Illustration: Marc Brown/Shutterstock.com; Quelle: Dies ist eine einfachere Version eines Texts aus der
Süddeutschen Zeitung
.
28 GESELLSCHAFT Deutsch perfekt 11 / 2019
Sie gibt die Mischung aus Kaffee, Zucker
und Öl in ein Glas, nach nur zwei Mi-
nuten ist das Peeling fertig. In der Zeit
würde man es kaum bis zum nächsten
Supermarkt schaffen. „Ich bin jetzt seit
bald zwei Jahren auf dem Trip, Plastik zu
vermeiden.“ Wenn Höpler das sagt, hat
man den Eindruck, sie würde von einem
neuen Hobby erzählen. Das passt gut
dazu, wie manche Kunden in den Unver-
packt-Läden über das neue Einkaufen
reden, während sie Nudeln oder Nüsse
in mitgebrachte Gläser füllen. Die Leute
nennen mehrere Gründe, warum sie Plas-
tik vermeiden: die Umwelt natürlich, den
Müll. Aber auch den Spaß, im Überfluss
einmal wieder Verzicht zu probieren:
Wie wenig Müll liegt diese Woche in der
Tonne?
Am Tisch mit den Bienenwachstü-
chern wartet Lea Wiser (29), die zweite
Leiterin des Seminars. Wenn sie erzählt,
warum sie zu Hause kaum Plastik weg-
wirft, kann man schnell ein schlechtes
Gewissen bekommen, weil sich alles so
vorbildlich anhört. In einem Gemein-
schaftsgarten baut sie ihr eigenes Ge-
müse an. Ihre Milch mixt sie aus Nüssen
oder Hafer. Im Badezimmer hat sie seit
Kurzem: eigene Seifen, Sheabutter, Zahn-
putztabletten.
Sie spricht darüber, als wäre das die
einzige logische Konsequenz aus den
vielen Verpackungen in den Supermärk-
ten: „Mir ist einfach irgendwann aufgefal-
len, wie viel Müll ich dauernd zum Con-
tainer tragen muss.“ Sie schmiert weiches
Wachs auf ein altes Stofftuch. Das Wachs
soll antibak teriell wirken, das Tuch eine
Frischhaltefolie ersetzen. Wiser arbeitet
bei einem Umweltverein. Wie die meis-
ten Menschen in der Halle hat sie studiert
und lebt in der Großstadt. Das plastikfreie
Leben ist außerhalb ihrer eigenen Welt
noch ein kleines Phänomen, andere Men-
schen hören eher wenig davon.
Trotzdem lassen die Gespräche an die-
sem Abend auf eine Jugend schließen, die
sich wieder so stark mit Nachhaltigkeit
beschäftigt wie lange nicht mehr – und
nicht erst seit „Fridays For Future“. Der
neu entdeckte Umweltschutz hat wahr-
scheinlich auch damit zu tun, dass Wiser,
Höpler und die anderen in einer Welt des
schnellen Konsums aufgewachsen sind.
Mit Toys’R’Us und Coffee-to- Go.
An einem Tisch formt eine Gruppe
Bällchen aus Hafer und Datteln, legt
sie kurz in ein Bad aus Schokolade. Die
Kugeln sollen eine Alternative zu ein-
zeln verpackten Fitnessriegeln sein. Die
Masterstudentin sagt: „Das ist so schön,
ich war immer so ein Öko freak, und jetzt
sind da so viele Ökofreaks!“ Niemand
im Raum sieht aus, wie man sich einen
Ökofreak vielleicht vorstellt. Jeans, Bluse,
Pullover. Eine Frau trägt Perlenohrringe.
Auf die Frage, warum genau jetzt so viele
Menschen auf Plastik verzichten wollen,
antwortet Höpler: „Es hat wahrscheinlich
auch damit zu tun, dass man ein konkre-
tes Feindbild vor sich hat.“ Im Kampf ge-
gen den Klimawandel bleibt das Ozon-
loch eher eine abstrakte Vorstellung. Im
Vergleich dazu hält man Plastikfolie jeden
Tag in den Händen.
Am Ende des Abends steht die Gruppe
am Tisch mit dem Bienenwachs, sie ma-
chen die letzten Stoffe fertig. Neben dem
Topf liegt die Verpackung der Wachs-
perlen. Sie ist aus Plastik. Lea Wiser sagt:
„Gab leider noch nichts anderes.“
auf dem Tr“p sein, zu ...
, m als Lebensstil
wählen, zu ...
vermeiden
, hier: probieren, nicht zu
benutzen
der Überfluss
, Situation, in der man zu
viel besitzt
das Seminar, -e
, hier: Workshop
das schl¡chte Gew“ssen
, hier: Gefühl, etwas
Falsches zu tun
vorbildlich
, ≈ ideal
s“ch „nhören
, hier: wirken
der Gemeinschaftsgar-
ten, ¿
, Garten, um den sich
eine Gruppe von Personen
gemeinsam kümmert
„nbauen
, hier: Pflanzen in die Erde
setzen
der Hafer
, Getreideart
die Sheabutter
, Pflanzenfett aus der
Nuss des Karitébaums
schmieren
, ≈ eine weiche Substanz
tun auf
eher
, ≈ mehr
auf ... schließen l„ssen
, hier: machen, dass man
wegen ... denkt, es gibt ...
die Nachhaltigkeit
, von: nachhaltig = hier:
so, dass es keine negativen
Effekte auf die Umwelt hat
die D„ttel, -n
, lange, süße Frucht, die
von einer Palme kommt
die Kugel, -n
, ≈ kleiner Ball
der Fitnessriegel, -
, ≈ Snack aus Nüssen und
getrockneten Früchten
der Ökofreak, -s
, m d Person, die
sich sehr um die Umwelt
kümmert
der P¡rlenohrring, -e
, ≈ Perle als Ohrschmuck
(die P¡rle, -n
, kleine Kugel (z. B. für
Schmuck)
das Feindbild, -er
, hier: Sache, gegen die
man kämpft
vor s“ch haben
, hier: wissen, dass es
... gibt
der Klimawandel
, Änderung des Klimas
Der Anfang
ohne Plastik
das Bienenwachstuch, ¿er
, Tuch aus einer natürli-
chen, gelben, aromatischen
Substanz, aus der Kerzen
gemacht werden
(die K¡rze, -n
, ≈ Ding aus Wachs mit
einer Schnur im Zentrum,
die man anzündet und so
ein Licht hat)
verteilen
, hier: in gleicher Menge
geben
der Baumwollstoff, -e
, Stoff aus Baumwolle
(die Baumwolle
, Pflanze, deren weiße,
wollige Frucht man für die
Herstellung von Kleidung
verwendet)
das B„ckpapier, -e
, spezielles Papier, damit
z. B. der Kuchen nicht in der
Form kleben bleibt
das Bügeleisen, -
, heißes, elektrisches
Gerät, mit dem man Wä-
schestücke glatt macht
der ]sslöffel, -
, Suppenlöffel
der K„ffeesatz, ¿e
, ≈ sehr kleine Kaffeeteile
als Rest, nachdem man
Kaffee gemacht hat
der Teelöffel, -
, kleiner Löffel
der Z“mt
, braunes Gewürz, das oft
für Süßspeisen verwendet
wird
Der Anfang ohne Plastik
So werden die Fenster auch ohne Putzmittel
- aber dafür mit ein wenig Wodka und
Essig – klar. Für den selbstgemachten
Fensterreiniger mischt man einen Teil Essig,
einen Teil Alkohol (egal ob Wodka oder
Gin oder klaren Schnaps) und sieben Teile
Wasser zusammen.
Für zehn Bienenwachstücher braucht man
etwa 100 Gramm Wachs. Heiß wird es in
einem Topf. Man gibt ein paar Tropfen
Jojobaöl dazu und verteilt das Wachs mit
einem Löffel auf einem Baumwollstoff. Ein
Backpapier darauf legen und dann mit einem
heißen Bügeleisen über das Tuch gehen,
damit das Wachs möglichst dünn über den
gesamten Stoff verteilt wird.
Für das Peeling nimmt man zwei Esslöffel
Kaffeesatz, einen Esslöffel Zucker, einen
halben Esslöffel Kokosöl und einen Teelöffel
Zimt. Wie auch beim Fensterreiniger und
beim Wachstuch gilt: Man wird damit
schneller fertig, als man für den Weg bis
zum Supermarkt und wieder nach Hause
gebraucht hätte. Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf
Seite 45.