Alle ausser mir

(Jeff_L) #1

zurückgelassen. Als er diese Spur der Zerstörung sah, die sich bis zum
Horizont durch die flache Landschaft zog, brach er zusammen. Das war die
Spur des Bösen auf Erden. In diesem Moment – nicht, als vom Bahnhof in
Lugo nach einer amerikanischen Fliegerbombe nur noch ein Loch übrig
blieb, nicht, als das Blut seiner sterbenden Frau auf den Eisenbahndamm
floss –, erst jetzt hatte er sich gesagt: Das ist das Ende.
Doch Italien hatte den Krieg überlebt, die Tunnel wurden wiedereröffnet,
die Lokomotiven auf die Schienen gehoben, die verbogenen Gleise mit
Schweißmasse zusammengefügt. Nur für Ernani gab es keinen
Wiederaufbau. Die Schwellen seines Lebens waren und blieben zerbrochen.
Und immer wenn einer der vielen Tiertransporte mit Schweinen, Kaninchen
oder Küken den Bahnhof passierte, die aus der Gegend um Ravenna in die
neuen Lebensmittelfabriken von Imola gebracht wurden, fielen ihm
unweigerlich die anderen wehrlosen Kreaturen in den verplombten Zügen
ein. Kurz: Ernani Profeti hatte zwölf Jahre zu lange gelebt – nämlich die
Jahre, die auf den Oktober 1943 gefolgt waren.
Er blickte auf seine beiden Eheringe an der Hand, einer aus Gold, der
andere aus Stahl. Was würde er ab morgen mit sich anfangen, so ganz ohne
Dienstuniform? Er folgte dem Abstellgleis am Rand des Areals. Er befand
sich nun Dutzende Meter von seinem Schreibtisch entfernt.
Die Epoche, der er angehört hatte, war vorbei. Ihr Ende hatte sich mit
dem der Heizer angekündigt. Hilfsarbeiter wie menschliche Kolben – dürre
Körper, großer Kopf –, die agil auf der Plattform hin und her sprangen,
immer beschäftigt mit ihren zahllosen Aufgaben: Kohle auf den Rost
schaufeln und verteilen, sie nässen, um den Staub zu binden, herunterfallende
Stücke mit dem Besen zusammenfegen, das Schmiermittel mit der
Apothekerwaage kontrollieren. Wenn die Weichensteller die geheimen
Kaiser der Eisenbahn waren, so waren die Heizer ihre Künstler, vielmehr ihre
Virtuosen. Doch mit dem Ende der Dampflokomotive löste ihre Kunst sich in
Luft auf wie der Rauch, der aus ihren Schornsteinen stieg. Zuerst kam der
Diesel, dann die Elektrifizierung der Bahnlinien, schließlich die Signal- und
Bedientafeln für die vollautomatisierte Steuerung. Als er die neue Stelltafel
am Bahnhof von Bologna gesehen hatte – die vielen Hundert Kabel, Knöpfe
und Lämpchen –, hatte Ernani begriffen, dass es Zeit war, in Pension zu
gehen.
Und dann die neuen Züge. So schön und schnell wie der Luxusexpress

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