ALAN RIDING / NYT / REDUX / LAIF
Schriftsteller Grass 2003: »Er kann nur noch Selbstmord begehen«E
s war ein Kampf bis zuletzt. Ein
Kampf um Leben und Tod, ob-
wohl er meist nur auf dem Papier
stattfand und in den letzten Jah-
ren auch im Fernsehen. Worauf er noch
warte, wurde Marcel Reich-Ranicki gegen
Ende seines Lebens einmal gefragt, nach-
dem Grass ein Gedicht über den Staat
Israel geschrieben hatte, der, so Grass,
den Weltfrieden bedrohe. »Auf die Nach-
richt vom Tod von Günter Grass«, hat er
da gesagt.
Und ein paar Jahre zuvor, kurz bevor
er hier im SPIEGELseinen berühmtesten
Verriss schrieb, über den Grass-Roman
»Ein weites Feld«, mit ihm, dem Kritiker,
als wütendem Buchzerreißer auf dem Titel
(34/1995), hat er dem Redakteur Volker
Hage am Telefon gesagt: »Was wird er ma-
chen nach all den vernichtenden Kritiken?
Er kann nur noch Selbstmord begehen
oder zu einem Gegenschlag ausholen: ei-
nem Pamphlet gegen die Kritik.«
Selbstmord oder Gegenschlag. Günter
Grass brachte sich nicht um. Er lebte nach
dem Tod des Kritikers im September 2013
noch mehr als anderthalb Jahre. Und tri-
umphierte nach seinem eigenen Tod in ei-
nem posthum veröffentlichten Gedicht
über »telegene Scharfrichter, denen – ihr
ahnt es – das letzte Wort versagt bleibt«.
Titel des Gedichts: »Mit langem Atem«.
Dies ist die Geschichte einer Feind-
schaft, die zwischendurch beinahe eine
Freundschaft war. Eine Ehe hat Günter
Grass die Beziehung der beiden zueinan-
der immer wieder genannt, eine Zwangs-
ehe, für die das deutsche Scheidungsrecht
leider keine Trennungsmöglichkeit vor -
sehe. Sie haben einander öffentlich be-
kämpft, gehasst, geliebt, viele, viele Jahre
lang. Sie haben ihre Kämpfe zur Unterhal-
tung des Publikums vor aller Öffentlich-
keit ausgetragen, sie waren das sonderbare
Zwillingspaar der deutschen Nachkriegs-
literatur. Ihr berühmtester Dichter und ihr
berühmtester Kritiker. Der SS-Mann und
der Jude. Aneinandergekettet durch die
Geschichte, ihre Herkunft, die Bedeutung,
die sie einander verliehen, die Größe, die
sie in dem anderen erkannten, die bedin-
gungslose Liebe zur Literatur, die Angst
voreinander. Ihren Größenwahn. Ihre
Lautstärke. Und ihr Schweigen.
Beide waren weit im Osten auf die Welt
gekommen, Marcel Reich-Ranicki 1920 in
Włocławek in Polen, Günter Grass 1927
etwas weiter nördlich, in Danzig, damals
eine »Freie Stadt« mit mehrheitlich deutsch-
sprachiger Bevölkerung.
Ihre Mütter hießen beide Helene, beide
Jungs verehrten ihre Mutter abgöttisch
und verachteten den Vater. Die Familien
standen stets kurz vor dem Bankrott, Mar-
cels Vater war Unternehmer mit märchen-
haften Misserfolgen. Seine Frau sagte über
ihn: Wenn er Särge verkaufen würde, wür-
den die Menschen aufhören zu sterben.
Auch der Kolonialwarenladen der Fa-
milie Grass ging mit den Jahren schlechter.Der kleine Günter wurde immer freitags
zu den Schuldnern geschickt, um Geld ein-
zutreiben.
Marcel war neun, als der Bankrott sei-
ner Familie endgültig war. Der kleine pol-
nische Junge wurde ohne Eltern mit dem
Zug nach Berlin geschickt, zur Familie ei-
nes Bruders der Mutter. Er hatte keine
Angst. Seine Mutter hatte ihm sein ganzes
bisheriges Leben lang von Deutschland,
den Deutschen und der deutschen Kultur
vorgeschwärmt. Und von Berlin. Es konn-
te nur traumhaft werden.100KulturDas Duell
LiteraturSie waren enge Freunde und erbitterte Feinde. Die Hassliebe zwischen Günter Grass
und Marcel Reich-Ranicki prägte die Kultur der Bundesrepublik. Von Volker Weidermann