Deutsch Perfekt - 11.2019

(Marcin) #1
Deutsch perfekt 11 / 2019

Während die Justiz versucht, die letzen


Täter vor Gericht zu bringen, arbeiten


die Gedenkstätten an neuen Wegen der


Geschichtsvermittlung. Mit dem Tod der


letzten Zeitzeugen ändert sich auch die


pädagogische Arbeit. In der KZ- Gedenk-


stätte Dachau zum Beispiel bereiten sich


die Mitarbeiter auf den 75. Jahrestag der


Befreiung des KZ im April 2020 vor. Mit


dem Bayerischen Rundfunk (BR) entwickelt


die Gedenkstätte ein Messenger-Projekt


für Smartphones. Mit Nachrichten, Zeit-


zeugenberichten, Tagebuchauszügen


und historischen Fakten wollen die Au-


toren die letzten Monate im KZ und die


Zeit nach der Befreiung multiperspekti-


visch vermitteln.


In der KZ- Gedenkstätte bei München

wird außerdem die Ausstellung digitali-


siert – und das Angebot wächst: Seit Kur-


zem gibt es einen Audioguide in Manda-


rin für chinesische Besucher; auch soll der


Parkplatz vergrößert werden.


Wie in Dachau steigen auch

in den anderen KZ- Gedenk-


stätten die Besucherzahlen.


Kann Deutschland also auf


seinen Umgang mit der Ge-


schichte stolz sein, wie viele


meinen?


„Mit Stolz tue ich mich in

diesem Zusammenhang schwer“, sagt


Gabriele Hammermann, Leiterin der


Dachauer Gedenkstätte. „Aber es gab


eine lange Phase, in der vor allem einzel-


ne zivile Gruppen mit dem Gedenken


beschäftigt waren. Das ist inzwischen in


der Mitte der Gesellschaft angekommen.“


Die Gedenkstätten spüren diese Ent-


wicklung nicht nur an mehr Besuchern.


Sie bekommen vom Staat auch mehr


Geld. „Die Ausstattung ist deutlich besser


geworden“, sagt Hammermann.


Die Gedenkstätten werden auch in

Zukunft eine wichtige Rolle spielen.


„Sie sind Friedhöfe, Orte des Gedenkens


und Lernorte“, sagt Hammermann. Sie


findet: Als Lernorte müssen sie sich da-


rum bemühen, auch für neue Besucher-


gruppen attraktiv zu sein. Dazu gehören


auch Menschen, die noch nicht lange in


Deutschland leben. Je mehr Zuwande-


rer nach Deutschland kommen, desto


vielfältiger wird die Gesellschaft. 87 Pro-
zent der Befragten aus der MEMO -Stu-
die meinen, dass das Wissen über den
Nationalsozialismus zur Zugehörigkeit
zu Deutschland gehört. Aber wie soll man
Zuwanderern die historische Schuld ihrer
neuen Heimat vermitteln?
Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan
Chebli hat vorgeschlagen, den Besuch
einer KZ- Gedenkstätte für Schüler und
Einwanderer zur Pflicht zu machen.
Chebli ist in Berlin als Tochter staaten-
loser Palästinenser geboren; sie ist gläu-
bige Muslima und kämpft gegen Antise-
mitismus. Vor wenigen Monaten war die
41-Jährige mit einer Berliner Schulklasse
zum ersten Mal in Auschwitz. Integrati-
on, die Erinnerung an die Geschichte und
der Dialog zwischen den Kulturen sind
ihre Lebensthemen.
Viele Experten lehnen Cheblis Vor-
schlag ab. „Eine Pflicht ruft Widerwil-
len hervor“, sagt Gabriele Hammer-
mann. Auch Andreas Zick
hält verpflichtende Gedenk-
stätten-Besuche für wenig
sinnvoll. „Lernen beginnt
mit Interesse und nicht mit
Zwang“, sagt er. „Das Interesse
der Jugendlichen ist sowieso
groß.“ Viel wichtiger findet
Zick es, Jugendlichen Zeit und Möglich-
keiten zum Nachdenken zu geben – und
mehr für ihre politische Bildung zu tun.
Die ist umso wichtiger, je stärker die
Stimmen von Populisten werden. Seit
der letzten Bundestagswahl im Jahr 2017
sitzt die Alternative für Deutschland
(AfD) mit 91 Abgeordneten im Parla-
ment – und provoziert immer wieder mit
kalkulierten Tabubrüchen. So fordert
zum Beispiel der Fraktionsvorsitzende
Alexander Gauland einen Schlussstrich
unter die Nazi-Vergangenheit und fin-
det, dass Deutschland stolz sein kann
auf „die Leistungen der Soldaten in zwei
Weltkriegen“.
Wie die MEMO -Studie zeigt, ist Gau-
land Teil einer Minderheit. Zick nimmt
die Provokationen der Populisten trotz-
dem ernst. „Demokratiebildung fällt
nicht vom Himmel“, sagt der Sozialpsy-
chologe.

In den früheren
Konzentrations-
lagern steigen
die Besucher-
zahlen. Ein
Grund für Stolz?

70 WIE GEHT ES EIGENTLICH ...?


die Gesch“chtsvermittlung
, von: Geschichte vermit­
teln ≈ Geschichte erklären

die Befreiung, -en
, von: befreien = hier:
die gefangenen Menschen
wieder in die Freiheit lassen

der Tagebuchauszug, ¿e
, kurzer Text aus einem
Buch, in das man jeden Tag
schreibt, was man denkt
oder was passiert ist

digitalisieren
, hier: so ändern, dass
alles mit Computertechnik
funktioniert und kontrolliert
wird

s“ch schwertun m“t
, m Probleme haben
mit

zivil
, hier: aus der Gesell­
schaft; L militärisch

die M“tte der Ges¡llschaft
, Mainstream

spüren „n
, hier: bemerken, weil
es ... gibt

der Friedhof, ¿e
, Ort, an dem die Toten
liegen

der Zuwanderer, -
, Immigrant

vielfältig
, hier: mit vielen verschie­
denen Menschen

die Zugehörigkeit
, von: zugehörig sein =
hier: das Gefühl haben,
dass man ein Teil von
etwas ist

SPD
, kurz für: Sozialdemokra­
tische Partei Deutschlands

staatenlos
, ohne offizielle Natio­
nalität

gläubig
, von den Idealen
einer bestimmten Religion
überzeugt

hervorrufen
, als Reaktion provozieren

der Widerwillen
, Ablehnung; hier: L
Freiwilligkeit

verpfl“chtend
, so, dass es Pflicht ist

der Zw„ng, ¿e
, L freie Entscheidung

die politische B“ldung
, ≈ Unterricht über
Demokratie, politische In­
stitutionen und Strukturen

die B¢ndestagswahl, -en
, das Wählen der
Mitglieder des deutschen
Parlaments

der/die [bgeordnete, -n
, Mitglied im Parlament

der Tabubruch, ¿e
, Nichtbeachten eines
Tabus

... fællt n“cht v¶m H“mmel.
, hier: m Für ... muss
man viel tun.
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