Der Spiegel - 02.11.2019

(Brent) #1
72 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019

Wirtschaft

F


ür gut zwei Millionen Menschen in
Kalifornien ging in den vergangenen
Tagen nichts mehr, kein Licht, kein
Kühlschrank, kein Internet, für viele von
ihnen kein Festnetz, kein Mobilfunk. Der
Hightech-Staat an der US-Westküs-
te versank im Dunkeln, mal wieder.
Ausgerechnet die Heimat von
Weltverbesserungskonzernen wie
Apple und Google bekommt ihr
Dauerproblem mit der Stromver-
sorgung nicht in den Griff. Der
Elektrizitätskonzern PG&E hatte
vorsorglich knapp einer Million
Haushalten den Strom abgedreht,
um die Gefahr weiterer Waldbrän-
de zu verringern.
Auf einem Parkplatz neben dem
Highway 101, nördlich von San
Francisco, wo ein einsamer Safe -
way-Supermarkt geöffnet hatte
und ein bisschen Handyempfang
herrschte, saßen Hunderte Men-
schen in ihren Autos, telefonierten,
schrieben E-Mails, arbeiteten an ih-
ren Laptops. Im Warenhaus dräng-
ten sich die Kunden, um Konserven,
Kerzen und Batterien zu kaufen.
Weiter nördlich, in der berühm-
ten Weinbaugegend Sonoma, muss-
ten Hunderttausende ihre Häuser
verlassen, bedroht vom nahe wü-
tenden »Kincade Fire«, das bis
Donnerstag auf gut 300 Quadrat-
kilometer angewachsen war, ange-
facht von heftigen Winden. Es gibt
den Verdacht, dass auch dieses
Feuer durch eine schadhafte Strom-
leitung von PG&E verursacht wor-
den war – wie so viele in der jün-
geren Vergangenheit.
PG&E, für Pacific Gas and Elec -
tric Company, zahlte jahrelang lie-
ber Millionen Dollar an Boni und Dividen-
den aus, statt marode Technik zu moder-
nisieren. Stromleitungen verlaufen noch
immer überirdisch, wie meist in den USA.
Immer wieder entfachen deshalb umstür-
zende Strommasten oder Bäume Brände.
Auch am Ausbruch des verheerenden
»Camp Fire«, dem vor einem Jahr mindes-
tens 85 Menschen zum Opfer gefallen sind,
trug PG&E die Schuld. Der Grundversor-
ger ist zum Grundübel geworden.
Nun nimmt der Konzern seine Kunden
vorsorglich vom Netz, um sich vor weite-


ren Haftungsklagen zu schützen. Bis dato
sind Forderungen in Höhe von über 30
Milliarden Dollar anhängig, im Januar hat-
te PG&E Insolvenz angemeldet. Kalifor-
niens Gouverneur warf PG&E »jahrzehn-
telange Gier und Missmanagement« vor.
Firmenchef Bill Johnson sagte, Kalifornien
müsse auch in den nächsten zehn Jahren
mit vorsorglichen Stromunterbrechungen
rechnen. Für die kalifornische Wirtschaft
bedeuten die Netzausfälle Milliardenver-
luste. Schwer getroffen wird auch das Heer
prekär beschäftigter Zeitarbeiter, die nach
geleisteten Stunden bezahlt werden.
Einen auffälligen weißen Fleck auf der
Karte jener Gebiete ohne Strom bildete

vergangene Woche das Silicon Valley süd-
lich von San Francisco. Die Heimat von
Techgiganten wie Google, Facebook, App-
le oder Tesla blieb verschont – was laut
Michael Wara, Experte für Energiepolitik
an der Universität Stanford, zwei Gründe
hat: Zum einen ist das Valley weitgehend
frei von brandgefährdeter Vegetation.
Zum anderen, so Wara, lägen Großkun -
den wie die Techhauptquartiere typischer-
weise in der Nähe von Hochspannungs -
systemen. Diese sind von den Ausfällen
weniger betroffen als die oft schlecht ge-

warteten Leitungen, die in vielen Wohn-
gebieten das typische Kabelgewirr über
den Straßen formen. Big Tech ist bei der
Ver sorgung privilegiert, während drum
herum Zustände herrschen wie in Ent -
wicklungsländern.
Dass quasi vor ihrer Haustür jedes Jahr
wieder die Welt in Flammen aufgeht,
passt schlecht zum optimistischen Mach-
barkeitscredo der Techindustrie, die doch
die Erde permanent zu einem besseren
Ort machen will. Elon Musk, der Tesla-
Chef, erntete während der dramatischen
Feuer im vergangenen Jahr ordentlich
Spott für seinen per Twitter verbreiteten
Vorschlag, dass Menschen mit Lungenbe-
schwerden doch in Tesla-Modellen
Zuflucht suchen sollten, deren
Hightech-Filter die Luft rein hal-
ten. Während der aktuellen Strom-
ausfälle meldete sich Musk erneut
mit einem zweifelhaften Hilfsange-
bot: Er bot allen »direkt Betroffe-
nen« einen Preisabschlag von
1000 Dollar auf Solardächer seiner
Firma an, um für künftige Black-
outs gewappnet zu sein.
Solche Gesten wirken zynisch in
einer Region, die nicht nur wegen
der Wildfeuer, sondern auch wegen
des Techbooms für viele Menschen
»unbewohnbar wird«, wie der »At-
lantic« in apokalyptischem Ton
feststellte. In San Francisco, wo
sagenhaft gut verdienende Tech -
angestellte die Wohnungspreise ins
Unermessliche treiben, gibt es
nicht nur so viele Obdachlose wie
in kaum einer anderen amerikani-
schen Stadt. Auch weniger Verdie-
nende können sich schon lange kei-
ne Bleibe in der Stadt mehr leisten
und nehmen täglich lange Pendel -
reisen aus dem erschwinglicheren
Umland auf sich.
Was für San Francisco gilt, gilt
auch für den Rest Kaliforniens: Es
gibt eine Verbindung zwischen den
Plagen Wohnungs- und Feuersnot.
Weil die urbanen Zentren zuneh-
mend unbewohnbar werden, ziehen
immer mehr Menschen weiter raus
und bauen ihre Häuser in Gegen-
den, wo die Feuergefahr höher ist.
Vor dem Notfallzentrum von Marin
City, kurz hinter der Golden Gate
Bridge, sitzen die Bewohner in langen
Zelten an Klapptischen, verdrücken Gra-
tis-Pizza und laden ihre Handys an Ka -
beln, die zu laut surrenden Generatoren
führen.
Deren Hersteller gehören zu den weni-
gen, die am Stromausfall gut verdienen.
Die Geräte sind in vielen Baumärkten
ausverkauft. Guido Mingels
Mail: [email protected]

Blackout


KrisenKalifornien steht
in Flammen – und selbst die
Techkonzerne des Silicon
Valley sind dagegen machtlos.

PAUL CHINN / POLARIS / LAIF
Tesla-Chef Musk, umgestürzter Strommast in Geyserville
Zustände wie in Entwicklungsländern

JAE C. HONG / AP
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