GEO - 09.2019

(Nancy Kaufman) #1

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Für große Sprünge eignet sich allein der Ozean. Er ist der beliebteste Spielplatz im Ort. Kinder lernen schon
bald nach dem Laufen das Schwimmen, tauchen mit Delfinen und hüpfen ins grenzenlos scheinende Blau

wieder verdrückt. Heute wohnt sie ohne
Mann in dem Haus neben ihren sechs
Geschwistern. Das Viertel Villa Rosita
besteht fast nur aus der Familie de
Hoyos. Die Regeln: Cousins und Cousi­
nen ersten Grades dürfen untereinan­
der nicht heiraten. Zudem gilt die inof­
fizielle Ein-Kind-Politik, damit Islote
nicht kollabiert. Doch kaum jemand
hält sich daran.

M


ARIA BEREITET einen
Fischeintopf zu, mit Ma­
niok und Kochbananen,
eine Spezialität der In-
sel. An ihrer Küchen­
wand hängt der Spruch: "Wenn du mir
von jemandem erzählen willst, dann
von Gott." Maria aber erzählt am liebs­
ten von ihrer Tochter. Maya ist eine der
ersten Frauen der Insel, die studiert.
"Ich weiß nicht mal genau, was", sagt
ihre Mutter, so weit entfernt ist das

Studium für sie. "Sie fehlt mir sehr, aber
sie will vorankommen im Leben, das
verstehe ich."
Seit 20 Jahren arbeitet Maria in den
Touristenresorts der Küste als Putzfrau
und Köchin und musste ihre Kinder oft
wochenlang allein bei der Oma lassen.
Für den Tourismus in der Region ist
Santa Cruz del Islote unerlässlich. Das
Eiland versorgt die Luxusresorts in der
Umgebung mit billigen Arbeitskräften.
Es herrscht eine maritime Version der
Klassentrennung: hier die am dichtes­
ten besiedelte Insel der Welt, ohne Du­
schen, ohne Arzt und im Sommer auch
ohne Wasser.
Auf den Nachbarinseln dagegen ist
alles im Überfluss vorhanden: Manche
Ferienanlage ist größer als ganz Islote.
Einsame Cabafi.as stehen dort zwischen
gepflegten Mangroven und Palmen mit
Privatstränden. Während auf Islote das
Trinkwasser fehlt, gibt es in den Resorts

genug davon zum Rasensprengen. Mo­
biltelefone sind verpönt, während sich
auf Islote jeder nach ihnen sehnt.
Es regiert der auf einfach gemachte
Luxus. Die Reduktion. Keine Musik.
Kein Krach. Kein Leben. Die Gäste be­
zahlen für die Menschenlosigkeit. Die
Leblosigkeit.
"Das muss man sich mal vorstellen",
sagt Maria.
Zwei Tage später steigt Adrüins gro­
ßer Moment. Eine Expedition auf eben
diese Insel Mucura steht an, er will 20
Meeresschildkröten in die Freiheit ent­
lassen. 30 Kinder seiner Umweltbrigade
begleiten ihn, auch Maya. Jetzt ist sie
mal seine Assistentin.
Sie kann sich vorstellen, später als
Architektin Häuser zu entwerfen für
die Zeit des Klimawandels. Oder noch
Jura zu studieren, um die gerichtlichen
Kämpfe für die Bewohner zu führen. So
ganz wird sie Islote nicht los.

GEO 09 2019
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