Die Welt Kompakt - 11.09.2019

(Darren Dugan) #1
DOKUMENTATION

JOSHUA WONG

„Hongkong ist das neue Berlin“


Auf Einladung von „Bild“ hält
sich derHongkonger Aktivist
Joshua Wong derzeit in Berlin
auf. Beim BILD100-Fest
am Montagabend hielt er eine
Rede, die wir in Auszügen
dokumentieren.


D


ank viel harter Ar-
beit meines ju-
ristischen Teams
wurde ich am Mon-
tagmorgen freigelassen und
konnte einen Flieger nehmen.
Im Vergleich zu meinen Mit-
demonstranten, die ihr Leben
und ihre vielversprechende
Zukunft riskieren und die je-
den Tag mit Verhaftungen
durch die Polizei, mit Angrif-
fen und Misshandlungen zu
rechnen haben, kann meine
Erfahrung noch nicht einmal
als Leiden bezeichnet werden.
Ich bin achtmal verhaftet
und dreimal strafrechtlich
verfolgt und angeklagt worden.
Ich habe lediglich 100 Tage im
Gefängnis verbracht. Der Preis,
den ich bezahle, ist nichts.
Eine Sache muss ich Ihnen
allen deutlich sagen. Ich bin
kein Anführer dieser Bewe-
gung, und ich sage mit Stolz,
dass ich lediglich einer der
Unterstützer bin. In Hongkong
brauchen wir keine Anführer.
Wir stehen solidarisch und
einheitlich zusammen.
Viele Leute kamen zu mir
und sagten: „Herzlichen


Glückwunsch, Joshua!“ Hong-
kongs Regierungschefin Carrie
Lam erklärte letzte Woche
endlich, dass das Ausliefe-
rungsgesetz vollständig zu-
rückgezogen wird. Ich halte
das jedoch nicht für einen
Sieg, da die Menschen in
Hongkong einen hohen Preis
für diesen kleinen Schritt ge-
zahlt haben. Trotz der Zahl
von zwei Millionen, fast einem
Viertel der Einwohner, die auf
die Straßen gingen, behauptete
die Regierungschefin Hong-
kongs, dass wir keine Rolle in
der Gesellschaft spielen und
verurteilte immer wieder Ge-
walt durch Demonstranten.
Wir stehen Schlagstöcken,
Pfefferspray, Tränengas sowie
Bean-Bag- und Gummige-
schossen gegenüber, die auf
die Köpfe der Demonstranten
gerichtet sind.
In den letzten drei Monaten
sind mehr als 1200 von ihnen
verhaftet und angeklagt wor-
den, wobei die Polizei brutale,
exzessive Gewalt anwendete.
Mehrere Hongkonger nahmen
sich das Leben, um ihre Hinga-
be an die Sache zu demons-
trieren. Zwei junge Berufs-
tätige verloren einen Teil ihrer
Sehkraft aufgrund von Polizei-
brutalität. Demonstrantinnen
sagen, dass die Polizei mit
sexueller Gewalt gegen sie
vorgegangen ist. Das sind nur
die blanken Zahlen, aber das
sind Freunde und Familien, die

wir lieben, und um die wir uns
sorgen. Wenn man gesehen
hat, wie Freunde gestorben
sind, wie Familien verletzt
wurden und dass der Preis so
hoch und unwiederbringlich
ist, ist Carrie Lams Rückzieher
bei Weitem nicht genug.
Wenn wir jetzt aufhörten zu
protestieren, könnte niemand
Präsident Xi Jinping sowie
Carrie Lam und ihre Regierung
für ihre Missetaten, Menschen-
rechtsverletzungen und Poli-
zeibrutalität zur Verantwor-
tung ziehen. Das ist der Grund,
weshalb wir unseren Kampf
fortsetzen. Wir glauben, das ist
bloß Taktik, um sich Zeit zu
kaufen und vor dem chinesi-
schen Nationalfeiertag – d. h.
dem 1. Oktober – die Illusion
eines Friedens zu erwecken.
Wenn wir jetzt aufhören und
sie Erfolg haben lassen, könnte
die internationale Aufmerk-
samkeit für das Problem ab-
nehmen und die politische
Krise könnte andauern. Lassen
Sie mich klarstellen: Wir ste-
hen jetzt zwischen der freien
Welt und Chinas Diktatur.
Wenn wir in einem neuen
Kalten Krieg leben, so ist
Hongkong das neue Berlin.
Hongkong ist jetzt das
Schlachtfeld für zwei sehr
verschiedene, gegensätzliche
Ideologien: Freiheit, Demokra-
tie und Menschenrechte gegen
eine Diktatur, die die Grund-
rechte nicht achtet.

Ich hoffe einfach, dass die
Welt verstehen wird, dass die
Menschen in Hongkong die
Demokratie verdienen. Wir
setzen unseren Kampf mit
unserem Motto fort: „Stand
with Hong Kong!“ (steht auf
Hongkongs Seite). Das ist aber
mehr als ein bloßer Slogan.
Wir drängen die freie Welt,
uns im Widerstand gegen das
autokratische chinesische
Regime beizustehen. Wir
Hongkonger tragen diesen
schweren Kampf nicht nur für
uns selber aus. Er betrifft uns
und die Welt gleichermaßen.
An dieser Stelle möchte ich Sie
alle bitten, meinen Hong-
konger Mitbürgern beizuste-
hen und auf Hongkongs Seite
zu stehen. Was ich als Hong-
kongs Sieg betrachte, wäre ein
Sieg für die freie Welt. Es ist
ein schwerer Kampf gegen den
Präsidenten, den ich jetzt
Imperator Xi nenne.
In diesem Kampf sind wir
wie David gegen Goliath. Wir
werden den Kampf bis zu dem
Tag fortsetzen, an dem es freie
Wahlen gibt, denn die Hong-
konger sind diejenigen, die
ganz vorne stehen im Kampf
gegen eine autoritäre Herr-
schaft und sich der Unterdrü-
ckung durch Imperator Xi
widersetzen. Ich hoffe, dass
dieser Tag kommen wird und
wir erfolgreich sein werden.
Danke für Ihre Unterstüt-
zung. (QUELLE: BILD)

Auf dem Reichstag: Aktivist Joshua Wong mit Deutschlands Außenminister Heiko Maas. Dieses Treffen verurteilt China scharf


JOSHUA WONG VIA REUTERS

/JOSHUA WONG

DIE WELIE WELIE WELTKOMPAKTTKOMPAKT MITTWOCH, 11. SEPTEMBER 2019 FORUM 15

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