Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1
MODE 59

Foto: Anne Backhaus


Deutsch perfekt 11 / 2019

also habe ich viel und lange gearbeitet.“
Anfang der 70er-Jahre, da war Lee Mitte
20, zog er in die Hauptstadt Seoul. Schon
damals eine Millionenmetropole. Es war
sein Traum: Wenn schon Stadt, dann
die größte. Bald wurde dort die erste
U-Bahn-Linie eröffnet, und bald hatte er
die ersten eigenen Kunden.
„Es ist unbezahlbar, einen eigenen
Schneider zu haben“, sagt Heidi Krohn
zu ihrer Freundin Mahr, die jedes Jahr den
Besuch des Schneiders über eine Mailing-
liste ankündigt. 15 Frauen stehen darauf.
Es ist nicht leicht, einen Platz auf dieser
Liste zu bekommen. „Natürlich müssen
wir die Frau mögen und gerne mit ihr rat-
schen“, sagt Mahr. „Außerdem sind nicht
alle geeignet. Man muss ja schon kreativ
sein. Mister Lee näht nur, was
man ihm mitbringt. Also muss
man Farbe, Stoff und Schnitt
selbst im Kopf haben.“
„Das ist das Schönste, krea-
tiv zu sein“, sagt Krohn.
„Klar, um das Geld geht es
nicht“, sagt Mahr.
„Na ja, so ein Kleid würde
hier schon 1000 Euro aufwärts
kosten. Oft passen mir die dann aber gar
nicht oder die Stoffe sind nicht schön“,
sagt Krohn.
Für ihre Hermès-Kleidkopie wird sie
Jong Hun Lee etwas mehr als 200 Euro
zahlen, den Stoff, den sie selbst besorgt
hat, nicht eingerechnet. Außerdem hat sie
noch ein Etuikleid mit Jacke bestellt, um
das er sich morgen kümmern wird.
Den entscheidenden Tipp bekam Lee
von einer befreundeten Haushälterin
in Seoul: „Warum nähst du nicht für die
Frauen der Amerikaner? Sie beschweren
sich die ganze Zeit, dass sie hier nichts
zum Anziehen finden.“ In Südkorea gab
es damals schon einige US-Militärbasen.
Eine der größten war in Seoul. „Als ich das
erste Mal das Haus eines Amerikaners
betrat, dachte ich nur: Die haben alles“,
sagt Lee. „Die Frauen der höheren Solda-
ten wollten aber Kleider, die sonst keiner
hatte. Es gab viele Feste.“ Lee nähte, was
sich die Frauen wünschten.
Bald kamen andere Ausländerinnen
dazu. Ehefrauen, deren Männer für

leitende Posten in den neuen Banken
und Elektronik-Fabriken ins Land ge-
kommen waren. „Alle Westler in Seoul
kannten mich“, sagt Lee. „Wenn sie mich
nicht kannten, hatten sie keine schönen
Kleider.“ Er nähte nur für Frauen, Män-
nerkleidung gefiel ihm noch nie. Er nahm
3,50 Dollar am Tag. Für koreanische Ver-
hältnisse war das viel. Die Haushaltshilfe,
die ihm den Tipp gab, verdiente 16 Dollar
im Monat. Für Ausländer war es günstig.
„So ist es eigentlich geblieben“, sagt
Lee. Nur, dass es heute in Südkorea viele
Schneider und weniger Ausländer gibt,
die dort Bälle veranstalten. Und dass das
Leben in Seoul teuer geworden und über-
all auf der Welt Kleidung aus Asien viel zu
billig ist.
Als reisender Schneider
ist Herr Lee zugleich Verkör-
perung wie Gegenkonzept
asiatischer Billiglohnarbeit.
Er hat nie in einer der vielen
Textilfabriken seines Landes
gearbeitet. „Ich habe es gut ge-
troffen. Da kann man immer
nur eine Sache machen“, sagt
er. „Ich mag aber alles: Schnit-
te, Bügeln und Nähen.“ Herr Lee bildet
meistens positive Sätze, auch wenn es
um etwas geht, das eigentlich gar nicht
so positiv ist.
Diese Fabriken und die vielen neuen
Schneider, die haben ihm Jahr für Jahr
auch die Kundinnen in seiner Heimat
genommen. In Seoul näht er nur noch
selten. Den Großteil seiner Kundinnen
besucht er im Ausland. Auch sie wollen
sparen, müssten das aber nicht mal. Sie
mögen keine Billigklamotten, tragen
keine nachgemachten Markentaschen
und kaufen nicht im Discounter ein. Sie
wollen besondere Kleidungsstücke – von
ihm. „Wir haben ein klares und ehrliches
Verhältnis“, sagt Rita Mahr. „Ich helfe ihm,
hier zu arbeiten, und er hilft mir, die Be-
ziehungen zu meinen Freundinnen zu
pflegen und ab und an ein tolles, neues
Teil im Schrank zu haben.“
Beide Seiten machen ein gutes Ge-
schäft. Für Herrn Lee wie für die Frauen
bedeutet das zugleich auch ein positives
Minus: weniger Alleinsein.

„nkündigen
, vorher bekannt geben

ratschen süddt. österr.
, m reden; sich
unterhalten

n“cht einrechnen
, hier: nicht dazuzählen

betreten
, eintreten

der P¶sten, -
, Position; Stelle

der B„ll, ¿e
, hier: größere Tanzver-
anstaltung

zugleich ... wie
, ... und auch ...

die Verkœrperung, -en
, von: verkörpern = als
Symbol für etwas gelten

das Gegenkonzept, -e
, hier: Gegenteil

¡s gut tr¡ffen
, Glück haben mit

b“lden
, hier: formen

Beziehungen pflegen
, Kontakt halten

Er hat nie
etwas anderes
gemacht. Die
Geschichte seines
Lebens ist die
Geschichte seiner
Arbeit.
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