Der Spiegel - 02.11.2019

(Brent) #1
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SV SÜLFELD HANDBALL

Die Augenzeuginnen

»Noch nie so viel Beifall«


Die Handballdamen des SV Sülfeld in Schleswig-
Holstein wollten ein Zeichen gegen rechte Umtriebe in
ihrem Dorf setzen. Zu ihrer Überraschung wurde da-
raus eine Art Volksaufstand, wie die Kapitänin erzählt.

»In unser Dorf sind vor Kurzem drei Neonazis gezogen.
Sie gehören zu einer Kameradschaft, die ein aus der Haft
entlassener rechter Schläger in Bad Segeberg gegründet hat.
Die Extremisten versuchen derzeit, Anhänger zu gewinnen,
sogar an Schulen. Eines Morgens klebten überall im Dorf
Sticker ihres ›Aryan Circle‹ mit dem Aufruf ›Endlich han-
deln‹. Bei uns leben 3000 Menschen. Viele zogen in Grup-
pen los, um die Aufkleber abzukratzen. Zwei Neonazis
haben dann eines der Grüppchen mit Tränengas angegriffen.
Eine Frau, die Nachbarin einer Spielerin, hat sich mit einem
Eimer gewehrt. Da hat einer der beiden Nazis ihr ins Gesicht
geschlagen, die Polizei kam, nahm ihn aber nicht fest. Seit-
dem haben hier viele Angst. Die Sache war ständig Thema
im Training. Also beschlossen wir, beim nächsten Heimspiel
ein Zeichen gegen rechts zu setzen – mit Plakaten und bun-
ten Schweißbändern.
Die Lokalzeitung machte daraus, wir hätten einen Protest-
marsch vor. Das war zwar falsch, führte aber dazu, dass zur
Vorstandssitzung unseres Vereins drei Tage vor dem nächs-
ten Spiel auf einmal Gemeindevertreter kamen. Sie wollten
die Partie absagen – für uns das völlig falsche Signal. Wir
einigten uns darauf, aus dem Spiel zugleich eine polizeilich
gesicherte Kundgebung zu machen. Auch Schleswig-Hol-
steins Innenminister Hans-Joachim Grote wurde eingeladen.
Außerdem sollte unser Pastor reden: Er hatte selbst schon
einen Naziaufkleber von seinem Pastorat entfernt und den
Rechten Paroli geboten.
Anpfiff war um 17 Uhr. Bereits um 15.15 Uhr war unsere
Halle proppevoll. Wir mussten Lautsprecher draußen auf -
stellen, damit alle 800 Gäste zuhören konnten, darunter
unsere Feuerwehr, unser Chor, unser Schützenverein und
viele Bürger aus der Umgebung. Unser Pastor hat noch nie
so viel Beifall bekommen. Wir haben Spenden von über
tausend Euro gesammelt, für unsere Jugendarbeit und das
›Bündnis gegen Rechts‹ in Bad Oldesloe. Dass wir das Spiel
dann auch noch gewannen, war natürlich schön. Aber vor
allem sind wir stolz, dass wir den Rechten gezeigt haben:
›Wir sind mehr.‹« Aufgezeichnet von Annette Bruhns

Glück ohne


Gitarre


Sie war ein wildes Ding,
das gern Koks nahm. Ab 1977
reiste sie an der Seite des
Rolling-Stones-Gitarristen
Ron Wood durch die Welt,
2009 wurde die Ehe nach
über 20 Jahren geschieden,
es folgten lange
Partynächte mit
Kate Moss, eine
kurze Affäre, und
dann der Aufbau
ihres heute erfolg-
reichen Geschäfts
mit Biokosmetik.
Jetzt ist Jo Wood,
64, verliebt.
Den ehemaligen
Rugbytrainer


Carl Douglas habe sie über
eine Dating-Website kennen-
gelernt, erzählt die vielfache
Großmutter dem »Times
Magazine«. Sie habe ein fast
unkenntliches Foto von sich
benutzt, um nicht gleich iden-
tifiziert zu werden. Douglas
und sie hätten zunächst
stundenlang Textnachrichten
ausgetauscht, er habe einen
tollen Humor.
Als er schrieb,
»ich spiele keine
Gitarre«, habe
sie gewusst, dass
er kapiert hatte,
wer sie ist. Sie sei
ziemlich erleich-
tert gewesen:
»So musste ich
nichts mehr
erklären.« KS

Zwei Frauen


für Apple


Fast 20 Jahre nachdem sie
zum ersten Mal zusammen
auf dem Bildschirm zu se hen
gewesen waren, feierten
Jennifer Aniston, 50, und
Reese Witherspoon, 43, ver-
gangene Woche wieder mal
Premiere. Sie sind die Haupt-
darstellerinnen in »The Mor-
ning Show«, einer auf zwei
Staffeln mit 20 Folgen an -
gelegten Serie. Sie gilt als das
wichtigste Zugpferd für
den neuen Streamingdienst
Apple TV+ und bietet Anis -
ton eine Bühne für ihr Come-
back ins TV-Geschäft. Es ist
die erste große Serienrolle
für die amerikanische Schau-


spielerin, seit »Friends« 2004
endete. Jetzt spielt Aniston
eine Moderatorin in einer
populären Frühstücksfern-
sehshow, deren Co-Modera-
tor sexueller Übergriffe
beschuldigt und gefeuert
wird. Witherspoon spielt die
ehrgeizige Konkurrentin, die
die Show übernehmen soll.
Beide Frauen fungieren auch
als Produzentinnen für das
Projekt. Die Idee dazu ent-
stand vor dem Weinstein-
Skandal, der die Filmbran-
che 2017 erschütterte. »Wir
mussten mit der Erkenntnis
umgehen, dass das ganze
System sich verändert hat«,
sagte Witherspoon dem
»Hollywood Reporter«. Eine
Überarbeitung sämtlicher
Drehbücher war die Folge. KS

LEV RADIN / PPA / PICTURE ALLIANCE

SHUTTERSTOCK
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