Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1

Illustrationen: Grafissimo/iStock.com; ober-art/Shutterstock.com


Deutsch perfekt 11 / 2019 DEUTSCH HEUTE 37

„Unser Job ist


sehr politisch.


Ein Wörterbuch


ist auch immer


ein Spiegel


der Z eit.“


die Zeit, -en
, hier: ≈ Epoche

¡s sch„ffen
, hier: Erfolg haben;
integriert werden in

verteidigen
, hier: ≈ immer wieder
behalten

der Duden
, Wörterbuch der deut-
schen Sprache

die Duden-Redaktion
, Team aller Experten,
Autoren und Korrektoren
des Duden

der Sprachgebrauch
, ≈ Sprachbenutzung

s“ch etablieren
, hier: einen sicheren
Platz finden

die Auflage, -n
, hier: Menge der
gedruckten Duden in einer
Version

der Begr“ff, -e
, Wort

jeweils
, jedes Mal; hier: bei jeder
Neuauflage

schwer zugänglich
, hier: so, dass man sie
nicht leicht erreichen/analy-
sieren kann

R¡chtschreib-
, von: Rechtschreibung =
Orthografie

sch„ffen
, hier: ≈ machen

streichen
, hier: wegmachen

überholt
, hier: so, dass etwas nicht
mehr benutzt wird

Jahr-2000-fähig
, so, dass ein technisches
Gerät am Jahresanfang
2000 kein Problem mit der
Änderung der Jahreszahl hat

die [nforderung, -en
, hier: ≈ wichtige Bedin-
gung dafür, dass ein Wort in
das Wörterbuch kommt

das Universalwörterbuch,
¿er
, hier: Wörterbuch mit
Erklärungen der Bedeutung
der Wörter aus Standard-
sprache, Fachsprachen ...

die M„ndelschale, -n
, äußerer Teil einer Man-
del, den man nicht isst

(die M„ndel, -n
, harte Frucht eines
Baumes, aus der man auch
Marzipan macht)

das Kompositum, Kom-
posita
, Substantiv aus zwei oder
mehr Wörtern

s“ch „bbilden
, hier: zu sehen/erkennen
sein

der W„ndel
, Änderung

der Sprachwissenschaft-
ler, -
, Person, die Sprache
systematisch untersucht

der Vorsitzende, -n
, hier: ≈ Chef einer Grup-
pe, die einen Verein oder
eine Stiftung leitet

(die St“ftung, -en
, Organisation mit einer
speziellen Aufgabe)

die St“ftung Polytech-
nische Ges¡llschaft
Fr„nkfurt „m Main
, Stiftung, die sich um
Wissen, Technik, Soziales
und humanitäre Dinge
kümmert

weiter ausbauen
, hier: durch neue Wörter
größer und besser machen

das Jahrh¢ndert, -e
, ≈ Zeit von 100 Jahren

D


er Honk hat es geschafft.
Er ist drin. Schon seit ein
paar Jahren verteidigt das
Sy nonym für Idiot seinen
Platz im Wörterbuch der deut-
schen Standardsprache. Der Honk im Duden.
Wie konnte das passieren?
Kathrin Kunkel-Razum kennt die Ant-
wort. Sie ist die Leiterin der Duden-Re-
daktion in Berlin. „Wenn Menschen ein
Wort benutzen, und das nicht nur für
eine kurze Zeit, dann kann es sich im
Sprachgebrauch etablieren“, erklärt die
Deutschexpertin. „Bei dem Wort Honk
ist genau das passiert. Es war nicht nur ein
Modewort, sondern hat seine Lebensdau-
er gezeigt.“
Bei jeder neuen Auf-
lage des Dudens müssen
sie und ihre Kollegen
entscheiden: Welcher
Begriff kommt neu in das
Wörterbuch? Circa 5000
waren es jeweils bei den
letzten sechs Auflagen.
Um diese zu finden, hel-
fen den Sprachexperten
Computerprogramme.
Sie analysieren eine gro-
ße Menge elektronischer Texte (siehe
Kasten auf Seite 38). „Viele neue Wörter
kommen aus der Technologie, aber auch
aus Kunst, Musik oder Kultur. Alltags-
sprache ist natürlich auch dabei“, erklärt
die 59-Jährige. „Nur aus der Jugendspra-
che gibt es nicht so viel. Denn sie ist
schwer zugänglich für uns und ändert
sich außerdem sehr schnell.“
Und welche Wörter mussten für die
vielen neuen Begriffe gehen? Bei dieser
Frage muss Kunkel-Razum lachen. „Wir
durften dicker werden“, sagt sie. Der neu-
este Rechtschreib-Duden hat also ein paar
Seiten mehr. Außerdem schaffen die
Deutschexperten Platz, indem sie Recht-
schreibvarianten streichen. Ketschup ist
zum Beispiel nicht mehr zu finden, nur
der Ketchup. „Und Begriffe, die überholt
sind, kommen natürlich auch raus. Zum
Beispiel Jahr-2000-fähig“, sagt Kunkel-Ra-
zum.
Einfach ist es aber meistens trotzdem
nicht. Auch wenn Algorithmen bei der

Analyse helfen: Vieles ist Handarbeit. Die
Duden-Redakteure müssen die Wortlis-
ten des Computerprogramms selbst un-
tersuchen. Jede Person bekommt dann bis
zu 15 000 Wörter. Es muss nämlich auch
entschieden werden, welche Wörter für
welches der verschiedenen Duden-Wör-
terbücher relevant sind. Der Rechtschreib-
duden hat andere Anforderungen als das
Universalwörterbuch oder Duden online.
Muss man zum Beispiel Mandelschale
im Universalwörterbuch noch erklären?
Ist es nicht jedem klar, was dieses Kom-
positum bedeutet? „Wir haben uns ent-
schieden, das Wort Mandelschale nicht
mehr ins Universalwörterbuch und den
Rechtschreib-Duden zu nehmen. Aber Sie
werden es immer noch
bei Duden online finden“,
sagt Kunkel-Razum.
An diesen Beispielen
ist zu sehen: Oft sind Ent-
scheidungen nicht leicht.
Nicht nur deshalb wird
in der Duden-Redaktion
gern und oft diskutiert.
Denn natürlich kennen
die Experten ihre große
Verantwortung. „Unser
Job ist sehr politisch“, sagt Kunkel-Ra-
zum. „Ein Wörterbuch ist auch immer
ein Spiegel der Zeit. Denn die aktuellen
gesellschaftspolitischen Themen bilden
sich dort ab.“ Es wäre auch verrückt, wenn
das anders wäre. Denn Sprache lebt. Sie
ändert sich, zeigt jeden Tag neue Facetten.
„Eine Sprache ohne Wandel gibt es
nicht“, sagt auch Sprachwissenschaftler
Roland Kaehlbrandt, Vorsitzender der
Stiftung Polytechnische Gesellschaft
Frankfurt am Main. „Vielleicht kann man
das von einer toten Sprache sagen. Aber
denken Sie an Latein: Diese sogenannte
tote Sprache wird im Vatikan immer wie-
der durch moderne Begriffe weiter aus-
gebaut, weil diese in der aktuellen Zeit
gebraucht werden.“
Auch die Deutschen sind bei neuen
Begriffen fleißig. Im 9. Jahrhundert gab
es in der deutschen Sprache bis zu 30 000
Wörter. Im letzten Jahrhundert waren es
drei Millionen – jetzt sind es fünf Millio-
nen. „Deutsch hat den Vorteil, dass es eine
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