Die Zeit - 12.09.2019

(singke) #1

WISSEN


TITELTHEMA: INNOVATION


So kommt


das Neue


in die Welt


Auto, Mikrowelle, Internet – viele Ideen


wären beinahe gefloppt.


Was macht einen Einfall zum Erfolg?


VON ULRICH SCHNABEL

M


ein peinlichster jour­
nalistischer Irrtum un­
terlief mir Anfang der
Neunzigerjahre: Als jun­
ger Redakteur begeg­
nete ich der wichtigsten
Erfindung der damali­
gen Zeit – und übersah sie.
In einem kargen Konferenzraum des Kern­
forschungszentrums Cern bei Genf wurde ich
damals Zeuge einer kleinen Präsentation: Zwei
Physiker standen vor einer klobigen Compu­
terkiste und erklärten dem Publikum, man
habe ein neues System entwickelt. Es erlaube
den Abruf elektronischer Hypertext­Doku­
mente und damit den weltweiten Austausch
von Forschungsergebnissen. Damit könne
man, schwärmten die Cern­Mitarbeiter, etwa
digitale Texte, Bilder oder Videos ansehen, die
in Australien hochgeladen worden seien.
Doch die begeistert angekündigte Präsenta­
tion verlief enttäuschend: Die Leitung nach
Australien war instabil, der Monitor flimmerte,
Texte und Bilder waren nur schemenhaft zu er­
kennen, und nach kurzer Zeit erlosch der Bild­
schirm. Hektisch begannen die Cern­Leute an
Kabeln zu ruckeln und auf die Tastatur einzu­
hämmern – nichts geschah, der Monitor blieb
schwarz. Als mich später die Kollegen in der
ZEIT­Redaktion fragten, was es in Genf Neues
gegeben habe, antwortete ich knapp: »Ein Hy­
pertext­System – aber ich glaube, daraus wird
nichts.«
So kann man sich täuschen: Was ich damals
so herablassend beurteilte, war der Start des
World Wide Web. Ich hatte die prägendste
technische Neuerung des ausgehenden 20. Jahr­
hunderts übersehen! Mein einziger Trost: Den
Experten ging es kaum anders.
Als der Web­Erfinder Tim Berners­Lee
Ende 1991 seine Idee bei einer Hypertext­Kon­
ferenz in der amerikanischen Stadt San Anto­
nio vorstellen wollte, wurde sein Antrag nicht
einmal in das Vortragsprogramm aufgenom­
men; Berners­Lee musste ins Foyer des Veran­
staltungsortes ausweichen und dort improvisie­
ren. Kaum jemand nahm Notiz von ihm.
Warum fällt es selbst fachkundigen Men­
schen so schwer, das Neue zu erkennen und das
Potenzial revolutionärer Veränderungen abzu­
schätzen? Dieser Blindheit in Bezug auf die
Zukunft unterliegen mitunter sogar jene, die
selbst als Neuerer gelten. Berühmt wurde etwa
Gottlieb Daimlers Prognose 1895 zur Zukunft
des Autos: »Es werden höchstens 5000 Fahr­
zeuge gebaut werden. Denn es gibt nicht mehr
Chauffeure, um sie zu steuern.«
Auch die Bilanz politischer und ökonomi­
scher Zukunftsprognosen fällt mau aus. »Die
Geschichte der Prognosen ist eine Geschichte
der Überraschungen und Überrumpelungs­
effekte«, diagnostiziert der Historiker Joachim
Radkau in seiner Geschichte der Zukunft. Die
Nazi­Diktatur sahen Politiker ebenso wenig
voraus wie später das deutsche Wirtschafts­
wunder. Von der Ölkrise wurden Ökonomen
so überrascht wie Politiker von den 68er­Pro­


testen und der Umweltbewegung. Stattdessen
rechnete man in den Sechzigern damit, dass
man bald Bergwerke auf dem Mond betreiben
würde. Und dass es 1989 zur Wiedervereini­
gung kommen würde, hielten noch wenige
Monate zuvor die Experten für ebenso unwahr­
scheinlich wie im Jahr 2015 die Möglichkeit,
dass ein narzisstischer Aufschneider wie Do­
nald Trump je US­Präsident werden könnte.
Zwar predigte schon vor 2500 Jahren der
Philosoph Heraklit, nichts sei beständiger als
der Wandel. Doch versagen wir Menschen im­
mer wieder dabei, Umbrüche zu erkennen und
die Macht des Neuen zu antizipieren. Denn das
Gewohnte ist vertraut und real, das Zukünftige
hingegen per se unbewiesen und irreal. Und
selbst abseitig erscheinende Ideen können
überraschend zu prägenden Kräften der Zu­
kunft avancieren. Wer hätte Anfang 2018
schon erwartet, dass eine einzelne schwedische
Schülerin mit einem Sitzstreik eine weltweite
Klimabewegung auslösen würde?
Deshalb ist es auch schwer zu prognostizie­
ren, welche der Ideen, die wir auf den folgen­
den Seiten vorstellen, sich einmal rückblickend
als Geniestreiche herausstellen werden – und
welche nicht. Gelingt uns tatsächlich die künst­
liche Fotosynthese? Können Quantencomputer
bald alle Passwörter knacken? Und werden wir
uns künftig am »Gesundheitskiosk« in der
Fußgängerzone medizinischen Rat holen?
Kann sein. Kann auch alles anders kommen.
Einig sind sich die Fachleute nur darin:
Neue Ideen haben es schwer. Und die wenigs­
ten gelangen jemals zur Marktreife. Wer erin­
nert sich noch an frühere Innovationshoffnun­
gen wie den Transrapid, den Hochtemperatur­
reaktor THTR 300, den Siemens­Großrechner
oder den Telebus? All diese Großprojekte wur­
den einst massiv gefördert, zum Teil bis zur
Marktreife entwickelt und dann leise beerdigt.
Der französische Technikforscher Bernard Réal
drückte es so aus: »Der Friedhof gescheiterter
Innovationen ist zum Bersten voll.«
Wieso aber setzen sich manche Neuerungen
durch (das Smartphone etwa), während andere
gefeierte Ideen nicht über den Prototyp hinaus­
kommen (zum Beispiel das Bildtelefon)? Was
muss passieren, damit aus einer Idee eine echte
Innovation wird? Dazu drei Einsichten.
Erstens: Eine gute Idee reicht nicht. Damit
Neues entsteht, bedarf es auch eines Umfeldes,
das die Entwicklung begünstigt.
Ein gutes Beispiel ist die Mikrowelle: Der
erste Prototyp, der Speisen mithilfe eines elek­
tromagnetischen Feldes erhitzte, kam 1947 auf
den Markt – ein kühlschrankgroßes Trumm,
340 Kilogramm schwer und ein völliger Flop.
Später gelang es japanischen Ingenieuren, das
Gerät handlicher zu machen. Doch zum Erfolg
wurde die Mikrowelle erst in den Siebzigerjah­
ren, als sich die westliche Gesellschaft wandelte
und die Zahl der Singlehaushalte und Doppel­
verdiener deutlich zunahm. Nun gab es mit ei­
nem Mal einen Bedarf an dieser Technik, die
Tiefkühlspeisen auftauen und die Dauer des
Kochens radikal verkürzen konnte.

Eine ähnliche Achterbahnfahrt durchlief das
Elektroauto: Mal gepriesen, mal verlacht, von der
Industrie lange ignoriert, bis selbst Porsche jetzt einen
E­Sportwagen vorstellt – das Elektroauto hat alle
Stadien einer typischen Innovationskarriere hinter
sich. An ihm zeigt sich exemplarisch, dass es weniger
um Technik geht als um praktische Akzeptanz. Zur
echten Innovation wird das E­Auto eben erst dann,
wenn es auf der Straße zum Einsatz kommt.

Technikforscher sagen: Eine bestimmte Technik
bildet mit gesellschaftlichen Vorstellungen, mensch­
lichen Gewohnheiten und politischen Regeln ein
»Regime«. Und große Innovationen führen zu einem
Regimewechsel: Sie befördern ihn und werden zu­
gleich von ihm befördert. Derzeit etwa stecken wir
mitten im Umbruch unseres Klimaregimes, inklusi­
ve neuer Techniken und Verhaltensweisen. Und dem
kann sich nicht einmal die CDU entziehen.

Daraus folgt, zum Zweiten, dass wir an der Zu­
kunft alle beteiligt sind. Egal, was sich Ingenieure,
Forscher und Visionäre auch ausdenken: Trifft ihre
Idee nicht auf gesellschaftliche Resonanz, ist sie zum
Scheitern verurteilt. Als »Revolution der Mobilität«
wurde einst der Segway angekündigt; die Massen
aber konnte das kuriose Zweirad­Stehgefährt nie

Fortsetzung auf S. 40

Illustration: Sucuk & Bratwurst für DIE ZEIT

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  1. SEPTEMBER 2019 DIE ZEIT No 38 39


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