Der Stern - 07.11.2019

(Kiana) #1
FOTOS: DANIEL DUVE; IMAGO; PLAYMOBIL (4); AKG; STILLS-ONLINE

IT-FACHLEUTE
Gravierend ist der Mangel an
fähigem Personal in der
Computertechnologie. IT-
Fach leute müssen nicht nur die Verwaltung
funktionsfähig halten, sie werden vor allem
gebraucht, um die dringend benötigte digi-
tale Verwaltung zu entwickeln, zu program-
mieren und einzuführen. Sie sollen die Retter
des öffentlichen Dienstes sein. Doch am
deutschen Arbeitsmarkt werden aktuell
82 000 IT-Spezialisten gesucht. Behörden
müssen sich hinten anstellen, denn Unter-
nehmen zahlen im Schnitt das Doppelte.

POLIZEI
Zwischen 2000 und 2015 wurden
bei der Polizei viele Stellen ge-
strichen. Von den verbliebenen
Beamten wird bis zum Jahr 2024 jeder
fünfte in Pension gehen. Die Politik hat
ihren Fehler erkannt und schafft nun
Tausende neue Stellen, doch das bedeutet
nicht, dass automatisch mehr Polizisten
im Dienst sind. Denn es fehlen Ausbil-
dungskapazitäten und vor allem geeignete
Bewerber. Besserung ist frühestens in
sieben Jahren zu erwarten.

ZOLL
Nach Einschätzung der Deut-
schen Zoll- und Finanzgewerk-
schaft (BDZ) braucht der Zoll
etwa 50 000 Mitarbeiter, um seine Auf-
gaben erfüllen zu können. Der Stellenplan
sieht jedoch nur 41 500 Stellen vor. Davon
sind fast 7000 nicht besetzt. Besonders
prekär ist die Lage bei der Bekämpfung
der Schwarzarbeit sowie der Geldwäsche
und bei der Kontrolle der Einhaltung des
Mindestlohns.

LEBENSMITTEL-
KONTROLLE
In Deutschland gibt es 1,2 Millio-
nen Restaurants und Lebensmit-
telbetriebe, die mindestens einmal im Jahr
auf Einhaltung der Hygienevorschriften
kontrolliert werden müssen. Die rund 2500
Lebensmittelkontrolleure haben keine
Chance, das zu schaffen. Darum
bekommen pro Jahr nur rund 42 Prozent

der Betriebe überhaupt Besuch von den
Kontrolleuren. Nutztierbetriebe, die Rinder,
Schweine oder Geflügel aufziehen, werden
in Niedersachsen rechnerisch nur alle
21 Jahre von Veterinären kontrolliert,
in Bayern sogar nur alle 48 Jahre.

GERICHTE
Die Justiz beschäftigt rund
26 000 Richter und Staatsanwälte,
2000 weniger, als notwendig
wären. 2018 mussten wegen zu langer Ver-
fahrensdauer 65 Tatverdächtige aus der
Untersuchungshaft entlassen werden. Je-
dem dritten Wirtschaftskriminellen müssen
die Landgerichte beim Urteil einen Strafra-
batt gewähren. Besserung ist nicht in Sicht:
Bis 2030 werden 40 Prozent aller Juristen
aus der Justiz pensioniert.

STRAFVOLLZUG
In den Gefängnissen können bun-
desweit rund 2000 Stellen für
Vollzugsbeamte nicht besetzt
werden, gut zehn Prozent. Psychologen
und Pädagogen sind besonders knapp.
Darum können die gesetzlich vorgeschrie-
benen Maßnahmen zur Resozialisierung
vielfach nicht gewährleistet werden. Viele
Beamte fürchten um ihre eigene Sicherheit.

SCHULEN
Deutschlands Schulen verfü-
gen über etwa 800 000 Leh-
rerstellen. Davon können 55 000 nicht
besetzt werden oder nur mit fachfremden
Aushilfslehrern. Der Bedarf für den Ausbau
der Ganztagsschulen und die Inklusion
sind da noch nicht mitgerechnet. Eine Stu-
die der Bertelsmann Stiftung hat errechnet:
Allein an Grundschulen werden bis 2025
rund 26 000 Lehrer fehlen. Zusätzliches
Personal kann es in den nächsten Jahren
nicht geben, weil die Universitäten nicht
genug Studienplätze anbieten. Grund auch
dort: Personalmangel.

GESUNDHEITSÄMTER
Die Aufgaben der Gesundheitsbe-
hörden sind seit der Jahrtausend-
wende stetig gewachsen, trotzdem
schrumpfte die Zahl der Ärzte um ein Drit-

tel. Inzwischen gibt es Gesundheitsämter,
die ganz ohne Amtsarzt auskommen
müssen. Die Mediziner arbeiten lieber im
Krankenhaus. Dort verdienen sie ein Drittel
mehr als beim Amt.

FEUERWEHR
Im Notfall sind etwa 30 000 Be-
rufsfeuerwehrleute da, um zu
löschen und Menschen zu retten.
Theoretisch. Tatsächlich sind 3000 Stellen
nicht besetzt. Gleichzeitig stieg die Zahl
der Einsätze allein zwischen 2005 und
2015 um 15 Prozent. Die Deutsche Feuer-
wehr-Gewerkschaft warnt: Die Vorgabe,
in acht Minuten zur Stelle zu sein, ist
ohne zusätzliches Personal nicht mehr
zu gewährleisten.

BAUÄMTER
Seit der Wiedervereinigung arbei-
ten die Bauabteilungen in den
Kommunen mit rund 40 Prozent
weniger Personal. Rund zehn Prozent der
Beschäftigten gingen allein während des
Baubooms im vergangenen Jahrzehnt. Der
Bearbeitungsstau in den Ämtern hat sich
zur Hauptursache für die Wohnungsnot
entwickelt, weil er den Bau neuer Wohnun-
gen verzögert.

STRASSENBAU
Die Stellenportale der Länder sind
voll mit Angeboten für Straßen-
bauingenieure, doch für viele Stel-
len gibt es keinen einzigen Bewerber. In
den Amtsstuben sitzen darum immer mehr
Honorar-Ingenieure, die bei Ingenieurbüros
für hohe Gebühren angeheuert werden, oft
über Jahre. Ingenieurbüros übernehmen
inzwischen sogar die Ausschreibungen
von Aufträgen – an Ingenieurbüros.

FINANZÄMTER
In den vergangenen 20 Jah-
ren hat sich die Zahl der sehr
komplizierten Steuer fälle
verdoppelt. Beim Finanzamt wurden im sel-
ben Zeitraum 20 Prozent der Stellen gestri-
chen. Experten schätzen: Durch Steuerhin-
terziehung entgehen dem Staat Einnahmen
von jährlich insgesamt 125 Milliarden Euro.

MEHR ARBEIT – FACHKRÄFTE


Rund 4,8 Millionen Menschen arbeiten im öffentlichen Dienst, 1,7 Millionen von ihnen sind Beamte. Aktuell sind rund
200 000 Stellen nicht besetzt, bis 2030 wird die Lücke auf 800 000 anwachsen – das hat Folgen. Eine Übersicht

IT-FACHLEUTE
Gravierend ist der Mangel an
fähigem Personal in der
Computertechnologie. IT-
Fachleute müssen nicht nur die Verwaltung
funktionsfähig halten, sie werden vor allem
gebraucht, um die dringend benötigte digi-
tale Verwaltung zu entwickeln, zu program-
mierenundeinzuführen. Sie sollendieRetter
des öffentlichen Dienstes sein. Doch am
deutschen Arbeitsmarkt werden aktuell
82 000 IT-Spezialisten gesucht. Behörden
müssen sich hinten anstellen, denn Unter-
nehmen zahlen im Schnitt das Doppelte.

POLIZEI
Zwischen 2 000 und 2015 wurden
bei der Polizei viele Stellen ge-
strichen. Von den verbliebenen
Beamten wird bis zum Jahr 2024 jeder
fünfte in Pension gehen. Die Politik hat
ihren Fehler erkannt und schafft nun
Tausende neue Stellen, doch das bedeutet
nicht, dass automatisch mehr Polizisten
im Dienst sind. Denn es fehlen Ausbil-
dungskapazitäten und vor allem geeignete
Bewerber. Besserung ist frühestens in
sieben Jahren zu erwarten.

ZOLL
Nach Einschätzung der Deut-
schen Zoll- und Finanzgewerk-
schaft(BDZ) braucht der Zoll
etwa 50 000 Mitarbeiter, um seine Auf-
gaben erfüllen zu können. Der Stellenplan
sieht jedoch nur 41 500 Stellen vor. Davon
sind fast 7 000 nicht besetzt. Besonders
prekär ist die Lage bei der Bekämpfung
der Schwarzarbeit sowie der Geldwäsche
und bei der Kontrolle der Einhaltung des
Mindestlohns.

LEBENSMITTEL-
KONTROLLE
In Deutschland gibt es 1,2 Millio-
nen Restaurants und Lebensmit-
telbetriebe, die mindestens einmal im Jahr
auf Einhaltung der Hygienevorschriften
kontrolliert werden müssen. Die rund 2500
Lebensmittelkontrolleure haben keine
Chance, das zu schaffen. Darum

der Betriebe überhaupt Besuch von den
Kontrolleuren. Nutztierbetriebe, die Rinder,
Schweine oder Geflügel aufziehen, werden
in Niedersachsen rechnerisch nur alle
21 Jahre von Veterinären kontrolliert,
in Bayern sogar nur alle 48 Jahre.

GERICHTE
Die Justiz beschäftigt rund
26 000 Richter und Staatsanwälte,
2000 weniger, als notwendig
wären. 2018 mussten wegen zu langer Ver-
fahrensdauer 65 Tatverdächtige aus der
Untersuchungshaft entlassen werden. Je-
dem dritten Wirtschaftskriminellen müssen
die Landgerichte beim Urteil einen Strafra-
batt gewähren. Besserung ist nicht in Sicht:
Bis 2030 werden 4 0 Prozent aller Juristen
aus der Justiz pensioniert.

STRAFVOLLZUG
In den Gefängnissen können bun-
desweit rund 2000 Stellen für
Vollzugsbeamte nicht besetzt
werden, gut zehn Prozent. Psychologen
und Pädagogen sind besonders knapp.
Darum können die gesetzlich vorgeschrie-
benen Maßnahmen zur Resozialisierung
vielfach nicht gewährleistet werden. Viele
Beamte fürchten um ihre eigene Sicherheit.

SCHULEN
DeutschlandsSchulen verfü-
gen über etwa 800 000 Leh-
rerstellen. Davon können 55000 nicht
besetzt werden oder nur mit fachfremden
Aushilfslehrern. Der Bedarf für den Ausbau
der Ganztagsschulen und die Inklusion
sind da noch nicht mitgerechnet. Eine Stu-
die der Bertelsmann Stiftung hat errechnet:
Allein an Grundschulen werden bis 2025
rund 26000 Lehrer fehlen. Zusätzliches
Personal kann es in den nächsten Jahren
nicht geben, weil die Universitäten nicht
genug Studienplätze anbieten. Grund auch
dort: Personalmangel.

GESUNDHEITSÄMTER
Die Aufgaben der Gesundheitsbe-
hörden sind seit der Jahrtausend-
wende stetig gewachsen, trotzdem
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