Alle ausser mir

(Jeff_L) #1

Das ist aber kein Grund, deinem Bruder nicht mehr mit dummen Witzen zu
antworten.«
Nun muss sie doch lächeln. Kurz. »Er hat das verfasst, als er in Äthiopien
war«, sagt sie. »Während er mit einer afrikanischen Frau zusammenlebte.
Während sie schwanger war, mit einem grauen Sohn!«
»Aha! Dann ist es nicht der Rassismus, der dich stört. Es ist die
Heuchelei. Also, ich sehe das so: Wir wissen nun, dass er schon als junger
Mann Unsinn redete, und dazu noch opportunistischen Unsinn. Himmel, was
für eine schlimme Neuigkeit! Hör mal, ich muss dir auch etwas sagen ...«
Attilio blickt zu der Zimmertür des Jungen. Er senkt die Stimme. »In ein
paar Tagen muss ich wieder fahren, ich kann nicht alle gebuchten Touren
absagen. Aber ich will nicht, dass du alleine mit ihm bleibst.«
»Aber was soll denn ...«, will Ilaria sich schon aufregen, doch der Bruder
lässt sie nicht ausreden.
»Es ist schon entschieden. Ich nehme ihn mit.«
Sie starrt ihn an. »Dann glaubst du ihm also?«
»Ich weiß nicht, was ich glaube. Ich weiß nicht, ob er unser Verwandter
ist ...«
»Unser Neffe.«
»Was auch immer. Das macht eh keinen Unterschied. Aber zwei weitere
Arme kann ich auf der Chance immer gebrauchen. Und ich bezahle ihn
natürlich. Und wenn die Saison vorbei ist, überlegen wir in Ruhe, was wir
tun.«
»Wie soll er mit dir fliegen, ohne Ausweis?«
»Ich nehme mir einen Mietwagen. Wusstest du, dass er Delfine mag?«
Ilaria legt den Kopf in den Nacken, mustert ihn wie ein Gemälde im
Museum. Darum ist dieser nicht mehr ganz junge Mann ihr Lieblingsbruder.
Pragmatisch, das Gegenteil von sentimental, und dabei ein ganz patenter und
netter Mensch.
»Nein, das wusste ich nicht.«
»Hallo, Ilaria.«
Der Junge kommt aus Attilios Zimmer.
»Hallo, Shimeta!«
»Ich geh dann mal«, sagt der Junge zu Attilio.
»Wohin gehst du?«, fragt Ilaria.
»Meine Sachen holen. Von da, wo ich vorher war.«

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