58 MODE Deutsch perfekt 11 / 2019
Mädels Kleider wollen, können sie schon
bissig werden.“
In den 90er-Jahren war Lee das ers-
te Mal in Europa. Ein Mann von einer
Schweizer Großbank-Niederlassung in
Seoul ließ ihn damals einfliegen, einein-
halb Monate Basel. Lee nähte das Hoch-
zeitskleid für die Tochter seines Kunden,
die Kleider der Brautjungfern und die
ihrer Mütter. Er wurde zum Geheimtipp
unter Geschäftsleuten und Diplomaten,
immer wieder weiterempfohlen. Bald
reiste er zum Nähen nach Österreich,
Skandinavien, Deutschland und in die
Niederlande.
Herr Lee weiß ganz genau, was er tut,
wenn er das Kleid von Frau Krohn um-
steckt. Er hat nie etwas anderes gemacht.
Die Geschichte seines Lebens ist die Ge-
schichte seiner Arbeit. „Der Mensch ist
nichts ohne Arbeit“, sagt Lee. „Für meine
Generation war Essen das Wichtigste.
Man suchte sich keinen Job aus, man
machte einfach etwas. Heute ist Kleidung
das Wichtigste für die Menschen. Ich hat-
te also Glück.“
Mit 14 Jahren verließ er die Eltern,
arme Reisbauern auf dem Land, und
machte sich heimlich auf nach Daegu, die
inzwischen viertgrößte Stadt Südkoreas.
Drei Stunden war er mit dem Bus unter-
wegs. Als er ausstieg, fühlte er sich klein.
„So viele Häuser und Autos“, sagt Lee. „Ich
wusste nicht, in welche Richtung ich ge-
hen sollte.“ Durch einige Zufälle fand er
seine älteste Schwester, die bereits einige
Jahre vorher vor der Armut auf dem Land
geflüchtet war und in der Stadt geheiratet
hatte. „Ich war Nummer fünf “, sagt Lee.
Das fünfte von sechs Kindern.
Seine Schwester vermittelte ihn an ei-
nen Bekannten mit einer kleinen Näherei.
Der junge Jong Hun Lee hatte noch nie
etwas genäht. Erst durfte er nur bügeln,
mit einem schweren gusseisernen Ge-
rät. Heute lacht er, wenn er ein modernes
Bügeleisen in die Steckdose steckt. „Ver-
rückt, wie einfach das sein kann. Es hilft,
kein Feuer mehr machen zu müssen, um
das Eisen zu erwärmen.“ Lee schlief auf
dem Arbeitstisch der Näherei, aß mor-
gens und abends mit der Familie seines
Chefs. Das war 1959. Nach dem Korea-
krieg waren Industrieanlagen und Infra-
struktur zerstört, das Land wirtschaftlich
am Ende und die Bevölkerung bitterarm.
Lee blieb einige Jahre in dem kleinen
Geschäft. Brachte sich selbst nach und
nach das Nähen bei. „Ich war so froh, dass
ich Essen und einen Schlafplatz hatte,
das Mädel, -s
, m Mädchen
b“ssig
, hier: mit starker Kritik
die Niederlassung, -en
, hier: eines von mehreren
Geschäften von einer Firma
einfliegen
, mit dem Flugzeug
herkommen lassen
die Brautjungfer, -n
, ledige Freundin oder
Verwandte der Braut, die
diese zur Kirche führt oder
dem Paar folgt
s“ch aufmachen
, losgehen
heimlich
, im Geheimen
fl•chten
, hier: einen Ort im
Geheimen verlassen
verm“tteln
, hier: helfen, eine Arbeit
zu bekommen
bügeln
, ein Wäschestück mit
einem heißen Gerät glatt
machen
g¢sseisern
, aus speziellem schweren
Metall
erwærmen
, warm machen
b“tterarm
, sehr arm
s“ch beibringen
, lernen
Jong Hun Lee näht und näht und näht, wenn er in Deutschland ist – 90 Tage lang, ohne Pause.