42 DEUTSCH HEUTE
Nicht nur deshalb gibt es bei Abiturprü-
fungen in Deutschland weniger Punkte,
wenn ein Schüler zu viele Orthogra-
fie- und Grammatikfehler gemacht hat.
„Natürlich ist deutsche Orthografie
anspruchsvoll, man muss anders als im
Englischen ein Nomen erkennen und
dann großschreiben“, sagt auch Sprach-
wissenschaftler Rudolf Kaehlbrandt von
der Polytechnischen Gesellschaft. „Aber
genau das macht es einem Leser leichter,
den Inhalt eines Satzes besser zu ver-
stehen. Und wenn ein Schüler oder eine
Studentin den Konjunktiv nicht mehr
beherrscht – wie soll er oder sie dann ein
Protokoll schreiben?“
Und junge Leute machen nicht nur
Fehler. Sie bringen auch viele neue Impul-
se. Kaehlbrandt ist ein Fan ihrer Redens-
arten und sammelt sie. „Es gibt tolle Bei-
spiele für sehr kreativen Sprachgebrauch:
,Das geht sowas von gar nicht‘ oder ‚Wie
nervig ist das denn‘“, erzählt er und lacht.
„Und das Wort ehrlich kann man heute vor
jeden Satz bauen und so die Bedeutung
variieren. Ganz ehrlich, das ist dann eine
wunderbare Offenbarungs-Floskel.“
Kaehlbrandt könnte noch Hunderte
Beispiele bringen: „Das Deutsche ist da
wirklich extrem produktiv, und fast alle
Wörter, die genutzt werden, sind auch aus
dem Deutschen.“
Den Experten beschäftigt zurzeit ein
anderer und ziemlich neuer Mitspieler
des Sprachwandels, an den viele nicht
denken. „Bis jetzt hatten die Menschen
ein Monopol auf ihre Sprache. Heute
sind Maschinen wie Alexa, Siri oder Cor-
tana mit von der Partie“, sagt er. „Diese
Sprachassistenten könnten den Sprach-
gebrauch beeinflussen. Ich glaube, wir
werden da noch die eine oder andere
Überraschung erleben.“
Angst vor dieser digitalen Zukunft hat
Kaehlbrandt nicht. „Deutsch ist eine ro-
buste Sprache und hat schon viele neue
Entwicklungen aufgenommen. 103 Mil-
lionen Menschen nennen sie ihre Mut-
tersprache, 14 Millionen lernen sie“, sagt
er. „Ich glaube, dass diese Menschen ein
Interesse daran haben, den Reichtum und
die Vorzüge der deutschen Sprache zu be-
wahren und sie mitzugestalten.“
„nspruchsvoll
, hier: schwierig
beh¡rrschen
, können
das Protok¶ll, -e
, genauer Text über das,
was z. B. in einem Meeting
gesagt wurde
die Redensart, -en
, Satz mit idiomatischer
Bedeutung
Das geht sowas v¶n gar
n“cht!
, m ≈ Das geht auf
keinen Fall. Das ist absolut
unmöglich!
(sowas v¶n
, m sehr; extrem)
Wie n¡rvig “st d„s d¡nn!
, m ≈ Das ist extrem
ärgerlich! Das stört sehr!
die Offenbarungs-Fl¶skel,
-n
, Standard-Kombination
von Wörtern, mit denen
man informiert, dass man
gleich seine private (gehei-
me) Meinung sagt
n¢tzen
, ≈ benutzen
m“t v¶n der Partie sein
, m mitmachen
erleben
, als Erfahrung machen
rob¢st
, kräftig; stabil
aufnehmen
, hier: akzeptieren
der Reichtum, ¿er
, hier: Situation, dass
es viele Variationen und
Facetten gibt
der Vorzug, ¿e
, hier: ≈ Vorteil
bewahren
, hier: behalten; schützen
m“tgestalten
, hier: ≈ zusammen mit
anderen ändern und neu
machen
Was passiert mit den
Dialekten?
¢m
, ≈ ungefähr im Jahr
ges„mt
, ganz; komplett
der Sprachraum, ¿e
, Region, in der eine Spra-
che gesprochen wird
[lltag sein
, hier: ≈ ganz normal sein;
keine Alternative haben
die Hauptgruppe, -n
, hier: größere Gruppe
von Dialekten, die ähnlich
sind
die }ntergruppe, -n
, hier: Gruppe von Dialek-
ten als Teil einer größeren
Gruppe von Dialekten
bedroht
, so, dass die Existenz in
Gefahr ist
jeweilig
, aus der Region, in der
das Medium publiziert wird
das Gebiet, -e
, hier: Teil einer Sprache
der Crashkurs, -e
, Schnellkurs
das Hochdeutsch
, L Dialekt
Deutsch perfekt 11 / 2019
Was passiert mit den
Dialekten?
Noch um 1900 waren Dialekte
im gesamten deutschen
Sprachraum Alltag. Denn
einen deutschen Nationalstaat
gab es erst ab 1871. Und in
den verschiedenen Regionen
haben die Menschen sehr
unterschiedlich gesprochen. Das
merkt man bis heute. Dialekte
gibt es in ganz Deutschland.
Sprachexperten unterscheiden
zwei Hauptgruppen:
Nördlich von Düsseldorf
(Nordrhein-Westfalen) werden
niederdeutsche Dialekte
gesprochen. Südlich davon
mittel- und oberdeutsche
Dialekte. Die beiden
Hauptgruppen lassen sich in
verschiedene Untergruppen
klassifizieren. Aber immer
weniger Deutsche können
Dialekt sprechen. 2009 haben
UNESCO-Experten im Atlas
der bedrohten Sprachen
13 Regionalsprachen in
Deutschland als bedroht
identifiziert – darunter waren
Alemannisch, Nordfriesisch
und Baierisch. Nicht nur an
Schulen wird deshalb etwas
für den Dialekt getan. So
gibt es an Volkshochschulen
zum Beispiel Kurse für
Erwachsene. Außerdem
bieten verschiedene Medien
Programme oder auch Artikel in
der jeweiligen Regionalsprache
an. Vielleicht helfen bald auch
Sprachassistenten ein bisschen,
die verschiedenen Dialekte
wieder populärer zu machen.
Aber noch ist das Wissen der
Programme auf diesem Gebiet
nicht so gut. Auf die Frage:
„Sprichst du Dialekt?“ antwortet
Apples Software Siri zum
Beispiel: „Ich habe mal einen
Crashkurs Pfälzisch gemacht.“
Ob das wirklich stimmt? Siri sagt
das nämlich auf Hochdeutsch.