schreiben. Über die Kondore am Antisana
notierte er darin: „Es ist eine merkwürdi-
ge physiologische Erscheinung, dass der-
selbe Vogel, welcher stundenlang in so
luftdünner Region im Kreise umherfliegt,
sich bisweilen plötzlich zum Meeres-
ufer herabsenkt und in einigen Stunden
gleichsam alle Klimate durchfliegt.“
Humboldt verstand, dass die Erde auf
allen Kontinenten verschiedene Klima-
und Vegetationszonen haben konnte.
Das formulierte er hier wie eine Selbst-
verständlichkeit. Und das, obwohl die
Idee damals radikal neu war. Es war eine
Theorie, die nicht vom Schreibtisch oder
einem Labor kommen konnte, wo so viel
anderes wichtiges Wissen der Mensch-
heit entdeckt wurde. Bei Humboldt
brachte ihn erst der schwierige Weg zur
grandiosen Idee.
Am unteren Teil des Antisana wan-
derte er durch Täler, die er mit der „asiati-
schen Palmenwelt“ verglich. Weiter oben
sah er Bäume, die er aus europäischen
Wäldern kannte. Über der Baumgrenze
sammelte er Lupinen und freute sich
über den „schönsten Teppich aus Alpen-
pflanzen“. Humboldt hatte das Gefühl, in
einem Mikrokosmos unterwegs zu sein.
In den Höhen der Andenvulkane erkann-
te er das Bild von einem „belebten Natur-
ganzen“, in dem alles seinen Platz und
seine Bedeutung hat und alles mit allem
zusammenhängt. Damit formte er unser
Verständnis von Ökosystemen, lange be-
vor es diesen Begriff gab. Die Historikerin
Andrea Wulf nennt das in ihrem bekann-
ten Buch über Alexander von Humboldt
„die Erfindung der Natur“.
Eine Sache ist das neue Wissen selbst,
eine andere die Art, davon zu erzählen.
Das hatte Humboldt bei seinem alten
Freund Johann Wolfgang von Goethe ge-
lernt. Er kombinierte seine Forschungs-
berichte deshalb mit persönlichen Ge-
fühlen, mit Romantik, mit Dichtung
und Kunst. Noch in Ecuador zeichnete
er eine erste Skizze seines Naturgemäldes.
Es zeigt den Chimborazo im Querschnitt
und von unten nach oben elf Klimazonen.
Der Chimborazo ist dabei nicht nur ein
Symbol für alle anderen hohen Berge der
Erde, sondern auch für die Erde selbst. Bis
dahin hatte die Wissenschaft die Natur in
immer kleinere Kategorien klassifiziert.
Bei Humboldt passte alles Wichtige in
eine Zeichnung: die Biologie als ein Sys-
tem, die Natur als ein Netz.
Humboldt entdeckte Südamerika mit
den Augen Goethes, und der ließ sich
vermutlich auch von Humboldts Reise
zu seiner wichtigsten Tragödie inspirie-
ren: Ansichten der Natur und der Faust wur-
den im gleichen Jahr publiziert. Andrea
Wulf weist nicht ohne Grund darauf hin,
dass einer der berühmtesten Sätze aus
Goethes Faust eigentlich auch von Hum-
boldt sein könnte: „Dass ich erkenne, was
die Welt im Innersten zusammenhält.“
Ganz anders als Goethe hat es Hum-
boldt nie in den Kanon der deutschen
Klassiker geschafft. Er war ein Genie des
- Jahrhunderts, das im 19. Jahrhundert
eine zentrale Rolle spielte und Anfang
des 20. Jahrhunderts fast vergessen war.
Auf einmal scheint er aber so aktuell
zu sein wie noch nie. 2019 werden in
Deutschland gleich zwei Humboldt-Ju-
biläen gefeiert: Sein 250. Geburtstag und
sein Aufbruch zur Südamerikareise vor
220 Jahren. Passend dazu gibt es in die-
sem Festjahr Publikationen, Symposien
und Debatten, vor allem in Humboldts
Heimatstadt Berlin. Was dabei überrascht
ist weniger die Entdeckung eines deut-
schen Nationalhelden, sondern die Tat-
sache, dass diese Entdeckung so spät kam.
In Lateinamerika spielte Alexander
von Humboldt immer eine große Rolle.
Sehr viele Straßen, Parks und Plätze dort
tragen seinen Namen, dazu ein Gipfel in
Venezuela, ein Berg in Mexiko, ein Fluss
in Brasilien, ein Geysir in Ecuador und
der von ihm selbst entdeckte Humboldt-
strom.
Im 19. Jahrhundert war Humboldt
lange Zeit ein internationaler Superstar.
Er war mit dem US-Präsidenten Thomas
Jefferson so gut befreundet wie mit dem
südamerikanischen Befreiungshelden
Simon Bolívar. In Berlin lebte er in den
letzten Jahren bis zu seinem Tod im Mai
1859 sehr arm in einer Mietwohnung in
der Oranienburger Straße. Er besaß nicht
einmal eine komplette Sammlung seiner
Bücher, weil ihm dafür das Geld fehlte.
m¡rkwürdig
, seltsam
die Erscheinung, -en
, hier: Phänomen
umherfliegen
, hin und her fliegen
bisweilen
, ≈ manchmal
s“ch her„bsenken
, ≈ nach unten fliegen
einige
, ein paar
gleichsam
, gleichzeitig
erk¡nnen
, hier: ≈ verstehen; sehen
zus„mmenhängen m“t
, eine Verbindung haben
mit
das Verstændnis, -se
, hier: Verstehen; Inter-
pretation
der Begr“ff, -e
, Wort; Idee
die D“chtung
, Kunst von Dichtern
die Sk“zze, -n
, ≈ Bild; Plan
das Naturgemälde, -
, Bild, z. B. in Öl, das eine
Landschaft zeigt
das N¡tz, -e
, hier: ≈ System aus vielen
verschiedenen Dingen, von
denen eines mit dem ande-
ren eine Beziehung hat
vermutlich
, wahrscheinlich
h“nweisen auf
, hier: sagen, worauf man
achten soll
“m |nnersten zus„mmen-
halten
, hier: ≈ logisch machen;
eine Verbindung zwischen
allenTeilen der Welt machen
das Jahrh¢ndert, -e
, ≈ Zeit von 100 Jahren
gleich
, hier: ≈ auch
das Jubiläum, Jubiläen
, Feier zu einem Ereignis
das genau vor einer
speziellen Zahl von Jahren
stattgefunden hat
die Tatsache, -n
, hier: ≈ Realität
befreundet sein
, Freunde sein
die Befreiungsheld, -en
, hier: Person, der im
Kampf für das Ende der
Kolonialzeit in den Ländern
Südamerikas viel für sein
Land getan hat
n“cht einmal
, hier: ≈ auch nicht
Deutsch perfekt 11 / 2019 ALEXANDER VON HUMBOLDT 23