Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1

Foto: imago/Klaus Rose


Deutsch perfekt 11 / 2019 GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE 63

Die Waldorf-
schule ist die
populärste
alternative
Reformschule
der Welt.

die Betriebsschule, -n
, Schule, die einer Firma
gehört

die Ges„mtschule, -n
, hier: Schulform, in der
Kinder ab der Grundschule
bis zum Ende der Schulzeit
gemeinsam unterrichtet
werden

die Bes¶nderheit, -en
, hier: spezielle Sache, die
es nur dort gibt

erf¶lgreich
, mit Erfolg

laut
, wie ... sagt

der B¢nd der Freien
W„ldorfschulen
, Organisation aller freien
Waldorfschulen

str¡ng
, ≈ autoritär

staatlich
, hier: L privat

die Oberstufe
, hier: die höchsten zwei
Klassen am Gymnasium

s“tzenbleiben
, eine Klasse wiederholen
müssen

die Studie, -n
, systematische Unter-
suchung

der M¶rgenspruch, ¿e
, Gebet, mit dem man an
einer Waldorfschule den
Schultag beginnt

(das Gebet, -e
, ≈ Worte, mit denen man
Gott dankt oder ihn um
etwas bittet)

das W¡rken
, hier: praktisches Arbei-
ten, z. B. mit Holz

f¡stgelegt
, hier: ≈ geplant; für alle
Schulen gültig

der Lehrplan, ¿e
, ≈ Programm für den
Unterricht

der }nterrichtsstoff, -e
, hier: Lerninhalt

aussuchen
, wählen

die Lehre, -n
, hier: ≈ Theorie

der Bereich, -e
, hier: ≈ Sektor; Teil des
Lebens und des Wissens

die L„ndwirtschaft
, ≈ Agrarwirtschaft

prägen
, hier: einen Effekt haben
auf

„blehnen
, hier: kritisieren; gegen
... sein

kein Thema sein
, nicht Inhalt sein

das Gleichgewicht
, hier: Zustand, in dem
zwei gegensätzliche Teile
gleich wichtig sind

(gegensätzlich
, ≈ sehr unterschiedlich)

der Geist
, L Körper

entw“ckeln
, hier: sich überlegen

... kl“ngen
, hier: machen, dass man
denkt, etwas ist ...

skurril
, ≈ seltsam; verrückt

die Multiplikation
, Aufgabentyp beim
Rechnen (z. B. 2 x 3 = 6)

staatlich „nerkannt
, hier: staatlich
akzeptiert

der Schulabschluss, ¿e
, hier: Ende der Schule
mit einer Prüfung

die m“ttlere Reife
, Prüfung am Ende der
Realschule

Astoria-Betriebsschule in Stuttgart. Das
Schulgebäude finanziert Emil Molt, der
auch die Schulgebühr für die Kinder sei-
ner Arbeiter bezahlt. Die neue Schule ist
eine Gesamtschule. Alle Kinder lernen
gemeinsam – auch Mädchen und Jungen.
1919 ist das eine Besonderheit.
Die Betriebsschule der Waldorf-Asto-
ria-Zigarettenfabrik gibt schließlich einer
der heute populärsten und erfolgreichs-
ten alternativen Reformschulen der Welt
ihren Namen: Waldorfschule. 100 Jahre
nach der Gründung der ersten Schule gibt
es Waldorfschulen auf der ganzen Welt.
Laut dem Bund der Freien Waldorfschu-
len besuchen in Deutschland rund 87 000
Schüler eine von 245 Waldorfschulen.
International gibt es 1151 dieser Schu-
len. Und es werden immer mehr – zum
Beispiel in China, wo die Waldorfschulen
in den letzten Jahren populär
geworden sind.
Die meisten Eltern, die ihre
Kinder auf eine Waldorfschule
schicken, wollen vor allem eine
Alternative zu den strengeren
staatlichen Schulen. Vieles ist
an den Waldorfschulen anders
als an anderen Schulen: Vor der
Oberstufe gibt es keine Noten – und nie-
mand kann sitzenbleiben. Dadurch sollen
Kinder und Jugendliche ohne Stress ler-
nen können. Studien zeigen inzwischen
deutlich, dass das gelingt – Waldorfschü-
ler gehen lieber zur Schule als Schüler an
staatlichen Schulen.
Der Schultag an einer Waldorfschule
beginnt für jedes Kind mit einer per-
sönlichen Begrüßung durch den Klas-
senlehrer. Dann sagen die Kinder einen
gemeinsamen Morgenspruch, in dem sie
der Natur und Gott danken. Danach ha-
ben sie zwei Stunden Hauptunterricht
beim Klassenlehrer. Im Hauptunterricht
besteht das Schuljahr aus sogenannten
Epochen: Die Schüler beschäftigen sich
mehrere Wochen lang mit einem Fach
oder Thema, dann wird gewechselt.
Der Klassenlehrer bleibt bis zur ach-
ten Klasse derselbe. Er unterrichtet fast
alle Fächer. In diesen ersten Jahren wird
nur Fachunterricht wie Musik, Werken
und Sport von Fachlehrern unterrichtet.

Von Anfang an lernen die Kinder zwei
Fremdsprachen. Bücher werden im Un-
terricht fast keine verwendet, und es gibt
auch keine festgelegten Lehrpläne, über
die der Staat oder eine Institution vorher
entschieden haben. Die Schüler bekom-
men den Unterrichtsstoff vom Lehrer
und schreiben ihn in sogenannte Epo-
chenhefte. Die Idee: Der Lehrer kann am
besten entscheiden, was jedes einzelne
Kind braucht, und so passende Inhalte
aussuchen.
Die Basis der Waldorfschulen ist die
Lehre Rudolf Steiners: die Anthroposo-
phie, eine Mischung aus Mystik, Esote-
rik, Goethes Naturlehre und christlichem
Glauben. Steiner hat mit seinen Ideen
Impulse in vielen Bereichen gegeben.
Die anthroposophische Medizin und die
biologisch-dynamische Landwirtschaft
kommen von ihm. Er hat die
Architektur geprägt, die Reli-
gion – und vor allem die Päda-
gogik. Aber in manchen seiner
Texte stehen auch rassistische
Aussagen. Kritiker lehnen des-
halb Steiner und seine Theori-
en ab.
Im Schulunterricht sind die-
se Theorien kein Thema. Aber sie prägen
die pädagogische Arbeit. Ein zentrales
Prinzip ist das Gleichgewicht von Körper
und Geist: „Denken, Fühlen und Wollen“
sollen gemeinsam gefördert werden. Pas-
send dazu hat Steiner eine eigene Bewe-
gungskunst entwickelt, die Eurythmie.
Manches davon klingt ein bisschen
skurril – zum Beispiel, dass Waldorfschü-
ler lernen, ihren Namen zu tanzen, oder
im Rhythmus über die Tische springen,
um Multi plikation zu üben. Auf dem
Programm stehen auch Gartenarbeit,
Kunst und Theater. Oft wählen die Schü-
ler selbst, womit sie sich im Unterricht
beschäftigen.
In Deutschland sind die Waldorfschu-
len staatlich anerkannte Privatschulen.
Nicht anerkannt ist der Waldorf-Schulab-
schluss, den die Schüler nach der zwölf-
ten Klasse machen. Wer also die mittlere
Reife oder das Abitur machen will, muss
diese Prüfungen an einer staatlichen
Schule machen. Barbara Kerbel Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 45.
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