politik
MITTWOCH, 27. NOVEMBER 2019, NR. 229


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