Der Spiegel - 19.10.2019

(John Hannent) #1
setzt würde. Am 4. Oktober hatte Barr Zu-
ckerberg per offenen Brief aufgefordert,
von seinen Plänen zur Verschlüsselung
von Chats in Messenger-Diensten von
Face book abzusehen. Dieser Wunsch von
Strafverfolgern und Geheimdiensten ist
nicht neu, doch in Zeiten immer bedrohli-
cherer Hackerangriffe dürfte es schwer
durchzusetzen sein, die Sicherheit von Mil-
liarden Nutzern zu schwächen.
Brisant ist das Verlangen trotzdem: Ei-
nerseits will sich Facebook bei Forderun-
gen aus Washington ungern querstellen,
andererseits hat der Konzern den Kunden
versprochen, besser auf ihre Daten aufzu-
passen. Einzuknicken kann sich Zucker-
berg nicht leisten, das Vertrauen in seine
Plattform wäre sonst gänzlich erschüttert.
Der Verdruss der Nutzer stellt für ihn
die größte Gefahr dar. Und den hat er erst
kürzlich wieder entfacht. Im Oktober
erteilte Facebook einer bezahlten 30-Se-
kunden-Videoanzeige von US-Präsident
Trump grünes Licht, die falsche Behaup-
tungen über dessen Herausforderer Joe Bi-
den enthielt. CNN und andere hatten die
Ausstrahlung abgelehnt. Facebook gab
Trump damit quasi die Lizenz zum Lügen
auf seiner Plattform – ein fatales Signal
mitten in der hemdsärmelig geführten
Amtsenthebungsdebatte und ein Jahr vor
den Präsidentschaftswahlen.
Dass Zuckerberg zuletzt vermehrt kon-
servative Meinungsmacher und Abgeord-
nete bei seinen Dinnerrunden bewirtete,
darunter stramme Trump-Jünger wie der
republikanische Senator Lindsey Graham
und der Fox-News-Moderator Tucker Carl-
son, steigert seine Glaubwürdigkeit nicht.
Da half es wenig, dass der CEO sich am
selben Tag in einem Facebook-Post ver -
teidigte, er veranstalte dauernd Abendes-
sen, mit vielen Leuten, über das ganze
politische Spektrum: »Viele verschiedene
Meinungen zu hören gehört zum Lernpro-

70


 Kaum ein Projekt in der Finanzwelt
wird derzeit so heiß diskutiert wie Libra,
Facebooks kühne Idee einer supranationa-
len Zahlungseinheit. Gegen kein anderes
haben Politiker, Finanzaufseher, Zentral-
banker so viele Vorurteile und Bedenken.
Stablecoins – Kryptowährungen mit
relativ stabilem Wert – könnten nationale
Währungen ersetzen und dadurch system -
relevant werden, warnt Ranal Quarles,
Chef des Finanzstabilitätsrates FSB, den
die Gruppe der wichtigsten Industrie- und
Schwellen länder (G 20) gegründet hatte,
um künftige Crashs frühzeitig zu erkennen.
Aufsichtsrechtliche Lücken, mahnt Quar-
les, müssten deshalb erkannt und geschlos-
sen werden.
Dabei klingt die Idee bestechend: Um
bargeldlosen Zahlungsverkehr vor allem
in Schwellenländern zu vereinfachen,
sollen Nutzer via Smartphone mit digita-
len Libra zahlen können, fast ohne Über-
weisungs- oder Devisentauschgebühren.
Der Kurs soll an westliche Währungen
und Staatsanleihen gebunden sein und
wenig schwanken (SPIEGEL39/2019).
Doch es sieht nicht so aus, als würde
Libra 2020 an den Start gehen. Seitdem
Facebook seine Pläne im Juni vorgestellt
hat, wird der Widerstand stetig massiver.
Zentralbanken bangen um ihr Geld -
monopol, Finanzaufseher fürchten, dass
Libra Geldwäsche, Terrorfinanzierung
und Steuer hinterziehung erleichtert.
Argwohn erregt auch, dass Facebook mit
seinen rund 2,7 Milliarden Nutzern oder
auch Partner konzerne wie der Telekom -


munikations gigant Vodafone und der
Mitfahrdienst Uber Kundendaten miss-
brauchen könnten. Beide sind Mit -
glieder in der Libra Association (LA),
die hinter dem Projekt steht.
Wegen der politischen und aufsichts-
rechtlichen Widerstände waren jüngst
die Kreditkartenanbieter Mastercard und
Visa, Onlineauktionator Ebay sowie die
Onlinebezahldienste Stripe und PayPal
aus dem LA-Konsortium ausgestiegen.
Eine Schmach besonders für LA-Vorstand
David Marcus, der bis 2014 Chef von Pay-
Pal war, ehe er zu Facebook wechselte.
Immerhin hat die Schweizer Finanz-
marktaufsicht (Finma) genehmigt, dass
das Konsortium den Betrieb in Genf auf-
nehmen kann – die 21 Gründungsmitglie-
der verabschiedeten jüngst eine Charta
und bestellten den fünfköpfigen Vorstand.
Die Schweiz erhofft sich durch Libra
einen Bedeutungszuwachs. Aber damit
die neue Währung tatsächlich in Umlauf
gehen kann, müssen Dutzende Aufsichts-
behörden zustimmen. Schließlich soll
mit Libra global gezahlt werden können.
In den USA etwa will sich die LA beim
Financial Crimes Enforcement Network
des Finanzministeriums als Zahlungs-
dienstleister registrieren lassen. Das Pro-
blem: In ihrem Misstrauen gegen Libra
sind sich sogar die sonst heillos zerstritte-
nen Demokraten und Republikaner einig.
Um in der EU zu starten, braucht die As-
sociation das Plazet der irischen Finanz-
aufsicht; in Irland soll die IT-Tochter Ca -
libra Anwendungen für das Smartphone
entwickeln und EU-weit anbieten.
Auch in Deutschland wirbt die LA
um Vertrauen. Gegen den Widerstand
von Behörden und Politik will Marcus
nicht los legen. Die nächste Gelegenheit
hat er am Mittwoch in Berlin: Dann
treffen sich Vertreter von Facebook,
Calibra, Bundesbank und BaFin mit
Mitgliedern der Bundestagsausschüsse
für Digitales und Finanzen.
Echte Fans hat Marcus keine, zu viel
ist noch nebulös, was die Suche nach
einem Regulierungsrahmen für Libra
erschwert. Das deutsche Kreditwesen -
gesetz findet nicht zwingend Anwen-
dung, da die Libra Association keine
Kredite vergeben will und daher keine
Banklizenz benötigt. Ob die EU-Richt -
linie für elektronisches Geld eine Re -
gulierungsgrundlage sein kann, ist eben-
falls ungewiss.Tim Bartz

LibraMit seiner Kryptowährung will Facebook die Finanzwelt


einfacher und gerechter machen, doch das Projekt droht zu scheitern.


Wachsender Widerstand


Facebook-Angestellte in Menlo Park, Kalifornien:

Kleine Runde
Partner der Kryptowährung Libra (Auswahl)
ausgestiegen


bis 2020 sollen
es insgesamt
100 Partner werden

Kiva

Libra Association


  • Hauptsitz in Genf

  • entwickelt Technologie
    weiter


Uber Ebay
Voda-
fone

Coin-
base

Spotify

Calibra

Visa

Master-
card

Paypal

Stripe
Free download pdf