Frankfurter Allgemeine Zeitung - 31.08.2019

(Jeff_L) #1

SEITE 10·SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202 Zeitgeschehen FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


D


er Beginn des Zweiten Welt-
kriegs am 1. September 1939
war über mehrere Jahrzehnte
tief im Gedächtnis der Deutschen veran-
kert. Der Bevölkerung war damals, nur
gut zwei Jahrzehnte nach dem Ersten
Weltkrieg, im Gegensatz zu den heuti-
gen Generationen noch sehr bewusst,
was Krieg bedeutet. Anders als in den
Julitagen 1914 herrschte 1939 keine Eu-
phorie in Deutschland. Abgesehen von
einigen überzeugten Nazis, die die Er-
oberung von „Lebensraum im Osten“
kaum abwarten konnten, überwogen in
der Breite der Bevölkerung Skepsis und
Angst.
Diese Gefühle aus dem Jahr 1939 wur-
den auch viele Jahre nach dem Krieg
noch thematisiert. Diente diese Erzäh-
lung doch auch dazu, sich im Nach-
hinein damit zugleich als schon damals
den Nazis gegenüber distanzierter
Mensch darzustellen. Historisch ist die-
se Gleichsetzung von Angst vor einem
neuen Krieg und Distanz oder gar Ab-
lehnung der neuen Machthaber aller-
dings nicht haltbar.
Auch ins deutsche Familiengedächt-
nis hat sich der 1. September 1939 ein-
gebrannt und ist dort in gewisser Hin-
sicht bis heute präsent. Mit dem wach-
senden zeitlichen Abstand fehlt zwar
bei heute jungen Menschen ein emotio-
naler Bezug zum Zweiten Weltkrieg,
doch Erzählungen vom Opa, der einge-
zogen wurde, vom Großonkel, der „im

Krieg geblieben ist“, oder vom Großva-
ter, der erst 1952 aus der Kriegsgefan-
genschaft heimkehrte, haben sich über
Generationen bewahrt. Die Schoa hat
hingegen im deutschen nichtjüdischen
Familiengedächtnis keinen systemati-
schen Platz, wie der Soziologe Harald
Welzer erforscht hat. Heute kommt sie
auf der Täterseite als Teil der Familien-
geschichte so gut wie gar nicht mehr
vor.
Für die deutschen Juden sortierten
sich der Überfall auf Polen und die kurz
darauf erfolgten Kriegserklärungen von
Großbritannien und Frankreich gegen
Deutschland schon aus damaliger Sicht
anders ein als für die nichtjüdische Be-
völkerung. Der September 1939 wurde
weniger als Beginn wahrgenommen,
sondern vielmehr als weiteres, zutiefst
gefährliches Ereignis in der längst von-
stattengehenden Verfolgung, allerdings
verbunden mit der Hoffnung, die West-
mächte könnten Hitler-Deutschland
rasch besiegen.
Seit den Novemberpogromen von
1938 hatten auch die letzten Juden, die
bis dahin noch in tiefem Patriotismus
an die deutsche Kulturnation geglaubt
hatten, begriffen, dass sie in Deutsch-
land keine Zukunft haben würden. Mit
Kriegsbeginn saßen die Juden in
Deutschland und einigen angrenzen-
den Staaten jedoch in der Falle, wie es
der Historiker Michael Brenner be-
schrieben hat. Die Grenzen schlossen

sich. Eine Emigration, die schon zuvor
aufgrund der hohen inländischen Aufla-
gen wie etwa der „Reichsfluchtsteuer“
und restriktiver Einreisebestimmungen
anderer Staaten sehr schwierig gewe-
sen war, wurde jetzt fast unmöglich.
Für die Juden in Polen begann mit
dem deutschen Überfall auf ihr Land
die radikale Verfolgung. Auch Juden,
die in Frankreich, Belgien und in den
Niederlanden lebten oder dorthin ge-
flüchtet waren, waren alsbald unter
deutscher Besetzung der Verfolgung aus-
gesetzt. „Der Zweite Weltkrieg war ein
Krieg, der zahlreiche Opfer von vielen
Seiten forderte. Vor allem aber war er
ein Krieg gegen die Juden“, schrieb Mi-
chael Brenner vor einigen Jahren.
Die Stufen der Verfolgung und Ver-
nichtung der europäischen Juden waren
eng mit dem Kriegsverlauf verknüpft.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs am


  1. September 1939 ist daher auch für die
    Geschichte des Holocausts ein entschei-
    dendes Datum.
    Heute, 80 Jahre später, sind wir hinge-
    gen mit einem Phänomen konfrontiert,
    das vor diesem Hintergrund schon fast
    kurios erscheint: In Sorge vor den Fol-
    gen des Brexits beantragen immer mehr
    britische Juden mit deutschen Vorfah-
    ren die deutsche Staatsangehörigkeit.
    Es ist nicht etwa so, dass sie plötzlich
    eine tiefe Liebe zu dem Land entwickelt
    haben, das ihre Eltern ausgebürgert
    oder in die Flucht getrieben hatte, son-


dern dass sie den Pass eines EU-Staates
haben wollen.
Was zeigt uns diese erstaunliche Ent-
wicklung? Sie verdeutlicht zum einen
ein gewisses Vertrauen, das diese briti-
schen Juden dem heutigen Deutschland
entgegenbringen. Zum anderen wird die
Europäische Union offenbar als Garant
für Frieden und Sicherheit wahrgenom-
men.
Das ist bemerkenswert in einer Zeit,
in welcher der Nationalismus in Europa
wächst und in vielen europäischen Staa-
ten offenbar zunehmend vergessen
wird, dass Frieden nicht selbstverständ-
lich ist. Und in einer Zeit, in der sich in
Deutschland Juden wieder stärker be-
droht fühlen als viele Jahrzehnte zuvor
und das Land aufpassen muss, nicht
nach rechts außen abzudriften.
Der 80. Jahrestag des Kriegsbeginns
sollte europaweit zum Innehalten füh-
ren. Es gilt zu fragen, ob wir uns noch
auf dem richtigen Weg befinden. Und es
gilt, den nachfolgenden Generationen
die ganze Dimension dieses Krieges zu
vermitteln, in dem 60 Millionen Men-
schen zu Tode kamen und in dem die eu-
ropäischen Juden Opfer eines Völker-
mords von singulärem Ausmaß wurden.
Diese Vermittlung ist notwendig, damit
Generationen in unserem Land auf-
wachsen, die das Verantwortungsbe-
wusstsein haben, das wir für ein friedli-
ches Europa brauchen.
Der Autor ist Präsident des Zentralrates der
Juden in Deutschland.

W


ie schwer es sein wird für die
AfD, den Weg der Läuterung zu
gehen, zeigt sich in Schleswig-Holstein
und Brandenburg. In Kiel gibt es einen
Landesvorstand, der an einer Vorsitzen-
den festhält, die das Bundesschiedsge-
richt aus der Partei ausgeschlossen hat.
Geht es noch absurder? Ja: In Potsdam
schickt sich ein rechtsradikaler Wolf im
Schafspelz an, seine Partei zur stärks-
ten des Landes zu machen, und stellt
sich in die Tradition Willy Brandts. Kal-
bitz und Sayn-Wittgenstein mögen dem
Ansehen der AfD so schaden wie Hö-
cke. Doch wirklich zu beeindrucken
scheinen Tabubrüche und Skandale der
Partei nur Wähler in Westdeutschland.
Im Osten dagegen ist die Mentalität,
den etablierten Parteien einen „Denk-
zettel“ zu verpassen, so verbreitet, dass
im Namen einer freiheitlich-demokrati-
schen Kultur genau diese mit Füßen ge-
treten wird. Einen klaren Weg zur Rück-
eroberung abgewanderter Wähler kön-
nen die Adressaten des Protests nicht
vorweisen. Die einfachste Erklärung:
Die Wähler seien ja gar nicht mehr er-
reichbar. Das ist eine Entschuldigung
dafür, dass sie es schon gar nicht mehr
wollen. Auch das: absurd. kum.


A


uch dieser „Erfolg“ hat viele Vä-
ter. Fest steht einstweilen nur,
dass der Tagebau Jänschwalde vorerst
nicht weiterbetrieben werden darf.
Das war freilich schon so entschieden



  • und nun hat das Verwaltungsgericht
    Cottbus den Antrag der Lausitzer Ener-
    gie Bergbau AG auf Aufschub des Tage-
    baustopps abgelehnt. Eine Verlänge-
    rung liefe nach Ansicht des Gerichts
    darauf hinaus, dass hier gegen zwingen-
    des Recht verstoßen werde – es fehle
    an der Umweltverträglichkeitsprü-
    fung. Aus Sicht des Landes wiederum
    war es nicht möglich, diese Prüfung in-
    nerhalb der vom Gericht gesetzten
    Frist abzuschließen. Kläger waren die
    Umwelthilfe und die „Grüne Liga“.
    Das muss nicht das letzte Wort sein.
    Und es geht auch nicht nur um den
    Schutz der Moor- und Feuchtgebiete,
    sondern auch um das Schicksal der
    Menschen in der Region, die zufällig
    am Sonntag ihre Stimme abgeben kön-
    nen. Die Umwelthilfe sieht sich als auf-
    rechte Kämpferin für das allgemeine
    Wohl – aber auch sie ist ein scharfzün-
    giger Lobbyverein. Darüber kann sich
    die Politik, die ihr Raum gegeben hat,
    kaum beklagen. Mü.


E


s ist richtig, dass der amerikani-
sche Präsident Donald Trump
nicht den Abzug aller amerikanischen
Soldaten aus Afghanistan in Aussicht
stellt. Vielmehr will er nach einer Eini-
gung mit den Taliban ihre Zahl nur um
ein Drittel reduzieren. Denn eine ame-
rikanische Militärpräsenz wird weiter-
hin für den Kampf gegen den Terror ge-
braucht. Vor zwei Wochen hat ein ver-
heerender Anschlag des „Islamischen
Staats“ auf eine Hochzeitsfeier in Ka-
bul gezeigt, dass der Terrorismus in Af-
ghanistan noch immer eine Heimat
hat. Leicht könnten aus dem Land An-
schläge auch in westlichen Staaten ge-
plant werden. Washington verzichtet
zudem auf die Nennung von Abzugster-
minen, da die Taliban dann nur abwar-
ten müssten, um ihr Emirat wiederzu-
errichten. Der Abzug soll stattdessen
schrittweise erfolgen und an Bedingun-
gen geknüpft sein, etwa an die Men-
schenrechte. Denn sollten die Taliban
ihre archaische Herrschaft wiederer-
richten, wäre eine neue große Flücht-
lingswelle aus Afghanistan die Folge.
Die amerikanische Militärpräsenz in
Afghanistan nutzt damit in erhebli-
chem Maß auch Europa. Her.


Bald wird er im ganzen Klub das sein,
was er als Spieler auf dem Platz immer
war: die oberste Instanz des FC Bayern
München. Oliver Kahn, von 1994 bis
2008 die Nummer eins im Tor des deut-
schen Rekordmeisters, soll nach zwei
Einarbeitungsjahren vom 1. Januar
2022 an Vorstandsvorsitzender des
größten deutschen Fußballklubs und
damit Nachfolger von Karl-Heinz Rum-
menigge werden. Nach seiner sport-
lichen Karriere mit acht deutschen
Meisterschaften, sechs Pokalsiegen,
einem Champions-League-Triumph
(2001) und dem Uefa-Pokal-Gewinn
1996 hat Kahn seine zweite Laufbahn
ebenso zielstrebig, energiegeladen und
willensstark in Angriff genommen. Der
Mann, der sich im Tor der Bayern und
der deutschen Nationalmannschaft (
Länderspiele) den Spitznamen „Titan“
erarbeitete, studierte zwischen 2009
und 2011 „General Management“ mit
dem Abschluss „Grand Master of Busi-
ness Administration“. Danach gründe-
te er eigene Unternehmen. Wirkte
Kahn als Fußballprofi jahrelang beses-
sen von seiner Mission, Tore zu verhin-
dern, so eignete er sich als Gründer ei-
gener Firmen wie „Goalplay“, eines On-
line-Portals für Torhüter mit verschie-
denen Angeboten, eine analytische
Klarheit und Freiheit des Denkens an,
die ihm auch bei seiner Tätigkeit als
Fußballexperte des ZDF zugutekam.
Der schon immer zur Selbstironie
neigende, mittlerweile fünfzig Jahre
alte Kahn zeigte sich mehr und mehr
als reife Persönlichkeit. Schritt für
Schritt hat er sich mit seinen Erfolgen
auf dem zweiten Karriereweg wieder in
den Fokus der Bayern gearbeitet, so
dass sich deren langjährige Vormänner
Uli Hoeneß und Rummenigge davon
überzeugen ließen, dass Kahn der rich-
tige Mann für den überfälligen Genera-
tionswechsel sei. Schließlich ist der drei-
malige Welttorhüter in dem Klub, mit
dem er „tief verbunden“ ist und der
sein „Leben sehr stark geprägt hat“, ein
Großer seines Sports geworden. Begon-
nen hatte Kahns Karriere einst beim
Karlsruher SC, wo er mit jugendlichen
Großtaten im Tor auf sich aufmerksam
gemacht hatte.
Wie Hoeneß, der im November sein
Präsidentenamt bei den Bayern zuguns-
ten des früheren Adidas-Vorstandsvor-
sitzenden Herbert Hainer aufgibt, be-
sitzt auch Kahn eine natürliche, den
Menschen zugewandte Autorität. Hoe-
neß, der sich auch vom Aufsichtsrats-
vorsitz der Münchner trennt, wohl aber
ein Aufsichtsratsmandat bis 2023 behal-
ten wird, dürfte auch in Zukunft ein
Mentor Kahns bleiben. Vorstandschef
Rummenigge, noch knapp zwei Jahre
in Amt und Würden, wird klug genug
sein, seinem Nachfolger in dieser Zeit
mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ein
geborener Anführer ist der fünfzig Jah-
re alte Oliver Kahn erwiesenermaßen
jetzt schon. Dass er bald zum großen
Steuermann des erfolgreichsten deut-
schen Klubs wird, mutet bei den Bay-
ern, die ihre besten, über den Tag hin-
ausdenkenden Spieler schon immer
gern an sich gebunden haben, wie eine
konsequente Fortsetzungsgeschichte
an. ROLAND ZORN

Absurd


Oliver KAHN Foto Sven Simon


D


ie Truppe marschierte schwei-
gend, ohne ein Lied! Auch an den
Bürgersteigen stand man still mit
sorgenvollen Gesichtern; nur hier und da
wurde ein Zuruf laut.“ So schrieb der
Frontoffizier Erich Mende über den 1.
September 1939. Mende, später mit dem
Ritterkreuz ausgezeichnet, wurde nach
dem Krieg FDP-Vorsitzender und Vize-
kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Auch der spätere Bundespräsident Ri-
chard von Weizsäcker war als Soldat beim
Einmarsch in Polen dabei, sein Bruder
Heinrich fiel einen Tag später in der Tu-
cheler Heide. Diese Generation kannte
den Ersten Weltkrieg nicht mehr aus eige-
nem Erleben, aber: „Wir hatten von den
lauten und lärmenden, fröhlichen Szenen
bei Kriegsausbruch im August 1914 ge-
hört und manche Bilder davon gesehen.
Diesmal sah es ganz anders aus! Keine
Marschmusik, keine jubelnden Men-
schen, keine demonstrative Begeiste-
rung...“ schrieb Mende. Der Krieg war
auch ein anderer – auch wenn das in der
Memoirenliteratur kaum vorkommt.
Wenn von Verbrechen die Rede war, dann
waren das die „Anderen“, wie der Sani-
tätsoffizier und spätere Schriftsteller Pe-
ter Bamm sie nannte. Er schrieb über das
große Morden an der Ostfront aber auch:
„Wir wussten das. Wir taten nichts.“
Noch am letzten Augusttag hatte Hitler
den britischen Botschafter einbestellt und
für die Zeit nach einem deutschen Sieg
über Polen eine Aufteilung der Welt in In-
teressensphären und eine deutsche Garan-
tie für das britische Weltreich in Aussicht
gestellt. Deutschland sei nur an einer
„Grenzkorrektur“ im Osten interessiert;
im Westen bilde der Westwall die „endgül-
tige Reichsgrenze“. Nach dieser Audienz
gab Hitler den Befehl zum Angriff auf Po-
len. Danach empfing er den französischen
Botschafter, um ihm mitzuteilen, dass
Frankreich Elsass-Lothringen behalten
dürfe, wenn es auf ein Eingreifen zuguns-
ten Polens verzichte. Kurz darauf erfuhr
Hitler, dass in London der schon angekün-
digte britisch-polnische Beistandsvertrag
unterzeichnet worden war.
Als „Reaktion“ auf den von deutscher
Seite fingierten Überfall „polnischer Ban-
den“ auf den Sender Gleiwitz eröffnete
am frühen Morgen des 1. September im
Danziger Hafen die „Schleswig-Holstein“
das Feuer auf die polnische Festung der

Westerplatte, während zugleich zwei deut-
sche Heeresgruppen in Polen einfielen.
Hitler nannte vor dem Reichstag fälschli-
cherweise 5.45 Uhr (statt 4.45 Uhr) als
Zeitpunkt, von dem an „zurückgeschos-
sen“ werde. Am Abend übergaben der bri-
tische und der französische Botschafter in
Berlin gleichlautende Warnungen: Beide
Staaten kämen ihren Bündnisverpflichtun-
gen nach, falls sich die deutschen Truppen
nicht sofort aus polnischem Gebiet zurück-
ziehen würden. Doch wurde das im Wes-
ten entblößte Deutschland nicht angegrif-
fen, so dass Hitler – im Verein mit Stalin –
Polen besiegen und einen beispiellosen
Völkermord ins Werk setzen konnte. Etwa
sechs Millionen Polen wurden getötet, dar-
unter zahlreiche Juden. Gleich der erste
Angriff der deutschen Luftwaffe machte
die Stadt Wielun, in der nun am 1. Septem-
ber die Gedenkfeierlichkeiten beginnen,
nahezu dem Erdboden gleich.
Ein Angriffskrieg war schon zu jener
Zeit geächtet. Krieg galt seit dem Briand-
Kellogg-Pakt von 1928 als völkerrechts-
widrig. Angesichts der ungeheuren Greu-
el, die von Deutschen während des Zwei-

ten Weltkriegs begangen worden sind, er-
fuhr das Völkerrecht nach 1945 in den
Nürnberger Prozessen gegen die NS-
Hauptkriegsverbrecher eine Erweiterung:
die individuelle Strafbarkeit. Damit wurde
die Grundlage geschaffen, auf der später
Völkermord, Verbrechen gegen die
Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in
anderen Konflikten geahndet wurden,
etwa durch den Internationalen Strafge-
richtshof für das ehemalige Jugoslawien,
der während des Balkan-Krieges 1993 ge-
gründet wurde, und später durch den stän-
digen Internationalen Strafgerichtshof.
Dass auf Kriege hingegen Reparations-
forderungen folgen (können), entspricht
klassischem Völkerrecht. Deutschland
zahlte noch Jahrzehnte für den Ersten
Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg,
der mit der bindungslosen Kapitulation
der Wehrmacht endete, gab es lange kei-
nen Friedensvertrag, der üblicherweise
auch die Reparationsfrage regelt. Die Be-
satzungsmächte hielten sich in ihren jewei-
ligen Zonen schadlos. Insbesondere die
Sowjetische Besatzungszone und spätere
DDR wurde zu einem erheblichen Teil de-

industrialisiert. Ende der neunziger Jahre
sprach die Bundesregierung von einem
Wert von 200 Milliarden Mark. Zudem
gab es nach dem Zweiten Weltkrieg Ver-
einbarungen, in denen von Reparationen
die Rede war. Schon im Potsdamer Abkom-
men war 1945 vorgesehen worden, deut-
sches Industrievermögen im großen Um-
fang zu enteignen.
Meist wurde aber festgestellt, dass eine
endgültige Regelung der Reparationsfrage
einem Friedensvertrag vorbehalten sei.
Die polnische Regierung erklärte 1953 ei-
nen Verzicht: „Mit Rücksicht darauf, dass
Deutschland seinen Verpflichtungen zur
Zahlung von Reparationen bereits in be-
deutendem Maße nachgekommen ist und
dass die Verbesserung der wirtschaftli-
chen Lage Deutschlands im Interesse sei-
ner friedlichen Entwicklung liegt, hat die
Regierung der Volksrepublik Polen den
Beschluss gefasst, mit Wirkung vom 1. Ja-
nuar 1954 auf die Zahlung von Reparatio-
nen an Polen zu verzichten, um damit ei-
nen Beitrag zur Lösung der deutschen Fra-
ge (.. .) zu leisten.“ Diese Verzichtserklä-
rung ist aus polnischer Sicht aber unwirk-
sam, da sie auf Druck der Sowjetunion ab-
gegeben worden sei.
Nach Ende des Ost-West-Konflikts kam
es dann doch noch zu einer „abschließen-
den Regelung in Bezug auf Deutschland“,
zum Zwei-plus-vier-Vertrag. Die Bezeich-
nung „Friedensvertrag“ vermied man, ge-
rade weil man keine neue Reparationsde-
batte wollte. Dabei wollte Polen schon da-
mals an den Gesprächen beteiligt werden.
Deutschland hebt hervor, dass Polen seit
dem Zwei-plus-vier-Vertrag kein rechtsför-
miges Verfahren eingeleitet habe, um Re-
parationsansprüche geltend zu machen.
Als 2004 das polnische Parlament Repara-
tionen von Deutschland forderte, wiegelte
die damalige polnische Führung ab. In ei-
ner vom polnischen Außenministerium
angeregten Studie kamen Wissenschaftler
damals zu dem Schluss, dass auch die ent-
schädigungslose Enteignung der Deut-
schen in den ehemaligen Ostgebieten als
ein Teil der Reparationen anzusehen sei,
die Polen erhalten habe. Polen steht es
dennoch frei, Forderungen zu stellen. Zu
beachten ist freilich, dass Deutschland
nicht nur rechtlich argumentiert: Ungeach-
tet der von den Staatsspitzen bekundeten
Scham angesichts einzigartiger Verbre-
chen sieht Deutschland angesichts jahr-
zehntelanger Bündnispartnerschaft für Re-
parationen schlicht keinen Raum mehr.

Fremde Federn:Josef Schuster


Die Dimensionen dieses Krieges


Nicht das letzte Wort


Wem nützt es?


Die Kosten des Krieges


Der deutsche Angriff auf Polen wirkt bis heute nach / Von Reinhard Müller


Anführer


September 1939:Entfernung eines polnischen Grenzsteins in Oberschlesien Foto epd


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