Alle ausser mir

(Jeff_L) #1

Lawton bei Speck, Kartoffeln und Truthahn verbrachten. Während Otello in
Hereford blieb bei schmaler Kost, äußerst schmaler Kost.
Otello erzählte dem Mädchen dann, wie die amerikanischen Aufseher in
den Amarillo Daily News diese Bilder gesehen hatten, die kaum zu ertragen
waren. Fotos von einem Barackenlager in der Nähe einer Kleinstadt in Polen
mit eigenartigem Namen. Übereinandergestapelte, fleischlose Leichen,
Menschen mit leeren Augen, man wusste nicht, ob tot oder lebendig,
Verbrennungsöfen, vorgebliche Duschen, ein perverser Schriftzug auf dem
Torbogen über den Schienen. Abscheulich. Das wollten die Yankees
jemanden büßen lassen. Und sie wählten sie aus, die italienischen Nicht-
Kooperierer.
Sie begannen, in den Schlafsälen nächtliche Kontrollen durchzuführen,
Holzknüppel über ihren Knochen kreisen zu lassen, kein Brennholz
auszugeben, auch wenn draußen der Schnee herabwirbelte, die Post aus der
Heimat nicht mehr weiterzuleiten. Von drei üppigen Mahlzeiten pro Tag
gingen sie zu einem Brötchen und einer Sardine für acht über – nicht pro
Mahlzeit, sondern pro Tag. Im letzten Jahr in Texas nahm Otello
dreiundzwanzig Kilo ab. Jeden Morgen las er ganze Haarbüschel von seinem
schmutzigen Laken auf, sein Zahnfleisch war zurückgegangen wie bei einem
alten Mann. Er lag fast nur noch auf der Pritsche, denn man musste mit
seinen Energien haushalten wie ein Wucherer mit seinen Münzen, er sparte
sie sich für die essentiellen Bewegungen auf, wie zum Beispiel eine Schlange
oder einen Salamander fangen, um sie zu rösten. Doch als er nach Italien
zurückkam, erzählte er dem Mädchen im Bordell von Bagnacavallo weiter,
und versuchte, von dem schrecklichen Hunger zu berichten, hatte die
Antwort immer nur gelautet: »Du hättest ja nur mit den Amerikanern
kooperieren müssen, dann hätten sie dir zu essen gegeben.« Oder man sah ihn
an, als wäre er der Erfinder von Auschwitz.
Niemand verstand ihn, niemand. Ein Freund aus der Kindheit sagte zu
ihm: »Ich spucke dir nicht ins Gesicht aus Respekt vor deinem Bruder Attilio,
auf den die Faschisten geschossen haben.« Aber dass ein in Gefangenschaft
geratener Offizier die Pflicht hat, nicht mit dem Feind zu kooperieren, hatte
er doch in der Offiziersschule in Modena gelernt, und nicht in Timbuktu!
Er erzählte ihr, wie bei Kriegsende die Sirenen geheult hatten, Musik
durch die Lautsprecher erklungen war und Trompetenfanfaren, wie der Wind
die Freudenschreie der Stadtbewohner bis in das stacheldrahtumzäunte

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