Alle ausser mir

(Jeff_L) #1

dann mich ab.«
»Was er nicht getan hat.«
»Nein. Er hat dem Kind die Pistole aus dem Mund gezogen und ihm
einen Tritt versetzt, und das Kind ist weggelaufen. Voll mit Scheiße, aber am
Leben.«
Nun erst kam Carbones Frau mit dem Tablett näher. Mit links schob sie
den Ärmel der rechten Hand nach oben, mit der sie Attilios Kaffee servierte.
Eine elegante Geste der Ehrerbietung, die er genau kannte und die einen
Abgrund in ihm aufriss. Ein anderer Mann wäre hineingefallen, doch Attilio
Profeti wusste sich davor zu hüten.
»Danke«, sagte er gleichgültig zu der Frau, während er die Tasse nahm.
Carbone starrte stumm in die dunkle Flüssigkeit. »Seit fünfzig Jahren lebe
ich in diesem Land. In Italien wären das viele, aber nicht in Äthiopien, hier
tickt die Zeit anders. Ich war glücklich. In Italien wäre ich ein Lohnarbeiter
gewesen, hier war ich mein eigener Herr. Aber in jenem Moment habe ich
beschlossen: Ich gehe weg von hier.«
»Und warum hast du es noch nicht getan?«
»Weil ich nicht kann. Also, ich schon. Ich bekomme ein
Ausreisevisum ...« Er zeigte auf seine Frau. »Aber Maaza muss als Geisel
hierbleiben. Sie und meine ganze Familie.« Carbone legt Attilio eine Hand
aufs Knie. »Attila. Hilf mir. Du redest doch mit diesen Mördern ...«
Attilio richtete sich auf. »Wenn wir nicht mit ihnen reden, tun es andere.
Und inzwischen verhungert das Vol...«
»Ja, ja«, unterbrach ihn Carbone mit erhobener Hand. »Mir musst du das
nicht erklären, ich bin auch Geschäftsmann. Ich sage ja nur, ohne sie«, er
wies auf seine Kinder und Enkel, die schweigend lauschten, »gehe ich nicht
weg. Hilf mir, du hast die Mittel dazu.«
»Unter ehemaligen Kameraden hilft man sich immer«, sagte Attilio.
»Erinnerst du dich an Nigro?«
»Aber natürlich. Der Spinner ... Hast du ihn jemals wiedergesehen?«
»Ja, einmal. Und bei der Gelegenheit hat er mir das Leben gerettet.« Er
schlug ihm mit der Hand aufs Bein. »Also, mach dir keine Sorgen. Eure
Reisepässe werden das Zweite sein, um das ich bitte.«
Sein früherer Kamerad nickte. Nur er allein auf der ganzen Welt wusste,
was das Erste war.
Am Ende des Besuchs erhob er sich vom Sofa. Mit schweren Schritten

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