GEO - 09.2019

(Nancy Kaufman) #1

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Gewächse rennen nicht durch die Gegend. Trotz­
dem sind sie darauf angewiesen, zu lernen. Einige
Baumarten speichern verheerende Ereignisse wie
Dürren oder Insektenbefall ab, um bei Wiederho­
lung rascher agieren zu können. Auch wer nicht
weglaufen kann, muss Informationen aus der Um­
welt aufnehmen, festhalten und verarbeiten. Und
dann handeln.
Was wir Menschen kaum wahrnehmen.
Erbsen, Eichen oder Kakteen reagieren auf ei­
nen Reiz weit langsamer als eine Spitzmaus. Sie
existieren in ihrer eigenen Zeit. Aber diese Ge­
mächlichkeit besagt nicht, dass Pflanzen minder­
wertig oder simpel wären. Aus der Perspektive einer
Bakterie führt auch der Mensch ein ungeheuer
langatmiges Dasein. Was ebenfalls nicht bedeutet,
dass Homo sapiens schlicht gestrickt wäre.
Wie kann sich eine Mimose ohne Gehirn
irgendetwas merken?
Die Mehrzahl der Lebewesen auf diesem Plane­
ten besitzt kein Hirn. Hirn ist kein Muss fürs Über­
leben. Und auch in vielen Lebenssituationen be­
nötigen selbst wir Menschen das Denkorgan gar
nicht. So trifft unser Nervensystem Entscheidun­
gen, ohne dass wir davon etwas merken. Oder es
speichert Informationen, etwa bei Bewegungen.
Wir Säugetiere verfügen über ein hochkom­
plexes Nervensystem. Eine Mimose aber nicht.
Das ist richtig. Aber im Pflanzengewebe zirkulie­
ren die gleichen Moleküle, die in tierischen Nerven­
zellen die Signalübertragung ermöglichen. Man
nennt sie im Tierreich Neurotransmitter. Aber es
gibt diese Botenstoffe auch bei Pflanzen. Zum Bei­
spiel Dopamin oder Serotonin. Und es pulst elektri­
scher Strom durch das Blattwerk einer Mimose -
in tierischen Hirnen und Nerven dient er dem Trans­
fer von Informationen. Ob Gewächse Botenstoffe
und Strom für einen ähnlichen Zweck nutzen, ist
bisher kaum bekannt.
Und auch nicht, wie die Speicherungvon
Informationen abläuft?
Es existiert dafür zumindest keine zentrale In­
stanz wie im Gehirn eines Tieres. Womöglich die­
nen Komponenten der Erbsubstanz als Daten­
speicher. Unsere Forschung ist noch nicht weit
genug. Sicher ist: Pflanzen sind komplex, sie erin­
nern sich nicht nur, sie treffen auch Entscheidun­
gen, erkennen sich, helfen anderen Gewächsen.
Vielleicht geben sie sogar ihr Wissen weiter.
So, wie Sie das beschreiben, denke ich an einen
Schimpansen- und nicht an eine Pflanze.
Sie sind eben ein Mensch, und der schaut mit
Säugetieraugen auf die Welt. Für Wesen, die uns
ähneln, bringen wir Verständnis auf.
Und geraten bei Gewächsen an Grenzen.

GAGLIANOS LERN·EXPERIMENT

Der Fall Mimose


1a

1b 2b

Mimosen. die auf weiche Unterlagen stürzen: Die
ersten Male kräuselten sich die Blätter (1b), eine
normale Reaktion bei Erschütterung und Gefahr.
Danach blieb sie meist aus (2b). Die Mimosen, glaubt
Gagliano, speicherten, dass der Sturz harmlos ist.

Sie sind zu weitwegvon Unsererevolutionären
Abstammungslinie. Kein Wunder, dass wir sie seit
jeher als Objekte einstufen. Als grüne Kulisse, Nah­
rung oder BaumateriaL Aber zu selten als eigen­
ständige Kreaturen mit faszinierenden Fertigkei­
ten. Grundschüler merken sich die Namen von
Tieren weit besser als die von Gewächsen.
Sie und Ihre Mitstreiter haben einen schweren
Stand, weil man so wenig darüber weiß, wie
Gewächse ihre angeblichen Talente umsetzen.
Wir sind geneigt, in Pflanzen die gleichen physio­
logischen Merkmale zu suchen, die tierische Wesen
aufweisen. Finden wir sie nicht -wie etwa ein Ner­
vensystem-, schlussfolgern wir: Die Übertragung
von Signalen kann nur schwerlich stattfinden. Argu­
mentieren wir mallogisch am Beispiel der Merkfä­
higkeit: Irgendwo muss es einen Ort für die Speiche­
rung von Informationen geben. Oder ein System.
Eine durchschnittliche Pflanze hat rund 30 unter­
schiedliche Sensoren, es kommenjede Menge Infor­
mationen zusammen. Zum Beispiel kann jedes Ge­
wächs die Richtung der Schwerkraft wahrnehmen.
Das leuchtet ein. Sonst würden Pinie und
Zuckerrohr nicht so geradlinig wachsen.

GEO 09 2019
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