Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

FOTO: GÉRARD JULIEN/AFP


D


ie Methode ist immer dieselbe
und wurde dem Taxivermittler
Uber abgeschaut: Erst Knall
auf Fall handeln, dann schauen, was
geschehen ist, wenn der Rauch sich ver-
zogen hat. So gingen auch Start-ups wie
Lime und Bird in Schweizer Städten vor.
Über Nacht verstellten sie Trottoirs und
Plätze mit Hunderten von E-Trottinet-
ten und lobten sich als hippe Vorreiter
umweltfreundlicher Mobilität. Doch
kaum häuften sich die Probleme, hüllte
man sich in Schweigen. Zurück blieben
Verluste, Verletzte und Fragen.

Tödlicher Unfall. In der Schweiz wurde
der US-Anbieter Lime bisher nicht
glücklich. Kaum hatte er Mitte letzten
Jahres die Städte Basel und Zürich mit
550 giftgrünen E-Scootern bestückt,
vermeldete das Nachrichtenportal
«Watson» erste schwere Unfälle. Bei vol-
ler Fahrt blockierte die Vorderbremse,
die Passagiere landeten kopfvoran auf
der Strasse und dann im Spital.
Sechs Monate nach dem Start zog
Lime alle Geräte wieder ein. Unfälle wie
in Baar ZG, Genf und Winterthur und ein
Todesfall in London sind für Verleiher
ein Desaster. Sie stellen die Sicherheit
auf den wackeligen Gefährten mit ihren
kleinen Rädchen in Frage und könnten
dazu führen, dass E-Flitzer völlig aus
der Schweiz verschwinden. Lime be-
antwortete die Fragen des Beobachters
mit einem einzigen Satz: «Wir sind da-
bei, unseren Relaunch vorzubereiten.»
Verschlossen gibt sich auch Bird,
eine weitere US-Firma. Bird unterhalte
400 E-Trottinette in Zürich und 100 in
Winterthur und sei «glücklich über die
Akzeptanz und die Nutzung von Bird in
der Schweiz». Kein Wort zur Lebens-
dauer der angeblich ökologischen Fahr-
zeuge aus China.
Gemäss einer Studie im amerikani-
schen Louisville wird ein Bird-Flitzer der
ersten Generation 28 Tage alt und wird
im Durchschnitt 92-mal genutzt. Dann
ist das Teil mit seiner kiloschweren
Lithiumbatterie defekt, unter dem Ge-
wicht der Nutzer zusammengebrochen,
verrottet im Fluss, wurde zerstückelt

oder verbrannt, wie der Instagram-
Account «Bird Graveyard» hundertfach
dokumentiert. Geld lasse sich jedenfalls
keines verdienen, errechnete das Ma-
gazin «Quartz» im März, Bird verbrenne
mit jedem E-Flitzer fast 300 Dollar. Im
Juli hielt der Bird-Gründer dagegen, er
verdiene an jeder Fahrt USD 1.27. Bird
gilt als Superstar der Branche und wird
mit zwei Milliarden Dollar bewertet.
Vandalismus ist auch in der Schweiz
ein Problem, gemäss den Verleihern
aber kein so grosses wie in anderen
Ländern, wo Scooter reihenweise zer-
schmettert werden. Mitte Juni fischten
Taucher der Stadt Zürich innert weniger
Stunden zehn E-Trottinette aus dem
See, und in Basel zog die Polizei weitere
zehn E-Flitzer aus dem Rhein. Für den
deutschen Verleiher Circ bewegt sich
der Vandalismus in der Schweiz «in
überschaubarem Rahmen». Voi aus

Schweden kennt «vereinzelte Fälle»; die
deutsche Firma Tier hat damit «kein
Problem in der Schweiz» und weist
darauf hin, dass ihre 700 Fahrzeuge
in Basel und Zürich «deutlich länger
standhalten», mehrere Monate statt die
viel zitierten 28 Tage.

21 Anbieter. Dass die E-Roller ein Ge-
schäft sind, müsse die Branche noch
beweisen, sagt Circ-Chef Lukasz Gadow-
ski. «Das geht nicht, wenn 20 Anbieter
miteinander konkurrieren.» In Madrid
sind es sogar 21, die zum Ärger der An-
wohner die piepsenden E-Mobile nachts
einsammeln und mit benzinbetriebe-
nen Autos neu verteilen. Am Ende wer-
den sich pro Stadt ein bis drei Anbieter
den Markt teilen, schätzt Gadowski. Bis
die Konkurrenten pleite sind, werden
also eher noch mehr als weniger Trottis
die Trottoirs verstellen. RENÉ AMMANN

E-TROTTIS. Sie sind weder grün noch nachhaltig. E-Trottinette verursachen Unfälle
und Verluste. Sogar Anbieter erwarten erste Pleiten.

Ein wackeliges Geschäft


28


Tage alt wird ein E-Trottinett im Schnitt
und wird 92-mal genutzt. Dann ist das Teil
mit seiner kiloschweren Batterie defekt.
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