Der Spiegel - 02.11.2019

(Brent) #1

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 141


Nachrufe


Carlo Strenger, 61
Wie miteinander reden in einer Welt, in der die Gräben
immer tiefer werden? Der schweizerisch-israelische
Psychoanalytiker beschäftigte sich immer wieder mit den
Brüchen der globalisierten Gesellschaft. Carlo Strenger
wuchs in einem orthodoxen jüdischen Elternhaus in Basel
auf, später lehrte und arbeitete er in New York und in
Tel Aviv. Er war in verschiedenen Disziplinen zu Hause,
etwa der Philosophie und der Politologie, Basis seiner
Studien aber war die Psychoanalyse. Viele seiner Schriften
hatten einen therapeutischen Ansatz und funktionierten
als Gebrauchsanweisungen dafür, wie sich die offene
Gesellschaft in zugespitzten Konflikten treu bleiben kann.
Sein letztes Buch trägt den Titel »Diese verdammten
liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brau-
chen«. Darin beschrieb er, wie progressive Weltbürger
angesichts von Rechtspopulismus und Rückschrittlichkeit
den Glauben an das eigene Wirken verlieren – und
wie sie ihre Handlungsfähigkeit zurück erlangen können.
Carlo Strenger starb am 25. Oktober in Tel Aviv. CBU

Wladimir Bukowski, 76
Der russische Dissident nannte sein Verhältnis zu Sowjet-
staat und Sozialismus eine »biologische Unverträglich-
keit«. Schon mit 17 Jahren organisierte er rebellische
Poesielesungen, er verlor seinen Studienplatz, mit 20 wur-
de er für das Kopieren verbotener Literatur verhaftet.
Der Sowjetstaat diagnostizierte bei Wladimir Bukowski
eine »schleichende Schizophrenie« und steckte ihn 1963
in die Psychiatrie. Dissidenz galt als Geisteskrankheit.
Bukowski sorgte dafür, dass diese Zwangspsychiatrie im
Ausland bekannt wurde – und mit ihr sein Name. Der
Preis war eine Verurteilung zu sieben Jahren Freiheits -
strafe. 1976 kam er im Zuge eines Gefangenenaustauschs
nach England. Dort lebte er fortan unbeugsam und
kompromisslos wie zuvor. Umwelt- und Friedensbewe-
gung, Feminismus, europäische Einigung – all das galt ihm
als Bedrohung der Freiheit, Gorbatschows Perestroika
als Etikettenschwindel. Er träumte von einer Art Nürn -
berger Prozess gegen den Bolschewismus, engagierte
sich in der Opposition gegen Wladimir Putin. Wladimir
Bukowski starb am 27. Oktober in Cambridge. ESC

Vera Friedländer, 91
Verdrängung war für sie kei-
ne Option. Die Germanistin
nahm den Nachnamen ihrer
ermordeten jüdischen Ver-
wandten an und hielt die
Erinnerung auch in ihrem
publizistischen Werk leben-
dig. Ihre Autobiografie
heißt »Man kann nicht eine
halbe Jüdin sein« (1996),
»Ich war Zwangsarbeiterin
bei Salamander« erschien
im Jahr 2016. Das Schreiben
fiel ihr schwer, sie habe
»wahnsinnig viel geheult
dabei«, sagte sie einmal.
Die Tochter einer Jüdin
und eines Katholiken kam
als Veronika Rudau zur
Welt, sie galt den Nazis als
Halbjüdin und musste im
Winter 1944/45 als 16-Jähri-
ge in einer Berliner Fabrik -
etage alte Schuhe sortieren.
Dabei ahnte sie, dass die
ehemaligen Träger nicht
mehr lebten. Ihr Vater hielt
trotz Arbeitslager zu Frau
und Kind, ließ sich nicht
scheiden; die Familie über-
lebte. Veronika heiratete
und hieß nun Schmidt, sie
holte ihr Abitur nach, stu-
dierte, bekam drei Kinder,
lebte in den Siebzigerjahren
in Warschau, lehrte dort an
der Universität und begann,
sich mit ihrer Familienge-
schichte auseinanderzuset-
zen. Einige Jahre war sie
Professorin an der Hum-

boldt-Universität in Ost-Ber-
lin, 1990 gründete sie mit
anderen den Jüdischen Kul-
turverein Berlin. In der
Hauptstadt ließ sie zur Er -
innerung an ihre Familien-
mitglieder Stolpersteine set-
zen. Vera Friedländer starb
am 25. Oktober in Berlin. KS

Robert Evans, 89
Wohl kein Produzent in der
Geschichte Hollywoods ent-
sprach so sehr dem Bild, das
Hollywood gern von Produ-
zenten verbreitet: Mega -
erfolge und Drogenabstürze,
sieben Ehen, zahllose Affä-
ren und die Verwicklung in
einen Mordfall – 1994 fasste
Robert Evans das alles und
noch viel mehr in seiner
Autobiografie »The Kid
Stays in the Picture« zusam-
men, die – natürlich – ein
Bestseller wurde. Der Sohn

eines Zahnarztes hatte be -
reits als Kind in Hörspiel -
serien reüssiert. Er versuch-
te sich dann als Schauspieler,
er sah gut aus, doch die Kar-
riere kam nicht in Gang, er
sei »lausig« gewesen, sagte
er selbst. Deshalb entschloss
er sich, hinter die Kamera
zu wechseln, und entfaltete
dort sein eigentliches Talent:
Filmemacher zu finden, die
aus packenden, provokan-
ten Stoffen Blockbuster
machten. Evans führte Para-
mount an die Spitze der
Hollywoodstudios und gab
Regisseuren wie Francis
Ford Coppola, Roman
Polański oder John Schlesin-
ger die Chance, Meisterwer-
ke wie »Der Pate« (1972),
»Chinatown« (1974) oder
»Der Marathon-Mann«
(1976) zu drehen. Als die
Erfolge ausblieben, wurde
er gefeuert. Das hielt ihn
keineswegs davon ab, wei-
terhin den glamourösen
Lebemann zu geben, der
nichts auslässt. Robert
Evans starb am 26. Oktober
in Beverly Hills. LOB

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

ANNETTE RIEDL / PICTURE ALLIANCE / DPA

PHILIPPE LEDRU / AKG-IMAGES
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