Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1

60 DER 9. NOVEMBER Deutsch perfekt 13 / 2019


Foto: Anne Backhaus

Die Deutschen mag Lee besonders ger-


ne, er findet sie so verbindlich – und sie


wissen, dass er am liebsten Käsekuchen


und Vanilleeis isst. Er findet sie auch


lustig, „weil sie so selten draußen sind


und sich abends nach der Arbeit in ihren


Häusern einsperren, anstatt Freunde zu


besuchen.“ Lee hat sich eine Jacke überge-


streift, die er für seine Besuche in Europa


angeschafft hat, und läuft zügig durch die


Nachbarschaft. Mittagspause.


Jeden Tag geht er nach dem

Essen mit seiner Gastfamilie


allein 4000 Schritte, immer


einen neuen Weg. Nachbarn


sieht er selten, die Bürgerstei-


ge in der süddeutschen Klein-


stadt sind sauber und leer. Er


zeigt auf Häuser, die 1920 gebaut wurden


und hier von wohlhabenden Menschen


bewohnt werden. „In Korea will niemand


in alten Häusern wohnen. Alte Häuser


sind schlechte Häuser. In Deutschland ist


das Alte gut. Hier wollen auch die Frauen


immer den gleichen Schnitt. Haben sie


ihren Stil gefunden, behalten sie ihn für


immer.“


An einem Kiosk hält er an und zeigt auf

das gelbe Schild einer Lotterie. „Da habe


ich gestern ein Los gekauft“, sagt Lee. Was


würde er mit einem Millionengewinn


machen? Die Frage wundert ihn. „Nichts.
Ich bin ein alter Mann, ich habe keine
Träume mehr. Ich habe nur gedacht, dass
ich dann meine Tochter anrufen würde,
um ihr von dem Gewinn zu erzählen.“
Still geht er weiter.
Nach seinem Spaziergang macht
er sich an die letzten Änderungen des
Kleids. Die Nähmaschine steht vor einem
Regal mit Hunderten von Familienfotos.
Kinder, Hochzeiten, Urlaube.
Lee wurde mit 23 Jahren zum
ersten Mal fotografiert, war nie
im Urlaub und lebt mit seiner
40-jährigen Tochter in einem
alten Appartement in Seoul,
das er inzwischen kaufen
konnte. Sie ist nicht verheira-
tet, das ärgert ihn. Von ihrer Mutter hat er
sich vor 20 Jahren getrennt und sie dann
nie wieder gesehen.
„Vielleicht habe ich doch einen
Wunsch“, sagt Jong Hun Lee. Er hat nun
seine Brille auf und sitzt gebeugt vor der
ratternden Nähmaschine. „Nicht noch
älter werden, das wäre gut. Die Alten
können nicht arbeiten. Und sie sind al-
lein.“ Im Flur geht Frau Mahr ans Telefon.
„Ja, er ist hier. Na toll, wie immer! Wann
kommst du vorbei?“ Lee lächelt auf die
Naht in seinen Händen.

verb“ndlich
, so, dass man sich an
Vereinbarungen hält
einsperren
,^ in einen Raum schließen
s“ch überstreifen
, anziehen

„nschaffen
, hier: kaufen; sich
besorgen

zügig
, ≈ ziemlich schnell

der B•rgersteig, -e
, Weg für Fußgänger
neben der Straße

wohlhabend
, reich

das Los, -e
, kleiner Zettel, mit dem
etwas zufällig entschieden
wird
gebeugt
,^ hier: mit dem Kopf und
Oberkörper nach unten;
L gerade

r„ttern
, helle, harte Laute ma-
chen, die schnell einer nach
dem anderen zu hören sind

die Naht, -en
, ≈ Linie an der Stelle, wo
zwei Teile Stoff verbunden
sind

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf
Seite 54.

Das dunkelblaue Kleid, das Jong Hun Lee für Heidi Krohn genäht hat, ist eine Kopie – das Original von Hermès ist hellgrau.


Das Prinzip
Wochenende
ist ihm fremd.
Ein Begriff wie
Arbeitsrecht
auch.
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