an Bedeutung verlieren wird. In China treten
KI-Computer bereits zu Wettbewerben gegen
Mediziner an – und gewinnen regelmässig.
Schlaue Städte. Der Bildschirm ist so gross wie
eine Hauswand. Überall flimmern Videos,
leuchten Karten, blinken Kurven und Dia-
gramme. Verkehrsströme, Energieverbrauch,
Luftqualität – das ganze Leben der Stadt in
Echtzeit. «Man fühlt sich wie in der Komman-
dozentrale der Nasa», sagt Felix Kamer.
Der Zürcher ist Manager beim Telekom-
munikationsriesen Huawei. 2018 lebte er im
chinesischen Shenzhen und erlebte den
Aufbau des Smart City Center mit, des digi-
talen Kontrollzentrums der Metropole. Intel-
ligente, mit Sensoren ausgestattete und mit
dem Internet verbundene Ampeln, Müll-
container und U-Bahn-Zugänge erfassen alle
Daten, die in der Stadt anfallen.
Im Smart City Center fliessen sie
zusammen, Computer werten sie
aus und leiten daraus die optimale
Steuerung ab. Ampeln richten
sich nach dem prognostizierten
Verkehrsaufkommen, die Routen
der Müllabfuhr nach dem Füll-
stand der Container.
Alles optimiert – und voll über-
wacht: Shenzhen hat ein Punkte-
system eingeführt, das Bürger für
alle ihre Handlungen belohnt
oder bestraft. Wer sich etwa um
alte Leute kümmert, kommt zu
mehr Punkten und so leichter
zu Krediten oder einem Visum;
wer Rechnungen nicht zahlt, wird
öffentlich angeprangert.
«Smart» werden will auch die
Schweiz. Fast jede Stadt erstellt
zurzeit ein Smart-City-Konzept.
Wädenswil ZH etwa testet den
«intelligenten Lichtmast». Der
leuchtet nur, wenn es nötig ist,
liefert Strom für Elektroautos, misst den Ver-
kehrsstau und sammelt Daten zu Lärm und
Luftqualität. Zudem ist er ein WLAN-Hotspot.
Überwachung und Kontrolle seien ein
zentrales Element des Smart-City-Konzepts,
sagen Kritiker. In Deutschland verliehen ihm
Datenschutzorganisationen darum den Big
Brother Award. Der niederländische Architekt
Rem Koolhaas schrieb in einem Positions-
papier an die EU-Kommission: «Bürger, denen
die Smart City zu dienen vorgibt, werden wie
Kinder behandelt. Wir sind gefütterte, niedli-
che Icons des urbanen Lebens, ausgestattet
mit harmlosen Geräten, kohärent in angeneh-
men Diagrammen, wo die Bürger und Geschäf-
te von mehr und mehr Dienstleistungen um-
geben sind, die Kontrollblasen kreieren.»
«Wie die technischen Möglichkeiten in
einer Smart City angewendet werden, ist eine
politische Frage», entgegnet Stephan Haller,
der an der Berner Fachhochschule zu Smart
Citys forscht. In der Schweiz wolle man die
Städte durch Digitalisierung und künstliche
Intelligenz eigentlich bürgernäher machen.
Daten seien unerlässlich, um eine urbane
Gesellschaft zu organisieren. Personalisierte
Daten seien aber meist nicht nötig, so Haller.
«Ob der Sensor am intelligenten Lichtmast nur
die Fahrzeuge zählt oder die ganze Strasse
videoüberwachen soll, müssen wir offen dis-
kutieren.» Wie im Gesundheitsbereich könne
man die Information vom Absender trennen.
Haller fürchtet sich weniger vor einem
Polizeistaat als vor einer Stimmbevölkerung,
die aus Angst vor Datenmissbrauch Smart-
City-Projekte beerdigen könnte. «Damit wür-
den wir uns viele Chancen verbauen.»
Bedenken will er mit Transparenz und Bür-
gerbeteiligung zerstreuen. Vorbild sei Estland,
der wohl am meisten digitali sierte
Staat Europas. Dort hat jeder
Bürger ein Konto mit seinen Daten
mit klar geregelten Zugriffsrech-
ten. Er kann sehen, welche Behör-
de seine Daten einsieht, und sie
zur Rechenschaft ziehen. Uner-
laubte Zugriffe werden bestraft.
Für Haller ist die Smart City
sogar eine Möglichkeit, die Daten-
hoheit von den Techfirmen wie-
der stärker in den Rechtsstaat
zurückzuholen. Meist passiert
aber genau das Gegenteil. Wie in
Toronto. Dort verwandelt Googles
Mutterfirma Alphabet im Allein-
gang das Waterfront-Viertel in
eine Smart City.
Ohne Zusammenarbeit mit
privaten Firmen gehe es nicht,
sagt Haller. Aber die Datenhoheit
müsse jederzeit beim Staat sein,
auch wenn dadurch die Entwick-
lung der Smart City langsamer
verlaufe und die Kosten steigen.
Was ist der Preis? Aber wollen wir überhaupt
künstlich intelligente Städte? Wollen wir,
dass Programme uns Entscheidungen abneh-
men – bloss weil sie besser sind? Was müssen
wir hergeben, damit wir immer grüne Welle
haben, immer sofort einen Parkplatz finden
und stets die aktuellen Stickoxid-Werte aufs
Handy geliefert bekommen?
Bei der Verleihung des deutschen Big
Brother Award wurde deshalb gewarnt: «Das
Schlaraffenland ist nicht das Paradies. Es
macht satt, aber nicht glücklich. [...] Wir brau-
chen den Zufall, das Andere, das Unbekannte,
die Überraschung, die Herausforderung, um
zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Wir
müssen uns als Menschen frei entscheiden
können, und es muss uns möglich sein, Fehler
zu machen. Wie anders sollten wir unseren
‹Moral-Muskel› trainieren?»
Lesen Sie zum Thema auch
das Interview mit Ethikerin
Effy Vayena auf Seite 20.
Künstlich
intelligente
Schweiz
Die Schweiz sei ein Dritt
weltland, wenn es um «Big
Data» gehe: Urs Meyer,
emeritierter Professor für
Pharmakologie an der Uni
Basel, kritisierte das vor
drei Jahren. Was Ankündi
gungen betrifft, braucht
sich die Schweiz inzwischen
nicht mehr zu verstecken.
Der Bundesrat will noch im
Herbst informieren, wie die
Schweiz künstliche Intelli
genz und die Entwicklung
von Smart Citys unter
stützen soll. Bereits Anfang
September wird Bundes
präsident Ueli Maurer in
Genf zusammen mit Expo
nenten aus Wirtschaft und
Forschung den Grundstein
für eine Organisation legen,
die sich mit ethischen Fra
gen rund um die Digitali
sierung befasst.
Wenn es um Forschung und
Publikationen im Bereich
Neurowissenschaften und
künstliche Intelligenz geht,
gehört die Schweiz schon
heute zur Spitze. Wissen
schaftler und Politiker um
den Neurobiologen und
Unternehmer Pascal Kauf
mann fordern jetzt eine
Bündelung der Kräfte. Zürich
soll nach ihren Vorstellungen
ein Zentrum für künstliche
Intelligenz werden.
PETER JOHANNES MEIER
«Ohne
Zusammen
arbeit mit
privaten
Firmen geht
es nicht.
Aber die
Daten hoheit
muss beim
Staat sein.»
Stephan Haller, forscht
zum Thema Smart Citys
FOTO: PRIVAT