Alle ausser mir

(Jeff_L) #1

in dem Schachbrettmuster der Hotelfenster sein eigenes Zimmer im zehnten
Stockwerk. Doch dann hatten die Autos schon die Einfahrt mit den zwei
Judaslöwen zum Jubilee Palace passiert. Das schlichte, beruhigende Gebäude
des Hilton verschwand hinter den Eukalyptusbäumen des kaiserlichen Parks.
Wie in der Parodie eines Spionagethrillers mussten sie nun aus den
Wagen steigen und zwischen zwei Reihen von Soldaten zum Palast gehen,
die, hinter dunklen Sonnenbrillen verborgen, ihren Weg überwachten. Das
Befremden der italienischen Besucher nahm zu, als sie den Portikus aus
hässlichen, überdimensionierten Säulen sahen, daneben die Statue eines
römischen Imperators. Eilig wurden sie die Treppenstufen hochgeschleust
und durchquerten fast im Laufschritt die großen, mit Teppichen, Gemälden
und prunkvollen Goldspiegeln ausstaffierten Empfangssäle, die seit dem
letzten Aufenthalt des Negus unberührt konserviert wurden. Es war verboten,
anzuhalten oder auszuscheren. Wie Vieh, dachte Attilio unwillkürlich mit
einem dumpfen Gefühl der Bedrohung. Er suchte Casatis Blick, doch der sah
zu Boden wie ein Häftling, der nicht die Aufmerksamkeit der
Gefängniswärter erregen will. Das raubte Attilio fast den Atem vor Angst. Er
hatte Casati noch nie in Sorge gesehen, außer bei ihrer ersten Begegnung, als
er glaubte, sterben zu müssen. Sie kamen zu einer Holztreppe, die man nur
nacheinander hinabsteigen konnte, und Attilio nahm allen Mut zusammen
und sprach einen der Männer in Tarnanzügen an: »Wo bringt ihr uns hin?«
Der Soldat musterte ihn so warmherzig, wie man einen Schimmelfleck
oder Holzspäne ansieht. Mit dem Finger wies er nach unten.
»Down«, sagte er, und es war keine Erklärung, sondern ein Befehl.
Mit verkrampftem Magen begann Attilio den Abstieg in Richtung
Dunkelheit.
Die anderen Delegationsteilnehmer taten es ihm im Gänsemarsch gleich,
blass und mit aufgerissenen Augen. Am Fuße der kleinen Treppe gelangten
sie in einen halbdunklen Raum, dessen Umrisse kaum zu erkennen waren.
Einer der Staatssekretäre begann ein Gebet vor sich hin zu murmeln, als in
ihrer Nähe plötzlich Worte im feinsten Englisch der britischen Oberklasse
erklangen.
»I welcome you, my honourable Italian guests.«
Passend zur Dramaturgie flammte im selben Moment das Licht auf, und
sie standen vor dem Kaiser.
Der unverwechselbare dünne Bart, die mythische Traurigkeit in seinem

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