62 BLINDTEXT Deutsch perfekt X / 2018
Denken, fühlen, wollen
Vor 100 Jahren bekommt Stuttgart die erste Schule, die nach den Prinzipien von
Rudolf Steiner arbeitet. Heute gibt es Waldorfschulen auf der ganzen Welt.
MITTEL AUDIO
das [rbeiterkind, -er
, Kind von Eltern aus der
Arbeiterklasse
¢ngewöhnlich
, hier: nicht normal
geb“ldet
, hier: so, dass viele in der
Familie eine höhere Schule
besucht haben
gr•nden
, starten
fœrdern
, hier: helfen, dass ein
Kind mehr Können und
Wissen bekommt
ref¶rmpädagogisch
, von: Reformpädagogik
= in ihrer Zeit progressive
Form der Pädagogik
der Vortrag, ¿e
, Rede
erœffnen
, zum ersten Mal öffnen
E
mil Molt ist ein reicher Mann.
In seiner Waldorf-Astoria-Zi-
garettenfabrik bei Stuttgart
arbeiten rund 1000 Angestell-
te. Aber Molt ist nicht nur Fa-
brikbesitzer, sondern auch ein Mann mit
sozialen Ideen. Als ihm einer seiner Arbei-
ter im November 1918 mit großer Freude
erzählt, dass sein Sohn nun auf eine hö-
here Schule kommt, freut sich auch Emil
Molt. Denn zu dieser Zeit ist so ein Erfolg
für ein Arbeiterkind sehr ungewöhnlich.
Normalerweise besuchen nur Kinder aus
gebildeten und reichen Familien höhere
Schulen; Arbeiterkinder gehen meistens
nur auf die Grundschule.
Nach dem Gespräch mit seinem Arbei-
ter hat Molt eine Idee: Er will eine eigene
Schule für seine Arbeiterkinder gründen.
So sollen diese besser gefördert werden.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
werden reformpädagogische Ideen in
Deutschland populär. Im April 1919 lädt
Molt den Publizisten und Esoteriker Ru-
dolf Steiner zu einem Vortrag über Päda-
gogik in seine Fabrik ein. Und nicht nur
das: Molt fragt Steiner auch, ob dieser für
ihn eine Schule auf Basis seiner pädagogi-
schen Ideen gründen kann.
Steiner kann. Er macht einen Plan für
den Schulalltag, sucht Lehrer, bildet sie
aus. Am 7. September 1919 eröffnet die