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Deutsch perfekt 11 / 2019 GESELLSCHAFT 27
Jede Tüte, die
sie an der Kasse
liegen lassen,
gibt ihnen ein
gutes Gefühl.
E
s braucht nicht viel für eine
saure Rinse. Ein Liter kaltes
Wasser und zwei Esslöffel
Apfelessig. Saure Rinse?
Stefanie Höpler sagt: „Also
für die Haarspülung.“ Sie
steht vor einem Tisch voller Einweckglä ser
und rührt Kaffeesatz mit Kokosöl zusam-
men. Neben ihr sagt eine Frau: „Roggen-
mehl kann ich für die Haare überhaupt
nicht empfehlen. Das sieht aus, als hätte
man Schuppen.“ Für die Menschen in
diesem Raum ist das alles normal: saure
Rinse statt Haarspülung. Roggenmehl
statt Shampoo. Bienenwachs statt Frisch-
haltefolie. Dabei ist das kein Treffen von
Greenpeace oder der Partei Die Grünen.
Eine alte Kaserne im Westen von
München. Dort arbeitet eine Gruppe von
Umweltschützern vom
Verein Rehab Republic.
Der ist in der Stadt dafür
bekannt, dass die Rettung
der Welt auch Spaß ma-
chen kann. Auffällig viele
Menschen melden sich
seit ein paar Monaten an,
wenn der Verein etwas zu
einem ganz bestimmten
Thema anbietet: Plastik. Innerhalb von
zwei Tagen waren alle Plätze für den
Workshop weg.
Das überrascht auch deshalb nur we-
nig, weil kein anderes Material zurzeit
für so viel Aufregung sorgt wie dieses.
Zeitungen berichten über volle Deponi-
en in Asien. Umweltschützer über tote
Meerestiere an den Stränden. In den
Buchhandlungen finden sich immer
mehr Bücher zum Thema Verzicht. Ein
besonders erfolgreiches heißt: Besser leben
ohne Plastik. Der zweite Band: Noch besser
leben ohne Plastik.
Auch an diesem Abend suchen die
Menschen in der alten Kaserne nach ei-
nem besseren Leben. An vielen Orten im
Land finden inzwischen solche Work-
shops statt. Immer mehr Leute wollen
nämlich wissen, wie sie weniger Plastik
verbrauchen können. An diesem Abend
werden sie lernen, wie man Peelings oder
Putzmittel selbst mischt, um weniger
Verpacktes kaufen zu müssen. Wie man
Bienenwachstücher herstellt oder Tüten
für den Biomüll faltet.
Zu Beginn des Abends stellt sich jeder
vor: Eine Studentin schreibt ihre Mas-
terarbeit über den Versuch, überhaupt
keinen Abfall mehr zu hinterlassen. Eine
Umweltwissenschaftlerin erzählt, dass
sie schon auf den Straßen Londons Plas-
tikmüll gesammelt hat. Der einzige Mann
in der Gruppe und seine Freundin berich-
ten von ihrer Weltreise, auf der sie nur
schwer auf Plastik verzichten konnten:
„Das wird sich jetzt alles ändern.“
Plastik ist noch nicht so lange Teil
unseres Alltags. Zwar haben Menschen
schon immer versucht, künstliche
Stoffe herzustellen. Aus Schwefel und
Kautschuk entstand als einer der ersten
Kunststoffe Gummi. Aber erst nach dem
Zweiten Weltkrieg fand
die Wirtschaft für fast alle
Gegenstände einen billi-
geren Ersatz aus Kunst-
stoff. Stefanie Höpler und
die anderen in der Halle
machen jetzt das Gegen-
teil: Sie wollen das Plastik
ersetzen.
Dabei machte erst
Kunststoff möglich, was heute selbst-
verständlich ist. Die Steckdosen in den
Wohnungen. Später dann die Computer.
Noch später die Elek tro autos. Eine Welt
ohne Plastik wird es nie wieder geben.
Eine Welt mit weniger Plastik vielleicht
schon – deshalb stehen an diesem Abend
ein Dutzend erwachsener Menschen vor
Tellern mit Bienenwachs und Kaffeesatz.
Stefanie Höpler (27) trägt eine Kame-
ra um den Hals. Auf Instagram heißt sie
„simplyplasticfree“ und postet Bilder
von saurer Rinse und Holzzahnbürsten.
Sie ist eine der Leiterinnen des Seminars,
arbeitet in der IT. Wenn sie mit den Kolle-
gen mittags zum Imbiss geht, nimmt sie
eine Box aus Edelstahl mit. Im Urlaub in
Kairo sah sie so viel Plastikmüll vor den
Haustüren liegen wie noch nie, im Zug
warf der Schaffner eine volle Plastiktüte
aus dem Fenster. Sie fragte sich, was zu
Hause mit ihrem Müll passiert. Und was
das überhaupt bedeutet – wegwerfen? Weg
ist der Müll nämlich nicht.
die saure R“nse, -n
, Behandlung der Haare,
durch die sie glatt werden
und das Licht reflektieren
der ]sslöffel, -
, Suppenlöffel
die Haarspülung, -en
, Pflegeprodukt für die
Haare; Conditioner
das Einweckglas, ¿er
, Glas mit Deckel, mit
dem man z. B. Lebensmittel
konservieren kann
zus„mmenrühren
, m hier: Lebensmittel
für ein Pfelegeprodukt
mischen
der K„ffeesatz, ¿e
, ≈ sehr kleine Kaffeeteile
als Rest, nachdem man
Kaffee gemacht hat
das R¶ggenmehl
, Mehl aus einem sehr
harten Korn
(das K¶rn, ¿er
, hier: harte, kleine
Frucht: Man macht sie sehr
klein und stellt daraus z. B.
Brot her.)
die Sch¢ppe, -n
, hier: kleines freies
Hautteilchen, das von der
Kopfhaut kommt
das Bienenwachs
, natürliche, gelbe, aro-
matische Substanz, aus der
Kerzen gemacht werden
(die K¡rze, -n
, langes, dünnes Ding,
das Licht gibt, wenn man
es mit einem Streichholz
anmacht)
die Fr“schhaltefolie, -n
, sehr dünnes Material aus
Plastik zum Verpacken von
Lebensmitteln
die Kas¡rne, -n
, Gebäude, in dem Armee-
oder Polizeimitglieder
wohnen
auffällig
, von: auffallen = hier:
bemerkt werden
die Deponie, -n
, großer Platz, an dem
Müll gelagert wird
der Verz“cht
, von: verzichten auf ...
= hier: ... freiwillig nicht
verwenden
der B„nd, ¿e
, hier: eines von zwei
Büchern, die zusammen-
gehören
f„lten
, hier: aus Papier zusam-
menlegen
die Masterarbeit, -en
, Text, den man am Ende
eines Masterstudiums
schreiben muss
hinterl„ssen
, hier: ≈ zurücklassen
der Schwefel
, chemisches Element: S
die H„lle, -n
, sehr großer, hoher Raum
ers¡tzen
, mit Hilfe von Alternati-
ven nicht mehr benutzen
dabei
, hier: ≈ und das obwohl
posten engl.
, im Internet publizieren
der Edelstahl
, sehr harter Stahl
(der Stahl
, Eisen, das man in einem
Produktionsprozess hart
gemacht hat)
der Sch„ffner, -
, Person im Zug, die
Fahrkarten kontrolliert und
verkauft