Für sieben von
zehn Deutschen
ist der National-
sozialismus Teil
der deutschen
Identität.
Deutsch perfekt 11 / 2019
wiederholt werden, um Veränderungen
festzustellen.
„Die Mehrheit der Deutschen will
keinen Schlussstrich“, sagt Studienleiter
Andreas Zick. Tatsächlich fand nur ein
Drittel der Befragten, dass es Zeit für ei-
nen Schlussstrich ist. Fast zwei Drittel
gaben an, dass sie sich „eher“ oder „sehr
stark“ für deutsche Geschichte interessie-
ren. Für 71 Prozent der Befragten ist der
Nationalsozialismus Teil der deutschen
Identität. 29,8 Prozent der Befragten wa-
ren vier Mal oder häufiger in einer Ge-
denkstätte, 22,1 Prozent noch nie.
„Die Erinnerung an die historische
Schuld ist stabil“, sagt Zick. „Vor allem
jungen Menschen ist das sehr wichtig.“
Fast zwei Drittel der Befragten stimm-
ten außerdem der Aussage zu,
dass Menschen heute zu ähnli-
chen Taten fähig wären wie im
Nationalsozialismus.
Die Wissenschaftler haben
aber auch eine Tendenz zur
Entkonkretisierung beobach-
tet, wie sie es nennen: Auf die
Frage, an welche Opfer der NS-Zeit erin-
nert werden sollte, sagten fast 50 Prozent
„an alle“. Nur 37 Prozent nannten explizit
die jüdischen Opfer, andere Opfergrup-
pen kamen viel seltener vor. „Es geht ver-
loren, wie viele Opfergruppen verfolgt
wurden“, sagt Zick. Gegen diesen Trend
sollte etwas getan werden, findet er.
Das aber wird immer schwieriger, je
mehr Zeit vergeht. Die letzten Opfer
und die letzten Täter sterben. Bald wird
niemand mehr als Zeitzeuge von seinen
Erlebnissen berichten können. Umso
ernster nehmen die Institutionen die letz-
ten Gelegenheiten. In den vergangenen
Jahren gab es vor deutschen Gerichten
einige Prozesse gegen KZ-Wachmänner
(siehe Deutsch perfekt 3/2018). Es wird
kontrovers diskutiert, ob es sinnvoll ist,
sehr alte Männer noch vor Gericht zu
stellen. Aber durch diese Prozesse sind
frühere KZ-Häftlinge in die Bundesrepu-
blik gereist. Sie wollten vor Gericht erzäh-
len, was ihnen im Namen Deutschlands
angetan wurde. Es ist wahrscheinlich ihre
letzte Gelegenheit – und die letzte Chan-
ce für die Deutschen, ihnen zuzuhören.
Gesellschaft mit der historischen Schuld
umgehen soll: Wie soll an den Holocaust
erinnert werden? Was sind die Aufgaben
von Gedenkstätten? Welche Mahnma-
le sollen an die Opfer erinnern? Welche
Konsequenzen bedeutet die Geschichte
für das aktuelle und zukünftige Handeln
des Staates?
Solche Fragen haben immer wieder
zu großen Kontroversen geführt. Direkt
nach dem Krieg wollten sich die wenigs-
ten Deutschen mit der Vergangenheit
beschäftigen. Sie dachten an den Wie-
deraufbau. Über ihre Schuld schwiegen
sie. Und nicht nur das: Frühere National-
sozialisten hatten bald nach dem Krieg
wieder wichtige Positionen in Politik
und Wirtschaft. Die 68er rebellierten ge-
gen das Schweigen ihrer Eltern
und die Verdrängung der Ver-
gangenheit.
Allmählich hat sich die Ge-
sellschaft seitdem der Vergan-
genheitsbewältigung gestellt.
Schüler behandeln in der Schu-
le selbstverständlich den Nati-
onalsozialismus und den Holocaust. Viele
Schulklassen besuchen eine der KZ- Ge-
denkstätten, zum Beispiel Auschwitz,
Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen
oder Flossenbürg.
In Berlin erinnert seit 2005 das Denk-
mal für die ermordeten Juden Europas
an die Opfer des Holocaust. Und 70 Jahre
nach Kriegsende wurde in München, der
früheren „Hauptstadt der Bewegung“, das
NS-Dokumentationszentrum eröffnet.
Über beide gab es Kontroversen. Nicht
nur über Fragen der Architektur: Immer
wieder werden Stimmen laut, die einen
„Schlussstrich“ unter die Vergangenheit
fordern.
80 Jahre nach Kriegsbeginn muss die
Gesellschaft noch immer Antworten auf
die Frage finden, wie sie mit der histori-
schen Verantwortung umgehen will. Um
der Diskussion darüber konkrete Zahlen
zu liefern, hat die Stiftung „Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft“ eine reprä-
sentative Befragung zur Erinnerungs-
kultur gestartet: die MEMO -Studie. Die
neuesten Ergebnisse wurden im April
publiziert. Regelmäßig soll die Befragung
eEin Ort der Erinnerung an die schlimmste Zeit der deutschen
Geschichte: das Berliner Holocaust-Mahnmal.
WIE GEHT ES EIGENTLICH ...? 69
¢mgehen m“t
, hier: eine Position
entwickeln zu
die Ged¡nkstätte, -n
, hier: Ort zur Erinnerung
an ein schlimmes Ereignis
(z. B. Konzentrationslager)
das Mahnmal, -e
, z. B. Skulptur oder
Statue zur Erinnerung an ein
schlimmes Ereignis
führen zu
, hier: verursachen
der Wiederaufbau
, von: wiederaufbauen =
hier: ein vom Krieg zerstör
tes Land wieder in einen
guten Zustand bringen
die 68er Pl.
, organisierte Gruppe von
Studenten mit dem Ziel,
eine Gesellschaftsreform zu
erreichen
rebellieren
, hier: stark protestieren
die Verdrængung
, von: verdrängen = hier:
an unangenehme Ereignisse
nicht mehr denken (wollen)
die Verg„ngenheitsbewäl-
tigung
, hier: intensive Beschäfti
gung mit der Vergangenheit
s“ch st¡llen
, hier: sich intensiv
beschäftigen (wollen) mit
das KZ, -s
, kurz für: Konzentrati
onslager
die Hauptstadt der
Bewegung
, Name, den die Nazis
München gegeben haben;
Ort, wo die Nationalso
zialisten zuerst populär
wurden
der Schl¢ssstrich, -e
, von: einen Schluss
strich ziehen = ein Thema
beenden
die St“ftung, -en
, hier: Organisation für
einen bestimmten Zweck
die Befragung, -en
, Umfrage
der Studienleiter, -
, Leiter einer Studie
(die Studie, -n
, wissenschaftliche
Untersuchung)
„ngeben
, hier: nennen
eher
, hier: ≈ mehr
zustimmen
, „Ja“ sagen zu
fähig sein zu
, machen können
die ]ntkonkretisierung
, von: entkonkretisieren
= machen, dass etwas
weniger konkret wird
verloren gehen
, hier: vergessen werden
verf¶lgt w¡rden
, aus religiösen,
politischen oder ethnischen
Gründen Probleme bekom
men oder Nachteile haben
vergehen
, ≈ vorbeigehen
der Zeitzeuge, -n
, Person, die Informa
tionen über historische
Ereignisse aus eigener
Erfahrung geben kann
¡rnst nehmen
, hier: wichtig finden
der W„chmann, ¿er
, hier: Mann, der im KZ
aufpasst
... kontrov¡rs diskutieren
, ≈ (lange) streiten über ...
s“nnvoll sein
, einen Sinn haben
der KZ-Hæftling, -e
, Person, die in einem KZ
eingeschlossen ist
„ntun
, hier: jemandem etwas
Böses tun