Die Zeit - 12.09.2019

(singke) #1

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den kommenden Jahren noch viele Aufgaben in der Stadt-
teilkultur geben: in den neuen Vierteln in Freimann, in Jo-
hanneskirchen. München wird nie eine fertige Stadt sein,
und auch die Kultur wird nie fertig sein. Eine Stadt ist kein
Museum. Und Kultur ist ein fortlaufender Prozess. Kultur
kann auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, sie be-
einflussen und mögliche Antworten geben.
Wie definieren Sie Kultur?
Alles, was nicht Natur ist, ist Kultur. Auch das Oktoberfest
ist Kultur.
Sich gemeinsam öffentlich zu betrinken ist Kultur?
Ja. Weil ich glaube, dass dort die Kultur des Zusammen-
seins – ich lass die Exzesse jetzt mal beiseite – etwas ganz
Besonderes ist. Die Kultur der sozialen Gleichheit, die
ich dort in vielen Zelten finde, die Kultur des sich Aus-
tauschens. Das findet man nicht bei vielen Veranstaltun-
gen – dass man nebeneinandersitzt, sich nicht kennt und
trotzdem ins Gespräch kommt.
Welches Projekt war Ihnen während Ihrer zwölfjährigen
Amtszeit das wichtigste?
Die Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums am
Königsplatz. Es ist ein Lern- und Erinnerungsort, der die
Fragen stellt: Warum München? Und was geht mich das

heute noch an? Das finde ich sehr wichtig. Weil München
sich damit zu seiner Rolle als von den Nazis so bezeichnete
»Hauptstadt der Bewegung« bekennt und dazu, dass hier
der Nationalsozialismus groß geworden ist. Und sich dazu
bekennt, alles zu tun, um so etwas nicht noch einmal auf-
kommen zu lassen. Für mich ist das auch deshalb so wich-
tig, weil wir seit einigen Jahren eine Erstarkung des Rechts-
extremismus, des Rechtspopulismus, des Antisemitismus
und des Rassismus erleben. Und mit diesem Haus können
wir dazu beitragen, sich dieser unerträglichen Situation
entgegenzustellen. Wir zeigen nämlich: Wohin führt das,
wenn man fremdenfeindlich ist?
Die beiden SPD-Oberbürgermeister Christian Ude und
Dieter Reiter haben Ihnen als Kulturreferent weitgehend
freie Hand gelassen. Gibt es einen Fall, bei dem Sie das Ge-
fühl hatten, die Politik mischt sich zu sehr in die Belange
der Kultur ein?
Man kann nicht leugnen, dass die Diskussionen um
Matthias Lilienthal ein solcher Fall waren.
Als Sie 2015 Matthias Lilienthal als Intendant an die Kam-
merspiele geholt haben, hat das vor allem der CSU-Frak-
tion im Stadtrat missfallen. Lilienthal war den Politikern
zu experimentell.

HAUSDERK UNST


STRETCHYOURV IEW

Markus


Lüpertz


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13.09. 19—26.01.20


HelmI

,1970(FarblicheVerfremdung desMotivs)

Pinaul tCollection,

©
VG Bild -Kunst,Bonn2019

Foto:Jörgvon Bruchhausen, Berlin
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