Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1

Foto: Anne Backhaus


Deutsch perfekt 11 / 2019

das Augenlid, -er
, Haut, die beim Schließen
und Öffnen des Auges
von oben nach unten und
zurück bewegt wird

s¡nken
, hier: nach unten
bewegen

die G•rtelschnalle, -n
, ≈ Konstruktion zum
Öffnen und Schließen von
einem Gürtel

f„lten
, hier: ≈ eine Hand in die
andere legen

der Reißverschluss, ¿e
, Konstruktion zum Öff-
nen und Schließen von z. B.
Kleidungsstücken, Taschen
und Zelten

eine H„ndvoll
, hier: wenige; ein paar

„bstreifen
, hier: ausziehen

¢ngeniert franz.
, so, dass es jemandem
nicht unangenehm ist

gl“tzern
, sehr hell Licht reflek-
tieren

der Pumps, - engl.
, ≈ eleganter Frauenschuh

die [nprobe, -n
, Probieren des Kleides

die Behörde, -n
, Amt

s“ch st•rzen auf
, hier: ≈ ganz toll finden
und auch haben wollen

w¡gschnappen
, schnell nehmen, sodass
andere es nicht mehr haben
können

der Schneider, -
, Mann, der beruflich Klei-
dung macht und repariert

kaschieren
, so verändern, dass ein
positiver Effekt erreicht
wird und die eigentlichen
Probleme nicht mehr
sichtbar sind

gl„tt streichen
, hier: mit der Hand über
den Stoff gehen und dabei
glatt machen

r“chten
, hier: süddt., österr.,
schweiz.: in Ordnung
bringen; helfen

die Abendrobe, -n
, festliches Abendkleid

der Ausriss, -e
, von: ausreißen = hier: ≈
etwas (aus einer Zeitung)
herausnehmen

z¢pfen
, hier: versuchen, nach
unten zu ziehen

knien
, mit den Knien auf dem
Boden sein

streifen
, hier: die Hand vorsichtig
über etwas bewegen

glænzen
, hier: ≈ eine glatte
Außenseite haben, in der
sich Licht spiegelt

¢mstecken
, ≈ mit Nadeln nach oben
machen

s“ch beäugen
, sich genau ansehen

strahlen
, hier: sehr froh aussehen

begutachten
, genau ansehen

weiterziehen
, woanders hingehen

ausein„ndergehen
, hier: ≈ kaputtgehen

v¶llständig
, komplett

aufteilen
, hier: Aufenthaltsdauer
verteilen

die Ausbeutung
, von: ausbeuten = hier:
zum Vorteil der eigenen
Wirtschaft arbeiten lassen

MODE 57

D


ie Augenlider und Schul-
tern gesenkt, die Hände
vor der Gürtelschnal-
le gefaltet: So steht er
da und wartet. Immer,
wenn die Frauen sich
vor ihm ausziehen. Sie nennen ihn „Mis-
ter Lee“. Sie sind aufgeregt, wenn er da ist.
Die 73-jährige Heidi Krohn hat eben zur
Begrüßung seinen Namen in die Länge
gezogen. „Mister Leeee, schauen Sie!“ Da-
bei legte sie einen neuen Reißverschluss
und eine Handvoll Knöpfe auf den Ess-
zimmertisch.
Nun streift sie so ungeniert wie vor
einem Arzt ihren Rock und die Bluse ab.
Steht in Unterwäsche da, zieht ihr neues
Kleid und glitzernde Pumps an, die sie ex-
tra für die Anprobe mitgebracht hat. „Sie
sind ein wahrer Künstler“,
sagt Krohn. Lee sagt nichts
und schaut auf den Boden. Er
heißt in diesem Text anders,
wie auch die Frauen andere
Namen tragen. Es soll für ihn
kein Problem mit den Behör-
den geben. Und die Frauen
wollen nicht, dass andere
Frauen „sich auf ihn stürzen“,
ihn wegschnappen. Ihren
Schneider aus Südkorea.
Nennen wir ihn also Jong Hun Lee. Er
ist 72, und die meisten seiner Kundinnen
in Deutschland sind Mitte 40 und auf-
wärts. Er besucht sie einmal im Jahr. Vie-
le seit Jahrzehnten. Er kennt ihre Maße
und weiß, an welchen Stellen er kaschie-
ren muss. Er näht ihnen alles, was sie sich
wünschen. Pro Kleidungsstück braucht
Lee meistens einen Tag. Dafür nimmt er
190 Euro. Das ist nicht billig, aber auch
nicht wirklich teuer für einen eigenen, so
schnellen Schneider im Haus.
Das dunkelblaue Kleid, in dem Heidi
Krohn inzwischen im Flur steht, streicht
sie erst am Bauch glatt, bevor sie ihre Haa-
re richtet. Sie hat es vor einigen Jahren in
einer Zeitschrift gesehen. Eine boden-
lange Abendrobe. Der Ausriss liegt auf
dem Tisch neben den Knöpfen und dem
Schnitt, den Lee dafür aus Zeitungspa-
pier gemacht hat. In der Zeitschrift ist das
Kleid hellgrau, darunter steht „Hermès“.

„Sie können einfach alles“, sagt Krohn.
Zupft am Rock. „Es fällt so schön,
oder?“ Lee, blaues Hemd, braune Hose,
schwarzweiße Nikes, kniet vor ihr auf
dem Boden; Nadeln im Mund. Er streift
einige Male mit den Händen über den
glänzenden Stoff, steckt ihn dann um.
„Ich kürze es noch etwas, dann können
Sie besser tanzen“, sagt er durch die letz-
ten Nadeln hindurch. Krohn beäugt sich
im Spiegel. Er schaut zu ihr hoch: „You
are a beautiful lady.“ Nun strahlt Heidi
Krohn. „Sie wollen die Röcke immer kür-
zen, ich immer verlängern. Aber Sie wis-
sen schon, was Sie tun.“
In vielen deutschen Orten wartet eine
Gruppe von Frauen auf Jong Hun Lee.
Frauen, die sich für die Bestellungen und
Anproben bei derjenigen treffen, bei der
er für jeweils eine Woche
wohnt. In dieser Woche
näht Lee im Esszimmer der
Hausherrin Rita Mahr (62),
die nun ihre Freundin Krohn
in dem neuen Kleid begut-
achtet. „Besser als gekauft,
oder?“ fragt Krohn. „Ja, bes-
ser als gekauft“, sagt Mahr.
Sie nickt so, dass auch Lee
sofort versteht, wie sehr ihr
die Abendrobe gefällt.
Nächste Woche zieht er schon weiter.
In den nächsten Ort, in die nächste Fami-
lie. Es ist eine Bedingung von ihm: Er will
nicht im Hotel, sondern im Haus seiner
Auftraggeber schlafen. Von vielen hat er
die Kinder aufwachsen oder die Ehen aus-
einandergehen sehen. Bei manchen ist er
der Letzte, der geblieben ist.
Neben seinem Bett im Arbeitszimmer
von Rita Mahr liegt eine ausgedruckte Ta-
belle, sein Reiseplan. Das 90-Tage-Visum
ist vollständig aufgeteilt. Er arbeitet jeden
dieser Tage. Das Prinzip Wochenende ist
ihm fremd. Begriffe wie Arbeitsrecht oder
Ausbeutung auch. „Das sind eure Wör-
ter“, sagt Lee. „Warum sollte ich nichts
machen, wenn ich doch arbeiten kann?“
Seine nächsten Stationen: Heidelberg,
Hechthausen, Berlin, Eberswalde, Hof
und Osnabrück. „Den Plan macht im-
mer eine von uns“, sagt Mahr. „Das ist
gar nicht so einfach, denn wenn zu viele

Er will nicht im
Hotel, sondern
im Haus seiner
Auftraggeber
schlafen. Von
vielen hat er die
Kinder aufwachsen
oder die Ehen
auseinandergehen
sehen.

eEin Foto aus einer Zeitschrift – so ein Kleid
wünscht sich die Kundin von Mister Lee.
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