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DEUTSCH HEUTE 41
Vielfalt und der Einheit dahinter. Die
Kapitel erklären das Standarddeutsch,
zeigen aber auch viele verschiedene Fa-
cetten der Sprache: Dialekte, Regional-
sprachen (siehe Kasten auf Seite 42), die
Sprache von Migranten und Jugendli-
chen, aber auch die Internetkommunika-
tion und die gesprochene Alltagssprache.
„Wir wollten in dem Bericht die aktu-
ellen Entwicklungen zeigen – und das
so, dass es jeder verstehen kann“, erklärt
Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein,
der das Projekt betreut hat. Ihm und sei-
nen Kollegen ging es dabei nicht um eine
Wertung oder Empfehlung. Varianten
von Kiezdeutsch, bei denen Konstrukti-
onen wie Wir gehen Bahnhof oder Isch war
Party zu finden sind, hören sich für viele
komisch an. Sie sind aber keine Bedro-
hung für die deutsche
Sprache, denn niemand
muss so sprechen oder
schreiben. „Das haben
auch die Medien verstan-
den. Sie haben den Bericht
sehr positiv besprochen
und von den vielen und
sehr komplexen Spielar-
ten der deutschen Spra-
che berichtet“, erzählt der
73-Jährige. „Aber die Mei-
nung im Land ist trotzdem gleich geblie-
ben: Die Sprache verfällt.“
Neu ist diese Klage nicht. Dass früher
alles besser war, denken viele. Das weiß
auch Klein: „Für mich als Wissenschaftler
ist das ein sehr faszinierendes Phänomen,
denn es geht um einen Wandel der Spra-
che, nicht darum, dass sie auf die eine oder
andere Art schlechter wird.“
Für ihn gibt es im Laufe der Geschichte
zwei große Tendenzen: Der Wortschatz
wird größer, die Grammatik einfacher.
Was aber nicht heißt, dass es in der
deutschen Grammatik in den letzten
200 Jahren große Änderungen gab. „Je-
der kann Goethe heute ohne Probleme
im Original lesen. Vielleicht findet man
dort mal ein Dativ-e, also dass etwas
am Tage und nicht am Tag gemacht wur-
de. Aber das ist dann auch schon alles.“
Anders sieht es mit Texten aus dem
- oder 14. Jahrhundert aus: Die Sprache
ist zum Deutsch von heute so verschie-
den, dass sie nur jemand verstehen kann,
der sich intensiv mit Altgermanistik be-
schäftigt. „Beim Wandel zum Deutsch
von heute ging es dann immer um Verein-
fachung“, sagt Klein. „Es ist also wirklich
kein neues Phänomen.“
Auch Klein meint, dass das Internet
und die neuen Medien die Sprache stark
beeinflussen. „Es ist wie ein drittes Kom-
munikationsmedium, mit Eigenschaften
der gesprochenen, aber auch der geschrie-
benen Sprache“, fasst er zusammen. Ein
Zeichen des Sprachverfalls ist das für
ihn absolut nicht, es macht die Sprache
reicher: „Die meisten Menschen verges-
sen, dass sie gesprochene Sprache zuerst
lernen. Die Schriftsprache mit ihren Nor-
men kommt sehr viel später – die Hälfte
der rund 7000 Sprachen
auf der Erde nutzen gar
keine Schriftform.“
Und noch etwas macht
das Deutsche seiner
Meinung nach reicher:
Übernahmen aus ande-
ren Sprachen. Denn sie
gehorchen nicht nur der
deutschen Grammatik –
sie transportieren auch
andere Bedeutungen.
„Denken Sie an das Wort shoppen. Bedeu-
tet es wirklich genau dasselbe wie ein-
kaufen?“, fragt Klein. „Shoppen klingt doch
nach mehr Ruhe und Zeit, nach einem
schönen Einkaufsbummel.“
Zurzeit arbeitet Klein an einem Bei-
trag zum Dritten Bericht zur Lage der deut-
schen Sprache. „Es wird dieses Mal um die
Sprache an der Schule gehen“, sagt er. „Das
ist ein sehr interessantes Thema, denn es
gibt bis jetzt sehr wenig Untersuchungen
dazu.“ Spannend wird es auf jeden Fall.
Denn es gibt die These, dass die Sprachbe-
herrschung vieler Schüler in Deutschland
schlechter wird. Defizite sehen manche
zum Beispiel bei der Orthografie. Das
wird spätestens dann ein Problem, wenn
es nicht mehr um WhatsApp, sondern um
formale Kontexte geht. In einer Bewer-
bung oder der Bankorrespondenz oder
bei einem Auftrag in der Industrie – hier
ist korrektes Bildungsdeutsch wichtig.
Viele Deutsche
finden: Ihre
Sprache war
früher besser.
Experten sehen
das positiver.
die Vielfalt
, hier: viele Varianten;
Unterschiedlichkeit
die Einheit
, hier: Zusammensein
einzelner Teile, die so ein
Ganzes werden
dah“nter
, hier: zu diesem Thema
die Entw“cklung, -en
, hier: Änderungen und
Dynamik in der Sprache
betreuen
, sich kümmern um;
verantwortlich sein für
¡s geht ¢m
, hier: das Ziel ist
die W¡rtung, -en
, von: bewerten = sagen,
ob etwas gut oder schlecht
ist
das Kiezdeutsch
, spezielle Jugendsprache,
die vor allem in Städten
mit einem großen Teil an
mehrsprachigen Sprechern
gesprochen wird
Wir gehen Bahnhof.
, m Kiezdt. Wir gehen
zum Bahnhof.
|sch war Party.
, m Kiezdt. Ich war auf
einer Party.
die Bedrohung, - en
, hier: Risiko für die
deutsche Sprache
bespr¡chen
, hier: sprechen über
die Spielart, -en
, eine von mehreren
Varianten, die es gibt
verf„llen
, hier: kaputtgehen;
immer schlechter werden
die Klage, -n
, von: klagen = hier:
sagen, dass man unzufrie-
den ist
faszinierend
, hier: interessant
die Vereinfachung, -en
, von: vereinfachen = hier:
einfacher werden
beeinflussen
, ≈ einen Effekt haben auf
die Eigenschaft, -en
, Charakteristikum
das Zeichen, -
, hier: Signal
reich
, hier: mit vielen Variatio-
nen und Impulsen
die Schr“ftform
, hier: Schrift; geschriebe-
ne Variante
die Übernahme, -n
, hier: Wort, das aus einer
Fremdsprache kam und
sich den Regeln der eigenen
Sprache angepasst hat
(s“ch „npassen
, hier: ≈ sich in Ortho-
grafie, Grammatik und
Aussprache integrieren)
kl“ngen nach ...
, hier: machen, dass man
an ... denkt
d¶ch
, hier: ≈ wirklich; Finden
Sie nicht auch, dass ...?
der Einkaufsbummel, -
, m Spaziergang, um
Einkäufe zu machen oder
Waren anzusehen
der Beitrag, ¿e
, hier: Text in einem
Bericht
sp„nnend
, L langweilig
die Sprachbeherrschung
, hier: ≈ Qualität, wie gut
man eine Sprache kann
Deutsch perfekt 11 / 2019